Zweite Leseprobe

12. Februar 2016

Zweite Leseprobe

Momentan bin ich ziemlich in Stress, da mein Mann und ich nächste Woche umziehen. Dementsprechend gibt es viel zu tun und ich komme gerade nicht allzu oft dazu, mich zu melden. Dennoch möchte ich euch zum Wochenende hin noch eine zweite Leseprobe aus “Seelenlos – Splitterglanz” vorstellen. Nur noch 18 Tage, bis das Buch endlich erscheint, es dauert also nicht mehr lang und ich hoffe, dass euch die Leseprobe die restliche Wartezeit ein wenig versüßt. Ich habe euch eine meiner Lieblingsstellen ausgesucht: Hier landet Gwen zum ersten Mal in der anderen Welt und wird von einem der Splitter magisch angezogen. Dabei trifft sie auch auf Tares, der ebenfalls hinter den Amulettsplittern her ist.

 

»Autsch, verdammt!«, keuchte Gwen, als sie auf den Boden aufprallte. Mit den Händen ertastete sie nasses Gras unter sich, aber vor allem verspürte sie einen dumpfen Schmerz an den Oberschenkeln und am Hintern.

Vorsichtig setzte sie sich auf und schaute sich um. Regen fiel in dicken Tropfen auf sie herab und durchtränkte ihre Kleidung. Sie erkannte einen milchig-weißen Mond, als dieser kurz zwischen den Wolken hervordrang, und erblickte hohe schwarze Bäume, dichtes Gebüsch und jede Menge Sträucher. Sie war inmitten eines Waldes gelandet. Noch dazu kam ihr dieser Ort vertraut vor, zumindest ein einzelner Ausschnitt davon. Noch einmal schaute sie sich um und konnte es nicht fassen. Hatte sie diese Landschaft nicht gerade noch im Spiegel gesehen?

Hektisch riss sie ihre rechte Hand empor und bemerkte dabei voller Erleichterung, dass sie darin noch immer den Taschenspiegel hielt. Allerdings war dessen Deckel nun ge­schlossen.

Wie konnte all das sein? Wie hatte sie diesen Ort darin sehen und all die Geräusche hören können? Wie hatte sie durch den Spiegel fallen – ein anderer Ausdruck fiel ihr in diesem Moment einfach nicht ein – und nun hier landen können?

Ihr fielen all die seltsamen Erlebnisse der letzten Zeit ein. Das leise Rauschen, das nicht nur sie, sondern auch ihr Vater gehört hatte. Und das Pfeifen, von dem Fee gesprochen hatte. Waren diese Geräusche aus dem Spiegel gekommen? Möglich war es zumindest, denn sie hatte ihn stets dabeigehabt. Vermutlich hatte er sich wegen des kaputten Scharniers zwischendurch geöffnet und somit schon früher hin und wieder diesen Ort gezeigt … Gwen hatte zumindest sofort das Rauschen des Windes wiedererkannt.

Sie schüttelte den Kopf. Das ergab doch alles keinen Sinn. Aber wo war sie hier und wie sollte sie zurück nach Hause kommen? Sie zog ihr Handy aus ihrer Hosentasche. Vielleicht ließ sich über die Standortanzeige herausfinden, wo sie sich befand. Sie blickte aufs Display – kein Empfang.

»Mist«, zischte sie und seufzte. Dann öffnete sie vorsichtig den Taschenspiegel, doch dieses Mal blickte ihr nur ihr eigenes erstauntes Gesicht entgegen.

Ihr Kopf war vor Entsetzen plötzlich wie leergefegt, und für einen kurzen Moment konnte sie keinen klaren Gedanken mehr fassen. Alles, was sie wahrnahm, waren die eiskalten Regentropfen, die immer stärker auf sie herab­fielen. Mittlerweile goss es in Strömen und auch die Temperatur hatte sich merklich abgekühlt. Gwen begann zu zittern und stand hastig auf. Sie sollte sich als Erstes nach einem Platz umschauen, der ihr Schutz vor dem Regen bot. Über alles andere konnte sie sich dann immer noch Gedanken machen.

Sie drehte sich und suchte in der Dunkelheit nach irgendetwas, wo sie sich unterstellen konnte. Ein großer Baum vielleicht oder ein Haus? Gab es hier irgendwo eine Siedlung? Möglicherweise war sie ja auch ganz in der Nähe ihres Zuhauses, wobei sie sich das kaum vorstellen konnte, da es dort keine größeren Wälder, sondern nur kleine Parks gab.

Schließlich fiel ihr ein kleines rötliches Licht auf, das durch das dichte Gebüsch des Waldes drang. Sie konnte die Entfernung nicht genau abschätzen, aber der Schein wirkte sanft und einladend. Wenn sie Glück hatte, gehörte er zu einem Haus und sie würde dort jemanden finden, der ihr helfen konnte.

Mit schnellen Schritten eilte sie an Bäumen und dichten Büschen vorbei dem Licht entgegen, ständig den Blick darauf gerichtet. Ein paar Mal musste sie aufpassen, um auf dem nassen Untergrund nicht auszurutschen oder über eine der vielen Wurzeln zu stolpern, die bei dieser Dunkelheit kaum zu sehen waren.

Mittlerweile war Gwen so nass, dass die Tropfen in langen Bahnen an ihrem Körper und ihrer Kleidung hinunterliefen. Zudem glaubte sie, jeden Moment erfrieren zu müssen.

Sie schob ein paar tief herabhängende Äste aus dem Weg und sah das Licht schließlich direkt vor sich. Zu ihrer Enttäuschung gehörte es mitnichten zu einem Haus, sondern kam aus einer dunklen, wenig einladend wirkenden Höhle. Doch Schutz vor dem Regen würde sie auch dort finden.

Sie ging darauf zu, lugte vorsichtig hinein und rief sicherheitshalber: »Hallo, ist da jemand?«

Womöglich war sie nicht die Erste, die auf die Idee gekommen war, sich hier vor dem Unwetter in Sicherheit zu bringen. Als ihr Rufen unbeantwortet blieb, betrat sie die Höhle, immer dem sanften Strahlen folgend, das den Raum erhellte. Inzwischen konnte sie die Wärme, die das Licht aussandte, regelrecht auf der Haut spüren. Es fühlte sich angenehm an, der Schein war golden und wurde immer wieder von tiefdunklen Rottönen durchzogen. Es hatte etwas seltsam Faszinierendes an sich. Die Geräusche von außen – der stete Klang des Regens und das leise Rauschen der Baumwipfel – traten zunehmend in den Hintergrund. Gwen hatte nur noch Augen für das Licht, dem sie sich langsam näherte und von dem sie sich geradezu angezogen fühlte.

Es schien direkt aus der dunklen Felswand zu kommen. Sie trat ganz nah heran und sah es als dünnen leuchtenden Strahl aus der Wand dringen. Wie konnte diese Lichtquelle nur so klein sein, wo sie sie doch aus so weiter Entfernung hatte sehen können? Was war das nur? Ein LED-Licht hätte jedenfalls niemals diese Kraft gehabt.

Gwen legte vorsichtig ihren Finger auf die Stelle, aus der der Schein drang, und ertastete dabei eine glatte, angenehm warme Fläche. Sie konnte sie mit den Fingern umfassen und zog sacht daran. Es brauchte gar nicht viel Kraft, nur ein paar kleinere Bewegungen, und schon löste sich der Gegenstand aus der Wand. Kaum war er herausgefallen, veränderte sich der Lichtschein, er wurde matter, war nun nicht mehr ganz so strahlend, sondern glich eher einem sachten Glühen.

Gwen begutachtete nun genauer, was sie da aus dem Felsen gezogen hatte. In ihrer Handfläche lag ein etwa zwei Zentimeter großer metallener Gegenstand. Er war relativ flach, an einer Seite konnte sie die Überreste einiger Linien erkennen, die eingraviert zu sein schienen. Er war schön gearbeitet und offenbar aus Silber, das im anhaltenden glühenden Schimmer aber eher rötlich wirkte. Gwen drehte und wendete ihr Fundstück in den Händen. Je länger sie es betrachtete, desto sicherer war sie sich, dass es irgendwo herausgebrochen sein musste. Aus einem Schmuck­stück, einer Schatulle oder einem anderen wertvollen Gegenstand vielleicht.

Noch immer wurde ihr Gesicht vom glimmenden Schimmer des Splitters erhellt. Nie zuvor hatte sie etwas Vergleichbares und annähernd Faszinierendes in den Händen gehalten, und sie wusste instinktiv, dass dieses Fundstück außergewöhnlich war. Die Wärme und die sanften Rottöne, die es aussandte, fühlten sich so angenehm auf Gwens nasser, unterkühlter Haut an, dass sie sich am liebsten darin eingehüllt hätte.

Sie hob den Kopf und gab sich für einen Moment ganz dieser herrlichen Empfindung hin – dieser wundervollen Hitze, die nun nicht mehr nur von dem Gegenstand in ihrer Hand, sondern von überall zu kommen schien und sie voll und ganz umschloss.

Gwen runzelte nachdenklich die Stirn. Nein, diese Wärme kam nicht von überall, sondern von ganz bestimmten Punkten, weit entfernt zwar und trotzdem deutlich wahrnehmbar. Diese Punkte waren es, die dieses Gefühl aussandten, das sich sanft um sie schmiegte und sie förmlich riefen. Eines dieser Signale konnte sie besonders deutlich spüren …

Sie stutzte. Ihr war, als hätte sie eben Schritte hinter sich gehört. Gwen wandte sich um und starrte in ein ihr vollkommen fremdes Gesicht. Sie musste so vertieft in dieses eigenartig warme Gefühl gewesen sein, dass sie diese Person zunächst gar nicht hatte kommen hören. Ganz automatisch krampfte sich ihre Hand um den Splitter und sie schob sie schützend hinter ihren Rücken.

»Wer sind Sie?«

Gwen ließ vorsichtig ihren Blick über den Fremden gleiten. Er war jung, vielleicht ein wenig älter als sie, groß gewachsen, mit breiten, starken Schultern, die in einem schweren, abgewetzten dunklen Mantel steckten, der das meiste seines Körpers verbarg. Seinem außergewöhnlich hübschen Gesicht konnte sie auf den ersten Blick nicht entnehmen, ob er gefährlich war oder nur jemand, der genau wie sie Schutz vor dem Regen suchte.

Ihr Blick wanderte über die ebenmäßigen Züge, die hohen Wangen­knochen, die schmale Nase, das pechschwarze Haar und blieb schließlich fasziniert an den Augen des Fremden hängen. Niemals zuvor hatte sie solche Augen gesehen. Sie strahlten eine derartige Tiefe aus, dass man sich darin verlieren konnte – waren so unergründlich, dass Gwen ein seltsames Prickeln auf ihrer Haut verspürte. Am beeindruckendsten war jedoch die Farbe: ein tiefdunkles Purpur mit silbernen und goldenen Sprenkeln darin, die zu tanzen schienen. Gwen hätte diesem Farbenspiel noch stundenlang zuschauen können. Wie war es möglich, solche Augen zu haben? Oder waren es Kontaktlinsen?

Sie blieb misstrauisch. Immerhin wusste sie noch immer nicht, wo sie sich befand und wer dieser Fremde war, geschweige denn was er wollte.

»Falls Sie gekommen sind, um Schutz vor dem Regen zu suchen: Die Höhle ist sicher groß genug, dass wir beide hier ungestört warten können, bis es aufhört.«

»Du hast da etwas, das mir gehört«, sagte ihr Gegenüber, ohne sie auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen.

Sie wusste, dass sie vorsichtig sein musste. Noch immer verbarg sie ihr Fundstück hinter dem Rücken. Es genügte jedoch ein Seitenblick, um zu erkennen, dass das Licht zwischen ihren Fingern hindurchdrang und die Höhle erhellte.

Sie seufzte und ließ die Hand schließlich sinken. »Ich schätze, es ist zwecklos, es verstecken zu wollen, dafür leuchtet es zu stark.«

Sie sah, wie ganz kurz ein hastiges Zucken durch das Gesicht des Fremden fuhr. War es Erstaunen? Zorn? Verwunderung? Sie konnte es nicht recht deuten.

»Es hat in der Felswand gesteckt. Demnach können Sie wohl kaum irgendwelche Besitzansprüche anmelden.«

»Mach es dir nicht schwerer als nötig. Ich kann recht ungemütlich werden«, erklärte der junge Mann mit rauer Stimme.

Gwens Herz pochte unruhig in ihrer Brust. Sie ahnte sehr wohl, dass der Kerl nicht spaßte, und sie wollte lieber gar nicht erst darüber nachdenken, was er ihr alles antun konnte. Doch dieses eigenartige Zucken eben … Sie war sich sicher, dass er für einen Moment irritiert gewesen war, dass sie ihn mit irgendetwas aus dem Konzept gebracht hatte. Ob ihr das noch einmal gelingen würde? Denn eines stand fest: Sie wollte dieses seltsam leuchtende Metallteil behalten. Ihr Verlangen danach war so groß, dass es ihr unmöglich schien, es auch nur für einen kurzen Moment aus der Hand zu geben.

Sie öffnete die Faust, woraufhin das Strahlen des Splitters die gesamte Höhle erhellte. »Es ist wirklich schön«, sagte sie und schaute den Fremden erneut an. »Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Diese Wärme, die es aussendet, das gleißende Licht … Es ist atemberaubend und sicher wertvoll.« Ihre Augen verengten sich ein wenig. »Ich kann gut verstehen, dass Sie es haben wollen, doch ich bin es, die es gefunden hat, und darum steht es mir zu.«

Der junge Mann runzelte nachdenklich die Brauen, schaute sie so eindringlich und prüfend an, dass sie kurz den Blick senken musste.

»Was soll das heißen, du würdest ein gleißendes Licht sehen?«, fragte er.

Sie war erstaunt über die Veränderung in seiner Stimme. Jegliche Rauheit war daraus verschwunden, sodass sie nur noch verwundert und interessiert klang.

Gwen schaute auf, und für einen Moment rieselte ein eigenartiger warmer Schauer ihren Rücken hinab. Er blickte sie an, aufrichtig und offen, als sehe er sie zum ersten Mal und versuche, etwas in ihr zu erkennen.

»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen«, gab sie unumwunden zu.

Er verdrehte genervt die Augen und erklärte ungeduldig: »Was meinst du damit, dass sich der Splitter warm anfühlt und ein Licht ausstrahlt?«

Nun war es an ihr, verblüfft die Brauen zu heben. Wollte er sie prüfen oder warum sonst stellte er sich so dumm? Nein, da war keine Hinterlist in seinem Blick, nur echtes Interesse und der Wunsch nach einer Antwort.

Sie sah auf das Metallstück. »Na ja, es schimmert doch in einem warmen roten Schein. Vorhin, als ich im Wald war, habe ich das Strahlen bis dorthin gesehen. Nur so war es mir möglich die Höhle und letztendlich diesen Splitter überhaupt zu finden.« Sie schaute den Fremden an. »Kannst du das etwa nicht sehen?«

Sie war zum Du übergegangen, in der Hoffnung, so ein wenig mehr Vertrautheit zu wecken und es ihm damit schwerer zu machen, sie anzugreifen.

Er schwieg einen Moment und runzelte die Stirn. »Du kannst sie also spüren«, sagte er wie zu sich selbst. Dann legte sich Entschlossenheit in sein Gesicht. »Du wirst mir helfen. Ich habe zwar keine Ahnung, woher du diese Fähigkeit hast, aber ich denke, damit wirst du mir mehr als nützlich sein.«

Gwen glaubte für einen Moment, sich verhört zu haben. »Muss ich das jetzt verstehen?« Sie wartete auf eine Antwort, die jedoch ausblieb. Stattdessen verdüsterte sich der Blick ihres Gegenübers vielsagend.

»Tut mir leid«, sie hob beschwichtigend die Hände, »aber es ist ausgeschlossen, dass ich dir helfe – bei was auch immer. Ich muss wieder nach Hause. Ich wollte mich nur kurz vor dem Regen unterstellen und in Ruhe herausfinden, wo ich bin.«

»Du weißt nicht, wo du dich hier befindest?«, fragte er verwundert. »Wie kann das sein?«

»Das weiß ich doch selbst nicht«, gab sie zu und ließ sich auf einen Felsvorsprung sinken. »Ich habe in diesen Spiegel gesehen und plötzlich bin ich … gefallen … Ja, ich weiß, wie verrückt das klingt, aber ich habe keine Ahnung, wo ich bin und wie ich wieder zurückkomme. Kannst du mir vielleicht sagen, wie ich in die nächste Stadt komme?« Sie zog ihr Portemonnaie heraus. »Ich kann dir für deine Hilfe auch gern ein wenig Geld geben. Nur bring mich einfach irgendwohin, wo ich einen Zug oder ein Taxi finde.«

»Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wovon du redest«, erklärte der Fremde, der sie weiterhin taxierte. »Du klingst wie eine Verrückte. Nichts von dem, was du sagst, ergibt irgend­einen Sinn. Aber, wie verrückt es mir auch vorkommt, ich glaube dir, dass du den Splitter auf eine Weise sehen und fühlen kannst, die anderen verwehrt bleibt. Sonst hättest du ihn niemals so leicht finden können.«

»Heißt das jetzt, du wirst mir helfen, oder nicht?«, hakte Gwen ungeduldig nach.

»Die nächstgelegene Stadt ist Palesia, aber ich habe noch nie etwas von einem Zug oder Taxi gehört. Das wirst du dort jedenfalls ganz sicher nicht finden.«

Sie schaute ihn ungläubig an. Dabei fielen ihr weitere Details an ihm auf, denen sie zuvor keine Beachtung geschenkt hatte, etwa die beiden Goldringe, von denen einer mit einem tiefroten und der andere mit einem dunkelblauen Stein verziert war. Des Weiteren trug er um den Hals eine silberne Kette mit einem Anhänger in Form eines seltsamen Symbols, in das mehrere kleine weiße Steine eingefasst waren, sowie um das rechte Handgelenk ein schwarzes Lederarmband mit silbernen Verschlüssen. Auch seine Kleidung – die dunkle Hose, die unter dem Mantel hervorschaute, die schweren Stiefel und das Schwert, das in der Scheide steckte – war ungewöhnlich. Er sah wirklich eigenartig aus und war zudem noch bewaffnet. Was für einem seltsamen Typen war sie da nur über den Weg gelaufen?

»Was soll das heißen, Zug und Taxi werde ich hier nicht finden?«, fragte Gwen. »Wo sind wir denn hier?« Ein ungutes Gefühl überkam sie, eine seltsame Ahnung.

«Du hast von einem Spiegel erzählt, durch den du gefallen bist», sagte der junge Mann, ohne auf ihre Frage einzugehen. Sie zögerte kurz, woraufhin der Kerl ungeduldig seine Mundwinkel verzog. Sollte sie ihm den Taschenspiegel tatsächlich zeigen? Aber was blieb ihr anderes übrig? Sie musste endlich wissen, wo sie sich befand und wie sie hergekommen war. Momentan war dieser Fremde vermutlich der Einzige, der ihr in dieser Frage weiterhelfen konnte.

Als sie ihm zögerlich den Spiegel reichte, musterte, drehte und wendete er ihn.

»Du stammst also tatsächlich nicht aus dieser Welt.«

Allein diese Worte genügten, dass Gwen erneut das Gefühl hatte zu fallen. Einerseits war es völlig abwegig, was er da sagte, andererseits wusste sie instinktiv, dass er recht hatte. Sie war von ihrem Zuhause vermutlich weiter entfernt, als sie es sich jemals hätte träumen lassen.

»Du bist durch den Spiegel in eine andere Welt gelangt«, stellte der Fremde fest. »Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb du den Splitter anders wahrnimmst als wir hier.« Er gab ihr den Taschenspiegel zurück. »Das ist ein magischer Gegenstand. Kein besonders machtvoller, aber er ist offenbar in der Lage, ein Tor zu öffnen, das von deiner Welt in unsere führt.«

Gwen spürte, wie ihre Beine nachgeben wollten. Ihr war, als hätte man ihr gerade in den Magen geschlagen. Sie ließ sich auf den Boden sinken, atmete tief durch und versuchte, einen klaren Kopf zu behalten. Sie war also in einer fremden Welt … weil sie durch einen Spiegel gefallen war. Wie war das möglich?

»Ich glaub, ich verliere den Verstand«, murmelte sie leise vor sich hin. »Das kann alles nicht wahr sein.«

Für ein paar Sekunden rang sie mit sich, kämpfte mit der Angst, die sich um sie schlang. Dann ballte sie entschlossen die Fäuste und sprang auf. So schnell würde sie nicht aufgeben, das war noch nie ihre Art gewesen. Wenn es ein Problem gab, stellte sie sich ihm und löste es.

»Und wie komme ich wieder nach Hause?«, fragte sie. »Kennst du einen Weg?«

»Alles, was mich interessiert, ist der Splitter«, erklärte er. Gwen blickte auf ihre Hand, in der noch immer das Fragment lag. Auch wenn es ihr schwerfiel, es herzugeben, so war der Wunsch, von hier fortzukommen, doch größer. Sie trat auf den Fremden zu, nahm seine Hand, die erstaunlich sanft und warm war, und legte den Splitter hinein.

»Hier, behalte ihn. Sieh es als Bezahlung dafür, dass du mich nach Hause bringst.«

Er zögerte keine Sekunde, öffnete einen kleinen Lederbeutel, den er an seinem Gürtel trug, und tat das Bruchstück hinein.

»Ich weiß nicht, wie du in deine Welt zurückkommst. Falls du dachtest, es gibt einen Ort oder so etwas wie ein Portal, das du nur durchqueren müsstest, um in deine Heimat zu gelangen, muss ich dich enttäuschen. So etwas existiert nicht, zumindest nicht dass ich wüsste.«

Gwen starrte ihn einen Moment lang fassungslos an. »Du Mistkerl! Gib mir sofort den Splitter zurück!« Sie holte mit dem rechten Arm aus, doch bevor sie zuschlagen konnte, war der junge Mann auch schon verschwunden. Sie spürte einen kühlen Luftzug, dann stand er plötzlich hinter ihr, umschlang sie und hielt ihre Arme so fest umklammert, dass sie glaubte, er würde ihr jeden Knochen brechen.

»Lass diesen Unsinn besser«, raunte er leise, und sie spürte seinen Atem über ihre Halsbeuge streichen. »Du willst diese Nacht doch sicher unbeschadet überstehen, oder?«

Sie wagte es nicht, auch nur Luft zu holen.

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