LESEPROBE KAPITEL 1 “WHISPER OF SINS”

Prolog

Es ist ein Fehler – das ist ihr absolut klar. Und sie weiß auch, was dieser Fehler sie kosten könnte. Dennoch kann sie nicht anders und läuft weiter. Die Lichter der Stadt in ihrem Rücken verlieren das warme Strahlen. Stattdessen umfängt sie die Kälte, je weiter sie sich von den Häusern entfernt. Sie muss von hier fort, so schnell es irgendwie geht. Wie konnte das nur passieren? Wie war es möglich, dass sie derart die Kontrolle verloren hat? Niemals hätte das geschehen dürfen. Niemals!
Ihr Atem rasselt in ihrer Brust, schafft es kaum, Sauerstoff in ihre Lunge zu pumpen. Ihr Herzschlag klopft dumpf in ihren Ohren wie eine Trommel, die einen unheilvollen Rhythmus spielt. Soll sie es zulassen? Kann sie das wirklich machen? Morgen wird es ohnehin vorbei sein, ein für alle Mal. So lange hat sie versucht, es zu verstecken, doch nun werden sich die Lügen offenbaren. Wer hätte gedacht, dass es auf solch schreckliche Weise passieren würde? Sie weiß, was mit ihr geschehen wird, und sie hat Angst. Unendlich große Angst, denn sie wird alles verlieren.
Ein Schluchzen drängt sich aus ihrem Inneren hervor, doch diese Schwäche lässt sie nicht zu. Es genügt, dass sie einfach losgelaufen ist, mitten in der Nacht, hinaus aus der Stadt, hinaus aus der sicheren Kuppel, die sie überspannt. Es ist ein Fehler, denkt sie erneut, und dieses Mal bleibt sie stehen, hebt den Kopf und weiß, dass sie zurückgehen muss. Wie konnte sie nur so dumm sein? Warum hat sie ihren Gefühlen nachgegeben, ist ihnen blind gefolgt?
Sie hat die Kontrolle verloren, und das darf niemals geschehen. Es war das Erste, was sie gelernt hat, und die wichtigste Regel: Bewahre stets die Kontrolle, handle niemals unüberlegt. Doch sie war schwach, und das rächt sich nun.
Kalter Wind streift aus dem Waldstück zu ihr herüber, greift nach ihrem Haar und fährt wie eine eisige Hand hindurch. Die Kälte, die er mit sich bringt, schlingt sich um ihr Herz und umklammert es unerbittlich.
Das Mädchen schafft es, zwei Schritte zurückzuweichen, während ihre Augen auf die Gestalt vor ihr gerichtet sind. Hochgewachsen und in ein weißes Kleid gehüllt steht die Erscheinung vor ihr. Die Haut ist blass wie das Mondlicht und die Augen erinnern an das Funkeln der Sterne. Sie könnten gütig und freundlich wirken, doch in ihrem Blick herrscht Leere. Ein Lächeln umspielt die geschwungenen Lippen der Frau, als sie sich dem Mädchen zuwendet. Das lange, silbrige Haar weht im Wind und lässt sie beinahe verletzlich wirken – doch das ist sie ganz gewiss nicht. Im Gegenteil.
Das Mädchen ballt die Fäuste, ihr Herz hämmert gegen die Rippen. Verzweifelt sieht sie sich nach einem Ausweg um, aber sie weiß, dass es keinen gibt. Sie hat einen Fehler gemacht. Einen schrecklichen Fehler, und dafür wird sie nun bezahlen.
»Weißt du, wer ich bin?«, will die Fremde wissen. Ihre Stimme schwebt lockend zu dem Kind hinüber, voller Wärme, voller Güte, wie die Umarmung einer liebenden Mutter. Doch so leicht lässt sich das Kind nicht täuschen. Es weiß ganz genau, wer die Frau ist und was das zu bedeuten hat.
»Du bist eine Sünde«, antwortet sie, ohne zu zögern, und sie ist froh, dass ihre Stimme nicht allzu sehr zittert. »Eine Ligia. Du bist der Hochmut.«
Es scheint die Frau nicht zu überraschen, dass die Kleine sie durchschaut hat. Mit stoischer Miene nickt sie. »So ist es. Und du warst sehr mutig, deine Stadt zu verlassen. Man könnte fast auf die Idee kommen, du hättest gehofft, dass ich dich finde.« Langsam atmet die Sünde tief ein, schließt genießerisch die Augen und leckt sich mit der Zungenspitze über die Lippen. »Dein Hochmut schmeckt herrlich. Leicht salzig mit einer Spur von Bitterkeit. Wie gerne würde ich mich an dir sattessen.«
Als sie die Augen wieder öffnet, liegt unverhohlene Gier in ihrem Blick. Da ist keine Güte mehr, nichts Reines, nichts Freundliches, nur Kälte und Grausamkeit – diese Kreatur ist zu allem fähig.
»Hab keine Angst. Wenn ich dich hätte befallen wollen, dann wäre das längst geschehen. Nein, ich bin aus einem anderen Grund hier.« Die Sünde legt den Kopf schräg und umkreist das Mädchen wie ein Raubtier seine verletzte Beute. »Ich spüre, was in dir vorgeht. Ich kann erkennen, welche Ängste du hegst, und vor allem weiß ich, was dich heute Nacht hierhergetrieben hat. Ich würde dir raten, auf die Stimme deines Herzens zu hören. Natürlich könnte ich dir auch ein Angebot machen.«
Das Mädchen schüttelt sofort den Kopf. Niemals! Niemals darf sie darauf eingehen. Sie wäre verloren.
Allerdings ist sie das wohl bereits: verloren. Die Sünde wird sie nicht entkommen lassen. Entweder ernährt sie sich von dem Mädchen und frisst sich in ihren Verstand, oder sie geht auf das Angebot ein, wie auch immer es aussehen sollte. In beiden Fällen kann sie nur verlieren.
»Ich kann dir helfen«, sagt die Ligia.
Es war zu erwarten, dass sie mit einem Versprechen kommt. Doch das Kind muss gestehen, dass die Worte etwas in ihr zum Klingen bringen. Ist es vielleicht Hoffnung?
»Morgen findet Jultria statt, habe ich recht?«
Die Kleine nickt langsam und spürt, wie sich ein Ring aus Eisen um ihre Brust legt, der sie ersticken will. Morgen ist alles vorbei. Morgen erfahren sie die Wahrheit. Alle werden es sehen.
»Sie werden erkennen, dass du eine Schattenhexe bist«, sagt die Ligia und lächelt.
Noch nie hat sie irgendwem von dieser Schande erzählt, die auf ihr lastet. Keiner kennt das Geheimnis, das sie so lange zu verstecken versucht hat. Die letzten Monate hat sie verzweifelt nach einem Ausweg gesucht, vergeblich. Bis jetzt. Sie hebt den Kopf und schaut in die kalten Augen der Sünde. Kann sie vielleicht eine Rettung anbieten? Das Mädchen weiß, wie gefährlich die Sünden sind. Niemals tun sie etwas, ohne einen Nutzen daraus zu ziehen. Aber das Mädchen ist verzweifelt. Sie weiß, was mit ihr geschehen wird, was man mit ihr machen wird.
»Oh ja, sie werden dir alles nehmen. Nichts zurücklassen. Und die Schmerzen werden unerträglich sein. Aber nicht nur das: Hast du alles irgendwann tatsächlich überstanden, wirst du nicht mehr zu ihnen gehören. Du wirst eine Verdammte sein, eine Ausgestoßene. Willst du das?«
Tränen brennen in den Augen des Mädchens, als sie langsam den Kopf schüttelt. Sie weiß, wie gefährlich das ist, was sie gerade tut. Aber um ihr Leben zu retten, hat sie gar keine andere Wahl. Und so hebt sie den Kopf und fragt: »Wie willst du mir helfen? Was kannst du für mich tun?«
»Oh, meine Kleine«, wispert die Ligia, und sie klingt dabei wieder so zärtlich, als würde sie ihr eigenes Kind trösten. Vorsichtig geht sie auf das Mädchen zu. »Ich kann sehr viel für dich tun. Und ich bin sicher, du auch für mich.« Mit einem warmen Lächeln auf den Lippen legt sie die Hand auf die Schulter der Kleinen. Eine Geste, die liebevoll und beschützend sein könnte. In diesem Fall jedoch ist es der Anfang vom Ende.

Kapitel 1

Die Fassaden der Häuser strahlen im Sonnenlicht. Markisen spenden den Passanten Schatten und verleihen der Straße ein paar freundliche Farbtupfer. Vor einem Café sind Stühle und Tische aufgestellt, die bereits gut besetzt sind. Herrlicher Kaffeeduft weht mir entgegen, und der Anblick der Torten und Eisbecher ist mehr als verlockend. Als ich an einem Pflanzenkübel vorbeikomme, in dem Ginkgo wächst, wechsele ich schnell die Straßenseite. Aus den Augenwinkeln schiele ich zu dem Bäumchen hinüber und scanne gleichzeitig die Umgebung nach weiterem Grünzeug. Warum kann unsere Gemeinde nicht in der Nähe einer Großstadt liegen? Am besten mit viel Beton, Asphalt, Hochhäusern, poliertem Stahl und glänzendem Glas. Stattdessen liegt Rosehall nur wenige Meilen von dieser Kleinstadt namens Greenville entfernt, und allein dem Namen hört man an, dass es hier ziemlich viel Natur gibt.
Ich halte kurz den Atem an, als ich an zwei großen Pflanztöpfen mit Hortensien vorbeikomme, und bete zu den Göttern, dass alles gut gehen möge. Erleichtert hole ich Luft, als ich auch dieses Hindernis passiert habe.
Ich liebe meine Ausflüge in die Stadt. All das Leben, die Technik, die selbstverständlich überall zum Einsatz kommt, das herrliche Essen. Dazu die Menschen, die mich jedes Mal aufs Neue faszinieren. Am liebsten würde ich hier leben, mitten unter ihnen, ganz ohne Magie, Zaubersprüche und Grünzeug, das mich zu töten versucht. Ich schnaube leise bei dem Gedanken daran und streiche mir kurz über den Arm, um den sich vor wenigen Tagen Efeu geschlungen hat. Dieses Teufelszeug wollte ihn mir abtrennen – auch wenn mein Dad anderer Meinung ist.
Ich schlendere an den kleinen Geschäften vorbei, bewundere die Auslagen und widerstehe erneut dem Drang, mir ein Smartphone zu kaufen. Meine Eltern würden mich umbringen, gnadenlos und ohne mit der Wimper zu zucken. Na ja, zumindest würden sie mich noch besser im Blick behalten und meine Ausflüge nach Greenville verhindern. Und das käme einem Todesurteil gleich.
Ich biege an der nächsten Kreuzung rechts ab und erblicke das kleine Café, mein Ziel für den heutigen Ausflug. Ich kann es kaum erwarten, mich in meine Lieblingssitzecke zurückzuziehen, zur Tarnung ein Buch in die Hand zu nehmen und die Menschen zu beobachten. Für einen Außenstehenden mag dieses Hobby vermutlich seltsam anmuten, aber immerhin sammele ich keine Rosenquarze oder gusseiserne Kessel. Wenn es so weit kommen sollte, weiß ich, dass bei mir etwas gewaltig schiefgelaufen ist.
Beim Hineingehen werfe ich einen Blick durch das große Fenster. Heute ist hier besonders viel los, doch zum Glück scheint mein Lieblingsplatz noch frei zu sein. Mit schnellen Schritten bahne ich mir einen Weg und setze mich erleichtert hin. Die Holzbank ist mit grünen Kissen gepolstert, und ich mache es mir gemütlich, hole mein Buch aus dem Rucksack und lege es gut sichtbar vor mir auf den Tisch. Nun kann ich in aller Ruhe meinen Blick umherschweifen lassen. Es duftet nach Kaffee, Gebäck und Torten – herrlich. So lässt es sich entspannen.
Von hier aus habe ich den besten Überblick – auch wenn mir gerade ein Kerl an einem anderen Tisch die Sicht auf die Kuchentheke versperrt. Er neigt den Kopf zur Seite, um sich mit der brünetten Frau zu unterhalten, die ihm gegenübersitzt. Er hat schwarzes, lockiges Haar. Am liebsten würde ich die Finger darin versenken, nur um herauszufinden, ob es tatsächlich so weich ist, wie es aussieht. Er trägt ein schwarzes Shirt, das den Blick auf die muskulösen Oberarme freigibt. Alles in allem macht er eine recht gute Figur – im Moment stört mich aber vor allem eines am ihm: Er ist mir noch immer im Weg und macht keine Anstalten, das Gespräch mit der brünetten Schönheit zu beenden. Genervt verdrehe ich die Augen und stehe auf, um zur Theke zu gehen. Dann werde ich mir eben aus der Nähe ein Stück Kuchen aussuchen.
Ich komme gerade an dem Tisch der beiden vorbei, als ich ein kühles Kribbeln im Nacken spüre. Irritiert drehe ich mich um und fange den Blick des schwarzhaarigen Kerls auf. Für einen Moment bin ich so verwundert, dass ich stehen bleibe. Ich habe noch nie so unfassbar blaue Augen gesehen. Sie funkeln und strahlen wie das azurblaue Meer, das ich aus dem Internet kenne, welches ich verbotenerweise hin und wieder benutzt habe. Auf der Stelle bin ich gefesselt. Seine markanten Lippen zucken und verziehen sich langsam zu einem Grinsen. Der Kerl kennt seine Wirkung auf andere wohl nur zu gut. Und so, wie er seinen Kopf mit der Hand abstützt und mich mit einem lasziven Blick betrachtet, genießt er die Situation in vollen Zügen.
Ich verdrehe die Augen und mache mich wieder auf den Weg zur Theke. Die Auslage gefällt mir deutlich besser als der Kerl. Immerhin bringt mir so ein Stück Kuchen sicher weniger Ärger ein als er. Ich entscheide mich für Zitronen-Baiser-Torte und kehre zu meinem Platz zurück. Dieses Mal schenke ich dem Typen keinerlei Beachtung und greife zu meinem Buch.
Ich habe noch keine Seite gelesen, da reißt mich eine Stimme aus meinen Gedanken.
»Hey, Adeline, da bist du ja wieder. Du warst lange nicht mehr hier. Ich habe mich schon gefragt, ob du ein anderes Café für dich entdeckt hast.« Der Kellner schenkt mir ein warmes Lächeln. Ich mag seinen Blick; unverhohlen und freundlich blicken seine braunen Augen auf mich herab.
»Es war nur viel zu tun«, lüge ich und behalte für mich, wie schwer es ist, auf einen passenden Moment zu warten, damit ich ungesehen herkommen kann.
»Möchtest du etwas trinken?«
»Einen Latte macchiato, bitte«, sage ich, woraufhin er mir zuzwinkert.
»Das wäre auch meine Vermutung gewesen. Deine Kaffeevorlieben kenne ich inzwischen.«
Ja, ich komme oft her, aber dieses Café hat auch ein ganz besonderes Flair. Ich mag das rustikale Ambiente, die Gemütlichkeit … und Marc ist auch ziemlich nett. Er ist Student, arbeitet aber nebenbei hier. Wir unterhalten uns hin und wieder, sodass er mittlerweile essenzielle Dinge wie meinen Lieblingskaffee oder meine Lieblingskäsesorte kennt – und ja, das war eine ziemlich seltsame Unterhaltung, als das Thema zur Sprache kam.
»Wie lief die Prüfung?«, will ich wissen.
Er nickt vage. »Hm, ich denke, ganz gut. Aber sicher bin ich mir nicht. Ich hoffe, dass ich keine böse Überraschung erleben werde.«
»Ach, und wenn schon. Die letzten Prüfungen hast du mit Bravour bestanden, da wäre es auch kein Beinbruch, wenn es mal nicht geklappt hätte.«
»Das stimmt wohl. Aber die nächsten Wochen will ich nicht unbedingt wieder mit Lernen verbringen. In letzter Zeit bin ich deswegen kaum zum Training gekommen.«
Marc geht in seiner Freizeit gerne ins Fitnessstudio, was man seiner Figur durchaus ansieht.
Er dreht sich in Richtung Theke. »Dein Kuchen steht bereit, bin gleich wieder da.« Damit geht er und verschwindet hinter dem Tresen.
Während ich ihm hinterherblicke, habe ich das ungute Gefühl, dass mich ein Augenpaar beobachtet – und ich könnte wetten, dass es von einem unfassbaren Blau ist. Als ich mich aber nach dem Kerl umsehe, ist er noch immer in die Unterhaltung mit der Brünetten vertieft. Mittlerweile halten sie sogar Händchen. Komisch. Für einen romantischen Typ hätte ich ihn nicht gehalten. Er wirkt eher wie die perfekte Besetzung für eine dieser Liebesschnulzen, in denen sich ein unschuldiges Mädchen in den äußerst attraktiven, unnahbaren und problembehafteten Badboy verliebt. Gerade schaut er allerdings so, als würde er lieber die Hauptrolle in einem Thriller spielen – und zwar in einem, in dem er der Killer sein darf. Da fällt mir ein, dass ich unbedingt mal wieder ins Kino gehen sollte. Ich habe einfach viel zu selten die Gelegenheit, Filme anzuschauen, dabei bin ich mittlerweile echt ein Fan davon geworden.
Marc balanciert meinen Latte macchiato und meinen Kuchen auf einem Tablett zum Tisch, da bemerke ich, wie sich hinter ihm die Eingangstür öffnet. Ich muss ein zweites Mal hinsehen, doch dann überfällt mich blanke Panik. Kurz überlege ich, aufzuspringen und zur Tür zu rasen, aber da erreicht Marc mich auch schon und stellt Kaffee und Torte vor mir ab.
»Lass es dir schmecken«, sagt er mit einem Augenzwinkern und hält meinen offen stehenden Mund hoffentlich nur für eine Überreaktion auf den Kuchen.
Ich kämpfe darum, mir nichts anmerken zu lassen, nicke wie ein Wackeldackel und schiele zu der jungen Frau mit dem dunklen Lockenkopf, die sich fasziniert umschaut, als sei sie gerade zum ersten Mal in Disneyland. Ihr Blick trifft den sonderbaren Kerl, ihr Mund klappt unübersehbar auf, während sie ihn sekundenlang anstarrt. Ihre dunkelbraunen Augen weiten sich, und sie mustert ihn wie eine neugefundene Lieblingssüßigkeit.
»Lexie«, zische ich ihr zu und reiße sie aus ihrer Erstarrung.
Grinsend wendet sie sich mir zu und kommt an meinen Tisch. Sie nickt hinter sich und zwitschert: »Adeline, hast du den Typen gesehen? Wenn es unter den Menschen so heiße Kerle gibt, bereue ich es noch mehr, nicht hier leben zu können.«
»Leise«, ermahne ich sie und hoffe, dass niemand sie gehört hat.
Als sie sich setzt, verpasst sie mir einen kleinen Klaps auf den Arm. »Warum hast du mir nicht gesagt, dass du nach Greenville ausbüxt? Fast hätte ich mich bei deiner Mutter verplappert.«
Geschockt setze ich mich auf und starre meine beste Freundin an. »Was hast du ihr gesagt? Weiß sie irgendwas? Müssen wir los?«
»Nein, sie ahnt nichts«, beschwichtigt sie mich. »Ich wollte zu dir, und deine Mutter war etwas verwundert, weil du ihr gesagt hast, wir würden uns zusammen in der Bibliothek ein paar Zaubersprüche ansehen.«
Ich verdrehe die Augen. »Du bist ganz sicher, dass sie nichts ahnt?«
»Alles gut«, verspricht Lexie und schenkt mir einen beruhigenden Blick.
Seit unserem fünften Lebensjahr sind wir die besten Freundinnen und im Grunde unzertrennlich. Ich habe darum immer ein schlechtes Gewissen, ohne sie nach Greenville zu gehen, denn ich weiß, dass auch sie gerne hier ist. Aber so sehr ich Lexie auch liebe, es gibt ein Problem bei ihr …
»Oh, ich bin so aufgeregt. Ist das alles nicht unfassbar toll hier?! Schau dir nur die Lichter an.« Sie dreht den Kopf zur Decke, sodass ihre großen, blauen Ohrringe hin- und herschwingen. »Das alles läuft mit Strom. Unfassbar, oder? Und das da drüben«, sie deutet auf die Kaffeemaschine, »auch Strom. Und all die Handys …«
Ich nicke. »Ja, schon klar. Akkus. Unfassbar tolle Erfindung.« Ich versuche, sie abzuwürgen, bevor sie richtig loslegen kann.
»Genau. Die Menschen brauchen für nichts davon Magie. Unvorstellbar, dass das alles so funktionieren kann.« Vor lauter Aufregung hüpft sie ein wenig auf ihrem Stuhl herum, sodass ihre Lockenpracht enthusiastisch wippt.
»Lexie, beruhige dich! Wir dürfen nicht auffallen, denk daran.«
Sofort setzt sie eine ernste Miene auf und beugt sich verschwörerisch zu mir. »Oh, stimmt. Alles klar. Nicht auffallen. Wir sind nur Jugendliche, die ein Café besuchen … was trinken, Kuchen essen. Der sieht übrigens echt lecker aus.« Sie greift nach meiner Gabel, sticht sich ein kleines Stück ab und schiebt es sich in den Mund. Sofort verdreht sie genießerisch die Augen. »De puta madre! All die Aromen, die Süße, die Säure. Wenn ich hier leben würde, wäre ich innerhalb von zwei Wochen fünfhundert Pfund schwer.«
»Scht«, zische ich. »Nicht so laut!«
In der Tat erregen wir mit unserem Verhalten etwas Aufsehen. Einige Gäste werfen uns jedenfalls bereits verwunderte Blicke zu.
»Oh … ähm, klar. Nichts anmerken lassen. Ganz entspannt sein. Nur nicht auffallen.«
Aber genau das ist eben alles andere als Lexies Stärke. Auch ihr entgeht nicht, dass wir immer mehr Blicke ernten. Unruhig rutscht sie auf ihrem Stuhl herum – dieses Mal aber vor Anspannung. Nicht gut, gar nicht gut.
»Hey«, sage ich zu ihr und strecke über den Tisch hinweg die Hand nach ihr aus. »Es ist alles okay. Niemand ahnt was. Keiner hier weiß, dass Hexen existieren. Sie halten uns für eine Art Märchenfigur.«
»Ja«, stimmt sie mir zu, »und zwar für böse Märchenfiguren. Früher haben Menschen Frauen sogar auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil sie dachten, sie wären Hexen. Kannst du dir das vorstellen?« Mit unruhigem Blick schaut sie umher, als könnte sie den Leuten an der Nasenspitze ansehen, wie sie zur Inquisition stehen.
»Das gehört der Vergangenheit an. Heute ist alles anders. Es gibt Strom«, bringe ich ihr Lieblingsthema wieder zur Sprache.
Sogleich weiten sich Lexies Augen vor Freude. »Stimmt. Das ist schon eine wirklich tolle Erfindung.«
»Ja, und vergiss die Akkus nicht.«
»Oh ja«, pflichtet sie mir bei. »Ein wiederaufladbares galvanisches Element, bestehend aus zwei Elektroden und einem Elektrolyt, das elektrische Energie auf elektrochemischer Basis speichert«, zitiert sie ihre Lieblingszeilen aus dem Wikipedia-Eintrag, den wir beim Durchforsten des Internets gefunden haben. Internet – noch etwas, das bei Lexie für wahre Begeisterungsstürme gesorgt hat. »Und das Internet!«, fügt sie wie erwartet hinzu.
»Genau. Denk an all die wundervollen Sachen hier und iss am besten noch ein Stück von meinem Kuchen. Dann sollten wir uns auf den Rückweg machen.«
»Du hast ja recht«, murmelt Lexie, zieht sich meinen Teller heran und beginnt, zu essen. Während sie Gabel, um Gabel zum Mund führt, sagt sie: »Madre mía, ist das köstlich. Absolut göttlich! Ich könnte ausflippen.«
In dem Moment taucht Marc hinter ihr auf. »Dir scheint es ja zu schmecken. Ich gebe das gerne an unseren Konditor weiter. Das freut ihn bestimmt.« Mit einem breiten Lächeln sieht er zu Lexie, der in diesem Moment der Mund aufklappt. Schon das zweite Mal an diesem Tag, dass es ihm gelingt, bei einem Mädchen diese Reaktion hervorzurufen. Muss sein Glückstag sein. Die Augen meiner Freundin weiten sich, werden größer und größer. Das entgeht auch Marc nicht. »Ähm … alles in Ordnung?«
Ihre Lippen bewegen sich, zittern und versuchen offenbar, Worte zu formen, aber ihr Verstand scheint mit der Situation vollkommen überfordert zu sein. Immerhin ist es das erste Mal, dass sie mit einem echten Menschen in unserem Alter spricht, und er steht ihr auch noch direkt gegenüber. Ich spüre die Spannung in der Luft, das elektrische Knistern – und das leider nicht im übertragenen Sinne.
Sofort springe ich auf, lege ihr den Arm um die Schultern und ziehe sie zu mir heran. »Klar, es geht ihr bestens. Sie war nur einige Wochen auf Diät. Kein Zucker und so, du weißt schon. Von daher schlägt der Kuchen gerade ein wie eine Bombe.«
Das war mit Sicherheit die dümmste Ausrede aller Zeiten, doch Lexie nickt heftig. Und tatsächlich scheint Marc meine Worte zu schlucken.
»Ihr Mädels immer mit euren Diäten. Genießt lieber das Leben und macht vielleicht ab und an etwas Sport. Allerdings war es schon echt toll, zu sehen, wie du dich über so etwas Einfaches wie Kuchen freust. Einfach süß!«
Marc schenkt ihr einen tiefen Blick, und damit ist es geschehen. Lexie hat sich nicht mehr im Griff, und ihre Magie schlägt zu. Ein Blitz fährt aus ihren Händen, zischt durch den Raum und kracht in die imposante Kaffeemaschine. Die gibt ein lautes Dröhnen von sich, das den Barista, der danebensteht, zu einem kinoreifen Sprung verleitet. Sprudelnd heißes Wasser ergießt sich aus dem Apparat gen Boden, dann birst der Behälter mit den Kaffeebohnen. Lexie und ich starren stumm auf das Chaos, und es dauert einen Moment, bis ich die Sprache wiederfinde.
»Ich möchte bitte zahlen.«
Marc wendet sich langsam wieder mir zu. »Ich bringe die Rechnung.« Damit geht er in Richtung Tresen, wo zwei Mitarbeiter versuchen, der Kaffeemaschine beizukommen, die gerade die letzten Reste ihres Wassertanks ausspeit.

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