Leseprobe “Schicksalsmond: Band 7”

Ich hätte nicht gedacht, dass er noch verwahrloster aussehen könnte. Aber diese Gestalt dort wirkt dermaßen heruntergekommen und krank, dass es mich wundert, wie er sich auf den Beinen halten kann. Verfilzte, schwarze Haare, die ihm fettig ins Gesicht fallen. Die Haut so trocken und dünn wie Pergament. Sie spannt sich über die hervorstehenden Kieferknochen und das spitze Kinn. Die Augen wirken riesig in dem schmalen Gesicht. Dazu die leicht nach vorn gebeugte Haltung, als müsste er die Last der ganzen Welt auf seinen schmalen Schultern tragen. 

Ängstlich sieht Frances’ Bruder uns an, dann macht er zwei schnelle Schritte in unsere Richtung und sagt: »Es tut mir leid. Das müsst ihr mir glauben. Ich wollte das nicht. Sie hätte nicht sterben dürfen. Nicht sie. Frances war ein guter Mensch. Und nun ist sie irgendwo, ohne mich. Ganz allein. Das darf nicht sein.«

Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll, und starre Jacob nur fassungslos an. Es ist nicht zu übersehen, wie schwer ihn der Tod seiner Schwester getroffen hat und welche Schuldgefühle er deswegen hat. Aus den Augenwinkeln blicke ich zu Noah und bemerke, wie er die Fäuste ballt. Er sieht wütend aus, scheint sich aber noch in Zaum halten zu können. 

»Warum bist du gekommen?«, frage ich und hoffe, mit einem Gespräch Noah davon abhalten zu können, etwas Unüberlegtes zu tun. 

»Ihr wart so laut. Ich konnte euch gar nicht überhören. Und ihr kanntet Frances. Ihr wart dabei, als sie gestorben ist. Meinetwegen. Es ist alles meine Schuld.« Tränen glitzern in seinen Augen. 

»Wir werden dir keine Absolution erteilen«, donnert Noah los. »Keiner wird dir vergeben. Wenn du standhafter gewesen wärst und nicht versucht hättest, mithilfe des letzten Hauchs stärker zu werden, nichts wäre dann so gekommen.«

»Ich höre immer wieder ihre Stimme«, fährt Jacob fort, ohne auf Noahs Worte einzugehen. »Sie ruft mich, und ich will ihr folgen. Aber ich finde sie nicht. Wo ist sie hin? Ist es meine Strafe, dass ich sie verloren habe? Ich bin immer nur auf der Suche – genau wie ihr.«

Schon beim letzten Zusammentreffen mit Jacob war klar, dass er in seiner ganz eigenen Welt lebt und nicht mehr bei Verstand ist. Nun wirkt er allerdings noch verwirrter, wenn das überhaupt möglich ist. Verzweifelter ist er auf jeden Fall. 

»Ihr habt gar nicht auf mich gewartet, stimmt’s? Sondern auf sie. Sie wird aber nicht erscheinen. Sie kuriert ihre Verletzungen aus. Der Weg hierher ist zu weit und viel zu dunkel. Dabei könnte sie mit ihrem Licht all die Finsternis vertreiben und so viele Fragen beantworten. Sie weiß alles. Versteht ihr?«

Ich schüttele den Kopf. Nein, ich verstehe rein gar nichts. Nur, dass er offenbar nicht mehr von Frances spricht, sondern von … Frida?

»Du redest von meiner Großtante Frida, richtig?«, hake ich nach. »Du kennst sie, weil sie wie du hier im Odyss bei den Türen lebt. Du sagst, sie ist verletzt worden? Geht es ihr gut? Braucht sie Hilfe? Kannst du mich zu ihr bringen?«

»Hilfe«, keucht er. »Wir alle brauchen Hilfe. Aber bekommen wir sie? Nein, wir müssen uns selbst helfen. Das ist alles, was zählt. Aber manchmal … manchmal schafft man es nicht allein.« Er beginnt, am ganzen Körper zu zittern, während er mit schlurfenden Schritten und ausgestreckten Armen auf uns zukommt. »Erlöst mich von diesem Leid, bitte. Ich schaffe es nicht allein. Ohne sie kann ich nicht mehr sein. Diese Schuld, diese Last, sie erdrückt mich. Befreit mich von diesen Qualen, macht ihnen ein Ende. Ihr könnt es.« Die Tränen laufen ihm die Wangen hinab, Rotz hängt an seiner Nase, sein Mund ist schmerzvoll verzerrt. An seinem Gesicht, seiner ganzen Körperhaltung ist deutlich zu erkennen, wie sehr er leidet, und dennoch …

Ich drehe mich zu Noah um und sehe sein Gesicht, das zu Stein erstarrt scheint. Er wirkt kalt, unnahbar und auch … entschlossen. 

»Du ziehst das nicht wirklich in Erwägung, oder?«, will ich von ihm wissen. 

»Für ihn wäre es eine Erlösung«, sagt Noah schließlich und nickt in Jacobs Richtung. 

Der hat sich mittlerweile auf den Boden sinken lassen und schaukelt mit dem Oberkörper vor und zurück. Dabei murmelt er unentwegt zwei Sätze vor sich hin: »Ich will zu dir, Schwester. Vielleicht werden wir dann zusammen doch noch glücklich.«

Noah hebt die Hand und lässt eine schwarze Flamme darin erscheinen. Sein Blick ist eisig und dunkel wie die Finsternis um uns herum.

»Noah«, murmele ich, »das kannst du nicht machen.« Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Mein Kopf fühlt sich wie leer gefegt an und ich habe keine Ahnung, was ich machen soll. Aber fest steht, dass ich auf keinen Fall zulassen werde, dass Noah Jacob umbringt. Diese Schuld kann er nicht auf sich laden. 

Ich will auf ihn zugehen, doch Noah ist schneller. Mit ein paar Schritten ist er bei Jacob, zieht ihn mit der Linken auf die Füße und hält die schwarze, brennende Kugel dicht vor Jacobs Gesicht. 

»Du hast mich schon einmal darum gebeten, dich zu erlösen. Doch soll ich dir was sagen? Du hast es auch heute nicht verdient. Denk weiter darüber nach, was du angerichtet hast. Sehne dich nach deiner Schwester und vergiss niemals, was für ein Mensch sie war. Sie hätte nicht gewollt, dass ich dir das Leben nehme. Allein darum könnte ich es schon nicht über mich bringen.«

Aus Jacobs Augen strömen Tränen. Er schluchzt leise und lässt sich ein Stück nach vorne fallen. So erschöpft, so zerbrechlich und verloren wirkt er. 

»Wenn dir Frances wirklich etwas bedeutet hat, dann versuch, wieder auf die Beine zu kommen. Reiß dich zusammen und versuche, so was wie ein Leben zu führen. Das bist du ihr schuldig.« Damit stößt Noah Jacob von sich und wirft die brennende Kugel genau vor seine Füße. »Und nun verschwinde. Bitte mich nie wieder darum, dich zu töten, denn ich kann dir versprechen: Das wird niemals geschehen!« Damit dreht er sich um, sieht mich kurz an und murmelt: »Lass uns von hier verschwinden.« 

Ein letztes Mal sehe ich zu Jacob, der weiter auf dem Boden kniet und mit sich kämpft. Aber schließlich rafft er sich auf, blickt noch einmal zu mir und verschwindet in der Dunkelheit des Odyss. 

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*