Leseprobe “Schicksalsmond: Band 7”

Noch 10 Tage bis „Schicksalsmond: Band 7“ erscheint. Um euch die Wartezeit noch ein wenig zu versüßen, gibt es hier eine ausführliche Leseprobe. Ich wünsche euch ganz viel Spaß. ❤

Er beugt sich wieder zu mir und küsst meine Schläfe. Während seine Finger mit meinem Haar spielen und seine Lippen an meinem Hals entlangwandern, fragt er: »Wie kommt es, dass du hier sein kannst? Ich gehe nicht davon aus, dass die Fabrici plötzlich ihre gutmütige Seite entdeckt haben.«

»Sie wollen, dass ich heute Abend bei Claires Prüfung dabei bin«, antworte ich. 

Ayden lässt sofort von mir ab und sieht mich überrascht an. »Ist das ihr Ernst?«

Ich nicke. »Sie wollen mich wohl den anderen Ratsmitgliedern präsentieren und zeigen, dass auch sie ein wertvolles Pfand in Händen halten.«

»Wie schön«, meint Ayden. »Und um dich gut zu stimmen, waren sie einverstanden, dass du vorher noch hierherkommst?«

»Ich kann sehr überzeugend sein«, erwidere ich mit einem Augenzwinkern. Doch sofort werde ich wieder ernst. »Hast du eine Ahnung, was bei dieser Prüfung auf Claire wartet?«

»Nein, ich weiß nur, dass sie sich nicht vorbereiten kann. Es gibt wohl eine Anzahl verschiedener Tests, die in einem Buch niedergeschrieben sind. Dieses unterliegt einem Zauber und erscheint nur, wenn eine Prüfung ansteht. Per Los wird entschieden, welchem Test der Prüfling sich unterziehen muss.«

Unweigerlich kommen die Erinnerungen an meinen eigenen Test hoch. Ich sehe die Gesandten, höre ihren Gesang, spüre diesen unbeschreiblichen Schmerz. 

Ayden ist sofort da und nimmt mich in den Arm. »Es wird ein anderer Test sein. Keine Sorge, du wirst das nicht noch mal miterleben müssen.«

»Trotzdem könnte ihr dabei etwas passieren«, sage ich. »Vielleicht verliert sie sogar ihr Leben. Zumindest hat sie immer deutlich gemacht, dass sie um die Gefahren weiß, die es mit sich bringt, eine Miraya zu sein.«

»Ihre Familie hat sie gut ausgebildet. Und zumindest das habe ich gehört: Der erste Test ist ungefährlich. Wenn sie daran scheitert, ist einfach nur klar, dass sie keine Göttin sein kann, und es passiert ihr nichts weiter.«

»Außer dass sie all die Hoffnungen und Träume ihrer Familie zunichtemacht.«

»Aber sie ist weiterhin am Leben. Und ob du es glaubst oder nicht, Albert Cunningham bedeutet seine Enkelin unglaublich viel. Er wird sie trotzdem mit offenen Armen empfangen.«

Ich lehne mich an Ayden und versuche, all die trüben Gedanken aus meinem Kopf zu bekommen. Endlich haben wir mal Zeit füreinander. Ich kann bei ihm sein und sollte diese Chance auch nutzen.

Ich drehe mich zu ihm um, lege meine Hand in seinen Nacken und genieße den Blick seiner tiefgrünen Augen. Allein sein ebenmäßiges Gesicht zu betrachten, diese vollkommenen Züge, genügt, dass ein süßer Schauder durch meinen Körper rieselt. Ich beuge mich ein Stück vor und verschließe seine Lippen mit einem Kuss. Meine Hände gleiten über seine breiten Schultern, nehmen die Wärme seiner Haut in sich auf. Ich rieche seinen Duft, der nach mir ruft, und fühle ein unstillbares Prickeln in mir. 

Ich öffne die Lippen, lasse seine Zunge ein und ringe nach Atem. Meine Hände schieben sich unter seinen Pullover, streicheln die weiche, feste Haut, die ich beinahe gierig berühre. Seine Muskeln spannen sich unter meinen Fingerspitzen, und Ayden küsst meinen Hals, womit er das Feuer in mir nur weiter zum Lodern bringt. Ich keuche seinen Namen, was ihm ein Schmunzeln entlockt. Als seine Hände den Weg unter meinen Pullover finden, habe ich nur einen Wunsch: endlich diese Klamotten loszuwerden. 

Doch dazu kommt es leider nicht mehr. Ein Klopfen ertönt, und ich schaue verwundert auf. 

»Nun mach schon auf. Ich weiß, dass du da drin bist«, höre ich Alfredos Stimme. 

Ich reiße erstaunt die Augen auf und spüre eine ziemliche Wut in mir aufkommen. Es ist erst kurz nach 20 Uhr. Was will er schon hier? So viel zu unserer Abmachung. 

Genervt stehe ich auf und öffne die Tür. »Was machst du hier?«, blaffe ich ihn an. 

Alfredo lehnt sich gelassen an den Türrahmen. »Kleine Planänderung. Wir treffen den Rat schon ein wenig früher. So bleibt mehr Zeit zum Plaudern.«

»Du meinst wohl eher, um mich noch ein wenig länger vorzuführen.«

»Nenne es, wie du willst. Fakt ist, dass wir losmüssen.« Er lässt seinen Blick an mir auf- und abwandern. »Umgezogen bist du auch noch nicht. Hätte ich mir denken können. Gut, dass ich schon hier bin. Und nun mach dich fertig. Ich warte nicht lange.«

Die Frage was er tun würde, wenn ich nicht schnell genug bin, schlucke ich doch lieber hinunter. 

»Du kommst ziemlich unpassend«, sagt Ayden. Er greift nach meinem Arm und zieht mich ungeachtet von Alfredos Blicken an sich. Er küsst mich kurz, aber heftig, und mein Herzschlag gerät ins Stolpern. 

Alfredo ächzt nur genervt. »Beeil dich und zieh dich um. Ich gebe dir zehn Minuten.« Mit diesen Worten schließt er die Tür hinter sich. 

»Immerhin haben wir ihn kurz in die Flucht schlagen können«, meint Ayden mit einem amüsierten Grinsen. 

»Allerdings bezweifle ich, dass mir zehn Minuten genügen werden.« In der Tat stünde mir gerade der Sinn nach deutlich mehr Zeit. Am liebsten Stunden, Tage, Wochen …

Da ich keine andere Wahl habe, mache ich mich von Ayden los und widme mich dem Kleidersack, den ich mitgebracht habe. Das Kleid ist von einem tiefen Blau und reicht mir bis über die Knie. Am Saum ist es mit durchsichtiger Spitze versehen und der Rücken ist sehr tief ausgeschnitten. Zu tief für meinen Geschmack.

»Als würde ich zu einer Filmpremiere gehen«, sage ich zu Ayden, während ich das kostbare Kleidungsstück in die Höhe halte. 

»Sie wollen eben Eindruck schinden. Es ist ein wichtiger Abend für sie. Wenn Claire durchfällt, haben die Fabrici mit dir wieder die Oberhand.«

»Hab ich aber auch ein Glück«, erwidere ich und lege das Kleid beiseite. Zum einen ist es mir zu aufreizend und zudem sehe ich nicht ein, warum ich die Vorzeigebegleitung der Fabrici sein soll, wenn sie sich nicht an ihre Abmachung halten und meine Zeit mit Ayden verkürzen. Ich bleibe also in meiner Jeans und der schwarzen Bluse, lege nur etwas Make-up auf und binde mir die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen. 

Ayden grinst und küsst die nackte Stelle meines Halses. »Du siehst umwerfend aus.«

»Danke«, sage ich, während sich meine Hände bereits wieder auf Wanderschaft über Aydens Körper begeben. 

»Ich könnte mir aber vorstellen, dass du Alfredo damit trotzdem zum Überkochen bringen wirst«, fügt er mit einem amüsierten Grinsen hinzu.

Ich zucke mit den Schultern. »Soll er nur. Wenn er mir droht, wird der heutige Abend für seine Familie sicher alles andere als erfreulich.« 

Alfredo scheint mit der Stoppuhrfunktion seines Handys neben der Tür gelauert zu haben, denn er klopft wieder donnernd an. »Los jetzt! Die Zeit ist um. Ich hoffe, du bist fertig.«

»Beim Militär kann es nicht schlimmer zugehen«, knurre ich, küsse Ayden noch mal zum Abschied und gehe dann nach draußen, wo Alfredo ungeduldig wartet. 

Er betrachtet mich und reißt schockiert die Augen auf. »Das kann nicht dein Ernst sein! Warum hast du das Kleid nicht an?«

»Kannst du dir das nicht denken? Wenn du dich nicht an die Vereinbarung hältst, warum sollte ich das dann?«

Ich sehe, wie sein Kiefer arbeitet. Er streicht sich wütend durchs Haar, seufzt und schüttelt schließlich den Kopf. »Was soll’s. Es wird auch so gehen. Die Ratsmitglieder haben ohnehin schon eine gewisse Meinung von dir, daran werden deine Kleider auch nicht mehr viel ändern.« 

»Vielen Dank für das wundervolle Kompliment. Ich finde auch, ich sehe heute Abend besonders reizend aus.«

»Oh ja, meine Nerven reizt du auf jeden Fall«, knurrt er zurück, während wir durch den Flur gehen. 

»Super, nichts anderes wollte ich«, erwidere ich in zuckersüßem Tonfall, der ihn dazu veranlasst, mir einen bitterbösen Blick zu schenken, den ich mit einem unschuldigen Lächeln quittiere. 

Den Rest des Weges legen wir schweigend zurück. Alfredo führt mich auf Umwegen aus der Schule hinaus, wo wir noch ein Stück weitergehen und dann am Straßenrand stehen bleiben. Eine Jacke wäre nicht schlecht gewesen, aber ich lasse mir nichts anmerken. 

»Auf was warten wir hier in der Kälte?«, will ich wissen, obwohl ich die Antwort natürlich kenne. 

»Auf meine Eltern. Wir wollen gemeinsam zur Prüfung gehen.« 

Ich nicke, war ja klar. 

Irgendwann tauchen die Fabrici schließlich auf. Sie sehen wie aus dem Ei gepellt aus, tragen Abendgeraderobe und stellen gekonnt ihre edelsten Schmuckstücke zur Schau, ohne dass es allzu aufdringlich wirkt. Seine Mutter schnalzt abschätzig mit der Zunge, als sie mich sieht, verkneift sich aber weitere Worte. Immerhin kann sie jetzt ohnehin nichts mehr ausrichten. Und so gehen wir gemeinsam zur Schule zurück. 

In der Eingangshalle ist mittlerweile deutlich mehr los, und ich sehe einige Personen, die sich ebenfalls in ihre edelsten Roben geworfen haben und in angeregte Unterhaltungen vertieft sind. Nichts deutet darauf hin, dass gleich eine Prüfung stattfinden wird. Alles wirkt eher, als stünde ein netter Theaterabend an. 

Die Fabrici nehmen mich in ihre Mitte und lächeln die Umstehenden freundlich an. Ohne anzuhalten, gehen sie mit mir weiter in das Hunter-Gebäude. Wir gelangen in einen Teil, den ich zuvor noch nie betreten habe, und erreichen ein geräumiges Foyer. Hier ist es bereits recht voll, und es scheint so, als wäre wirklich jedes einzelne Ratsmitglied anwesend. Angestellte streifen umher und bieten Champagner an, als würden wir auf den Beginn einer Oper oder eines Gala-Dinners warten. Die Stimmung unter den Anwesenden ist gelöst und angeregt. Ich frage mich, wie es Claire wohl gerade geht und wo sie ist. Ob sie nervös ist? 

Plötzlich sehe ich auf der rechten Seite einige Mitglieder ihrer Familie, die sich miteinander unterhalten. Albert Cunningham steht bei seiner Tochter, und auch Lennard Cunningham erkenne ich. Die anderen sind mir unbekannt. Von Anspannung ist auch bei ihnen nichts zu spüren. Wollen sie sich nur nichts anmerken lassen, oder machen sie sich tatsächlich keine Sorgen darüber, dass Claire den Test nicht bestehen könnte?

Mr. Cunningham lacht gerade und dreht dabei den Kopf. Sein Blick fällt auf die Fabrici und mich. Er sagt kurz etwas zu seiner Tochter und kommt dann auf uns zu. »Miss Franklin, wie schön, Sie wiederzusehen. Sie sehen wundervoll aus. Wie geht es Ihnen? Wie ich sehe, haben die Fabrici Sie zu diesem besonderen Abend eingeladen. Das freut mich sehr.« 

»Danke, es geht mir so weit gut. Die Familie kümmert sich wirklich sehr um mich und stellt mich gleichzeitig immer wieder vor neue Herausforderungen.« Mein Tonfall ist dabei so nett und freundlich, dass man diesen Satz nur als Lob auffassen kann. 

Doch Mr. Cunningham ist nicht dumm und hört natürlich, was ich meine. Er nickt mit einem anerkennenden Grinsen. »Und es freut mich, zu sehen, dass Sie dies wertzuschätzen wissen, aber noch immer dieselbe geblieben sind. Sie leisten wundervolle Arbeit«, sagt er zu Mrs. Fabrici, die bereits die Zähne zusammenbeißt und sichtlich darum kämpft, die Fassung zu wahren. 

»Albert, mein Lieber, du kennst uns. Wir nehmen unsere Aufgaben immer sehr ernst. Auch heute, wo wir die Position der Beobachter innehaben, werden wir dieser mit absoluter Gewissenhaftigkeit nachkommen. Wir sind schon unglaublich gespannt, zu sehen, wie sich Claire schlagen wird. Ich hoffe, sie ist nicht nervös.«

»Claire wartet seit langer Zeit auf diesen Tag. Sie freut sich darauf und ist mehr als bereit. So geht es uns und gewiss jedem Anwesenden hier. Denn was könnte es Besseres für uns Schlüsselträger geben, als wenn sich endlich unser aller Traum erfüllt und wir eine Göttin unter uns hätten? Das macht doch jegliche kleine Zwistigkeit unter den Familien zunichte. Meint ihr nicht?«

Mr. Fabrici nickt mit kühlem Blick. »Aber natürlich, Albert. Und wir alle sind heute voller Hoffnung.«

»Na, was heckt ihr gemeinsam aus?«, poltert eine Stimme. Mr. Montrell erscheint und legt freundschaftlich den Arm um Mr. Cunningham und Mr. Fabrici. »Da steckt ihr geheimniskrämerisch die Köpfe zusammen, und das ohne mich?« Er lacht lauthals los, sodass sein imposanter Bauch hüpft. 

»Wir haben Albert nur gerade gesagt, wie aufgeregt wir sind und wie sehr wir Claire doch die Daumen drücken«, erklärt Mrs. Fabrici und zeigt ein strahlendes Lächeln, als würde sie für eine Zahnpastawerbung posieren. 

»Oh, das kann ich mir vorstellen. Ganz schön aufregender Abend für dich, nicht wahr, Albert? Wir sind wirklich gespannt, ob Claire bestehen wird. Nicht, dass es noch mal so eine Enttäuschung gibt.« Dabei fällt sein Blick auf mich und er fügt hinzu: »Nichts für ungut, aber wir hatten doch deutlich mehr Hoffnung in Sie gesetzt.«

Ich hebe die Brauen und will etwas erwidern, aber Alfredo kommt mir zuvor. »Teresa hat gerade in letzter Zeit deutliche Fortschritte gemacht. Inzwischen können wir ganz andere Trainingsmethoden anwenden, für die sie am Anfang noch zu schwach war. Wenn Sie diesen Test noch einmal machen müsste, du würdest Sie nicht wiedererkennen.«

Ich werfe Alfredo einen ungläubigen Seitenblick zu. Ja, ich bin besser geworden, aber noch immer meilenweit davon entfernt, meine Kräfte kontrollieren zu können. Es muss ihm wirklich wichtig sein, mich weiter im Spiel zu halten, wenn er derart dick aufträgt. 

»Nun, das sind ja erfreuliche Nachrichten. Dann haben wir also vielleicht doch noch die Chance, eine Göttin zu finden, falls Claire – Gott bewahre – scheitern sollte.« Er klingt überzeugt und freundlich, doch seine Miene spricht eine ganz andere Sprache. 

In diesem Moment erklingt ein melodisches Klingeln, und die Menge strebt langsam auf zwei Türen zu. 

»Na, dann wollen wir mal«, meint Mr. Montrell, stellt seine Champagnerflöte auf ein Tischchen und geht ebenfalls auf eine der Türen zu. 

Ich wechsele einen Blick mit Alfredo, und schließlich gehen auch wir mit seinen Eltern los. Mit meinen Gedanken bin ich bei der Prüfung und frage mich, wie sie wohl aussehen wird. 

Der Raum erinnert mich ein wenig an einen Vorlesungssaal am College. Von der Mitte des Zimmers bis zur Wand reihen sich auf einer leichten Schräge Sitzbänke, auf denen die Ratsmitglieder nach und nach Platz nehmen. 

Die Fabrici lassen es sich nicht nehmen, mit mir noch einmal eine Runde durch den sich füllenden Saal zu drehen, bevor auch sie sich setzen. Als ich neben ihnen Platz genommen habe, schaue ich nach vorne, wo sich nichts weiter als ein Holztisch befindet, der weder besonders imposant noch auffällig gearbeitet ist. Was wird hier gleich passieren? Ich kann mir kaum vorstellen, dass Claire in diesem Raum kämpfen muss. Dafür ist er zu vollgestellt. Und hätte man dann nicht auch den Tisch entfernt?

Plötzlich öffnet sich an der gegenüberliegenden Wand eine Tür. Ein Mann mit grauem Haar und schmaler Statur tritt ein. Ich habe ihn noch nie gesehen, doch er gehört vermutlich ebenfalls dem Rat an.

»Meine verehrten Damen und Herren, wir sind heute zu einem besonderen Ereignis zusammengekommen, das derart selten ist, dass wir mit Sicherheit nur einmal in unserem Leben daran teilhaben werden. Die meisten von Ihnen kennen mich. Für alle anderen stelle ich mich noch mal vor: Mein Name ist Jameson, und ich fungiere heute als Prüfungsleiter. 

Sie alle wissen, warum wir uns versammelt haben: Wir möchten feststellen, ob Claire Cunningham tatsächlich eine angehende Schicksalsgöttin ist. In drei Prüfungen werden wir das herausfinden. Da die Zweifel zu Beginn natürlich noch am größten sind, fangen wir mit einem Test aus der Stufe eins, der ungefährlicheren Kategorie an. Dabei besteht nur wenig Gefahr für die Teilnehmerin, aber das Ergebnis ist auch nicht ganz so aussagekräftig und mehr als ein weiteres Indiz zu werten. Die Aufgaben in den nächsten Stufen werden darum immer anspruchsvoller. Je Stufe stehen mehrere Aufgaben zur Auswahl. Das Los entscheidet, welcher davon sich Miss Cunningham unterziehen muss. So kann kein Ratsmitglied Einfluss nehmen.« Nun wendet er sich der Tür zu und ruft: »Miss Cunningham, darf ich bitten?«

Erneut öffnet sich die Tür, und dieses Mal tritt Claire ein. Sie trägt ein Kleid, das wie ein blauer Wasserfall an ihr hinabfließt und im Licht funkelt. Die Farbe bringt ihre helle Haut zum Leuchten, und der elegante Schnitt verleiht ihr einen Ausdruck, der sie unschuldig, ja beinahe verletzlich wirken lässt. Mit gestrecktem Rücken schreitet sie in den Raum und stellt sich neben den Tisch. Ihr langes Haar ist hochgesteckt, sodass kein einziges Härchen ihre nackten Schultern berührt. Die Blöße ihrer Haut lässt sie noch verwundbarerer erscheinen. Aber ich kenne Claire und weiß, dass sie alles andere als ein leichtes Opfer ist. Sie wird sich ausgiebig auf diesen Tag vorbereitet haben. Ob sie für diesen Test wirklich trainieren oder üben konnte?

»Wie Sie alle wissen, haben die Göttinnen eine eigene Sprache. Niemand außer ihnen ist imstande, sie zu verstehen. Die Göttinnen waren immer sehr bedacht darauf, sie selbst unter ihren Anhängern geheim zu halten. 1293 gelang es dem Rat in Italien, eine der Göttinnen dazu zu bringen, zumindest einige Seiten eines Buchs zu übersetzen. Diese Abschrift haben wir heute hier. Wenn Miss Cunningham eine angehende Göttin ist, wird sie in der Lage sein, dieses Schriftstück zu lesen und zu übersetzen. Im Anschluss an diese Prüfung werden sich einige ausgewählte Ratsmitglieder zusammensetzen und sich noch einmal genau mit Miss Cunninghams Übersetzung befassen, um einwandfrei zu bestätigen, ob sie bestanden hat oder durchgefallen ist.«

Claire wird also nicht kämpfen müssen oder Gefahr laufen, verletzt zu werden. Diese Gewissheit beruhigt mich schon mal. Auch wenn ich sie nicht besonders leiden kann, so will ich auf keinen Fall, dass ihr etwas zustößt. Ich selbst weiß nur zu gut, wie gnadenlos der Rat sein kann. 

»Das Buch sowie die Übersetzung sind uns von der Ratsfamilie zur Verfügung gestellt worden, die sie seit vielen Jahren in ihrem Besitz hat. Es ist damit ausgeschlossen, dass Miss Cunningham sie jemals zuvor zu Gesicht bekommen hat.« Der alte Mann deutet in unsere Richtung. »Mrs. Fabrici, Mister Fabrici, wollen Sie noch einmal mit Ihren eigenen Worten bestätigen, dass diese Dokumente bei Ihnen stets unter Verschluss waren und Miss Cunningham keinen Zugang zu ihnen gehabt haben kann, ebenso wie niemand in der Lage war, ihr diese Informationen zukommen zu lassen?«

Ich lasse mich in die Lehne zurücksinken und werfe einen Seitenblick auf die Familie neben mir. Im Grunde ist diese Frage unnötig, das weiß wohl jeder hier. Die Fabrici hassen die Cunninghams. Niemals hätten sie zugelassen, dass eines dieser Schriftstücke nach draußen und schon gar nicht in die Hände der Cunninghams gelangt. 

Alessandro hat mir bei einem meiner wenigen Besuche den Raum gezeigt, in dem sie all ihre Schätze aufbewahren. Natürlich hat er damit das Ziel verfolgt, mich zu beeindrucken und mich dazu zu bringen, mich hinter die Fabrici zu stellen. Jedenfalls war der Raum mehr als gut gesichert. Niemand außer den Familienmitgliedern kommt dort hinein, und auch die Gegenstände selbst sind geschützt. Ich bin mir absolut sicher, dass Claire den Text nicht kennen kann. Bestünde auch nur der geringste Zweifel daran, die Fabrici hätten dieser Prüfung niemals zugestimmt. Von daher wird sich nun wohl zeigen, ob in Claire tatsächlich eine Göttin steckt.

Mr. Fabrici erhebt sich, blickt sich mit gewichtiger Miene im Raum um und erklärt: »Ich bestätige hiermit, dass niemand außerhalb meiner Familie diese Dokumente je zu Gesicht bekommen hat. Miss Cunningham kann also nicht wissen, was darin geschrieben steht. Darauf gebe ich mein Wort.«

Der Prüfungsleiter nickt zufrieden und wendet sich an Claire. »Sind Sie bereit?« 

Sie lässt ihren Blick durch den Raum schweifen. Noch immer steht sie kerzengerade da, zeigt keine Spur von Nervosität oder gar Furcht. Langsam nickt sie. 

Wieder öffnet sich eine Tür, dieses Mal auf der anderen Seite des Raumes. Es kommen vier Männer herein. Der vorderste trägt etwas in seinen Händen, das in ein ledernes Tuch eingeschlagen ist. Die anderen drei flankieren ihn, als befürchteten sie jeden Moment einen Angriff. 

Langsam geht der erste Mann voran, legt den Gegenstand auf den Tisch und schlägt das lederne Tuch beiseite. Dann tritt er zurück und postiert sich mit den anderen Männern um den Tisch herum. 

»Sie können beginnen«, erklärt der Prüfungsleiter. 

In diesem Moment wird der Teil des Raums, in dem die Sitzbänke liegen, etwas abgedunkelt. Claire tritt zu dem Buch, das bereits auf der Seite aufgeschlagen wurde, die sie übersetzen soll. Sie legt ihre Hände direkt neben dem Schriftstück ab und neigt den Kopf.

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