Leseprobe Schicksalsreihe Band 8

»Hast du gesehen, wie der geschaut hat?«, will Alex wissen. »Der wird heute Nacht ein paar heiße Träume von mir haben.« Sie dreht sich zum Türsteher um und zwinkert ihm zu, woraufhin der Mann mit dem rasierten Schädel nur verwundert die linke Braue hebt. 

»Ich glaube, er war eher von deinem ausschweifenden Small Talk irritiert und vielleicht auch ein klein wenig überfordert. Vermutlich muss er nicht oft einen solchen Redeschwall über sich ergehen lassen, während er Ausweise überprüft«, meint Chrissy. 

»Das war nichts als Ablenkung. Immerhin sollte er nicht so genau hinschauen.«

»Ich glaube, er hatte da einen winzig kleinen Verdacht: Miss Juanita Ramirez, 27 Jahre alt aus Brooklyn.«

»Hey, das war die günstigste Variante von Ausweisen, die sie dahatten, und ich zahl doch kein Vermögen für ein Stückchen Plastik. Außerdem hat es bisher immer geklappt. Ich gehe gleich mal los und besorge uns ein paar Drinks. Schaut ihr euch in der Zwischenzeit nach einem Tisch um«, sagt sie und verschwindet in der Menge. 

Gemeinsam mit Chrissy gehe ich in Richtung der Tische und werde dabei von den dröhnenden Bässen begleitet. Normalerweise ist das gar nicht mein Musikgeschmack, aber im Moment kann ich gar nicht anders, als mich im Takt zu bewegen. Ich bin so beschwingt und ausgelassen wie lange nicht mehr. Im Kreis meiner Freundinnen kann ich tatsächlich alles andere vergessen. Ich bin keine Göttin mehr, nicht mal mehr eine Schlüsselträgerin. Ich bin eine ganz normale junge Frau, die an einem Freitagabend mit ihren Freundinnen unterwegs ist. Und ich spüre, wie sehr mir diese Unbeschwertheit gefehlt hat. Daran ändert nicht mal der Umstand etwas, dass ich immer wieder Yoru spüre, der sich ganz in meiner Nähe aufhält. Er ist kein fremder Teil, er gehört zu mir wie mein Arm oder mein Bein. Niemals würde ich ihn als störend empfinden oder Abstand von ihm brauchen. 

»Schade, dass Kate nicht mitwollte«, meint Chrissy, während sie sich auf eine Sitzbank fallen lässt und sich mit den Ellbogen auf dem Tisch vor uns abstützt. 

»Ja, sie wollte sich ausruhen. Die Woche war ziemlich anstrengend.« 

Tatsächlich habe ich Kate gefragt, ob sie uns begleiten will. Zwar hätte ich nicht gewusst, wie ich ihr zwischendurch recht seltsames Verhalten hätte erklären sollen, aber dennoch wollte ich sie nicht ausschließen. 

»Wirklich schade, ich hätte sie gerne wiedergesehen«, fährt Chrissy fort und zieht etwas angeekelt ihre Arme vom Tisch zurück. »Der klebt. Ich will gar nicht wissen, was da alles drauf ist.«

»Vermutlich besser so«, stimmt ihr Alex zu und stellt die drei Flaschen so schwungvoll auf den Tisch, dass etwas Bier überschwappt. 

»Und da hätten wir die Erklärung«, erwidere ich grinsend. Ich greife nach meinem Bier und nehme einen Schluck. 

Alex setzt sich neben uns und schaut in Richtung Tanzfläche. »Ganz schön was los, und nirgends auch nur ein süßer Typ in der Nähe. Enttäuschend! Aber die Nacht ist ja noch jung.«

»Ich dachte, du willst dich mit uns amüsieren«, foppe ich sie. »Warum suchst du da nach Kerlen?«

Sie wedelt mit dem Zeigefinger vor meiner Nase herum und zwinkert mir zu. »Wenn ich einen so heißen Typen als Freund hätte wie du, würde ich das vermutlich auch nicht verstehen. Aber bis ich den habe, werde ich die Augen offenhalten müssen.« Sie steht auf und klatscht in die Hände. »Na, los geht’s. Wir sind nicht zum Rumsitzen hergekommen. Lasst uns feiern!« Mit schwingenden Hüften geht sie in Richtung Tanzfläche. 

Chrissy und ich tauschen einen kurzen Blick, schütteln lachend die Köpfe, folgen ihr aber schließlich. Auch ich beginne, mich zu den tosenden Bässen zu bewegen, versinke allmählich in dem kraftvollen Rhythmus. Es tut sogar richtig gut, auf diese Weise alles rauslassen zu können, all meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Es dauert nicht lang, und ich bin komplett durchgeschwitzt. Immer wieder kehren wir an die Bar oder unseren Tisch zurück, trinken unsere Getränke und gehen anschließend wieder auf die Tanzfläche. 

Die Stimmung wird zusehends besser. Ich fühle mich stetig leichter und befreiter. Warum gehe ich nicht viel öfter mit meinen Freundinnen weg? Das ist es, was ich brauche: Teilhabe am echten, puren Leben. Ich lasse meine Hände durch mein noch kurzes Haar gleiten – Alex fand die neue Frisur »rattenscharf« –, wiege den Kopf hin und her und gehe vollkommen in der Musik auf. Die blitzend bunten Lichter der Scheinwerfer tanzen auf dem Boden, gleiten über die schwitzenden Körper und tauchen den Raum in eine geheimnisvolle Atmosphäre. Ich genieße meine Freiheit in vollen Zügen und erwidere Alex’ Lächeln, die mich gerade mit der Hüfte anstößt und noch wilder zu tanzen beginnt. Ich lache, als ich ihre ausschweifenden Bewegungen sehe, und mache es ihr sogleich nach. 

Plötzlich verändert sich alles. Ich hatte geglaubt, vor der Realität fliehen zu können, dass es auch für mich einen Ausweg geben könnte, eine Art Ruhezone. Doch schlagartig wird mir vor Augen geführt, dass es kein Entrinnen gibt. Nicht vor dieser Kraft, nicht vor dem, was in mir tobt. 

Ich starre einen Typen an, der sich ekstatisch zur Musik bewegt. Sein rotes Shirt ist vom Schweiß dunkel gefärbt, die Haare kleben ihm am Kopf. Dennoch kann er nicht aufhören, zu tanzen. Zuckende Bewegungen im stroboskopischen Licht der Scheinwerfer. Ich höre sein hämmerndes Herz, spüre den rasenden Puls in meinen eigenen Venen, fühle das Gift, das sich bis in sein Gehirn frisst und ihm absolute Glückseligkeit vorgaukelt. Ich müsste den kurzen Faden gar nicht mehr sehen, der aus seiner Brust ragt, um zu verstehen, was mit ihm passiert. Doch da ist er, so deutlich wie noch nie, und er leuchtet eher grau statt golden. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit. Ich schlucke schwer und kann die Augen nicht von dem jungen Kerl wenden. Nein, es ist nicht nur das schwindende Leben, das ich spüre. Da ist noch etwas anderes. Ein dunkler Ruf, ein erschütterndes Verlangen, das mich zu ihm zieht. Sein Ende ist gekommen. Was auch immer er an Drogen zu sich genommen hat, er hat eine Grenze überschritten und wird sterben. Noch heute Nacht. 

Ich bin wie gebannt von dem kurzen Faden, der immer dunkler wird. Wie ein verbrannter Zweig sticht er aus dem Shirt hervor. Ich muss zu ihm, diesen Menschen berühren und ihn aus dem Leben erlösen. Die Musik verschwimmt zu einem Summen, das ich kaum mehr wahrnehme. Dafür wird der donnernde Herzschlag des Mannes in meinen Ohren lauter, dröhnender, fordernder. Und da ist noch etwas anderes: ein Kratzen und Stöhnen. Kurz blicke ich mich um und entdecke die Todesboten, die sich aus dem Boden schälen. Mit abgehackten, aber schnellen Bewegungen kriechen sie auf ihr Opfer zu, wollen die Seele in das Reich der Toten führen. Obwohl diese dunklen Kreaturen mit den riesigen, schwarzen Augenhöhlen wie aus einem Albtraum entsprungen wirken, habe ich keine Angst vor ihnen. Ich weiß, dass ihre Anwesenheit richtig ist und ich nichts zu befürchten habe. Ganz anders als dieser Kerl. 

Wie in Trance gehe ich einen Schritt auf ihn zu. Sein Puls rast immer schneller – ein Ruf, dem ich nicht entkommen kann. Ich schiebe mich durch die Menge zu dem Mann, dessen Bewegungen wilder und schneller werden, als würde er den Rest Leben, der noch in ihm steckt, hinaustanzen. Ich rieche den Schweiß auf seiner Haut, den verblassten Duft seines Parfüms. Ich empfinde keinerlei Ekel, keine Trauer, kein Mitleid – nur eine unwahrscheinliche Anziehungskraft, als wären wir beide für diesen Moment bestimmt. Nichts kann uns mehr trennen. Es ist richtig so. Die Zeit ist gekommen. Sein schwarzer Faden folgt seinen abgehackten Bewegungen, er ist so kurz, so schwach, so verkümmert. Automatisch strecke ich die Hand nach ihm aus. Der Faden ist faszinierend, unbeschreiblich schön in seiner nicht perfekten Form. 

Und plötzlich dreht der Kerl sich um und rempelt mich an. Ich fange kurz seinen verwaschenen Blick auf, sehe die riesigen Pupillen und schrecke wie aus einem Albtraum hoch. Er tanzt bereits weiter, während ich hastig vor ihm zurückweiche. Dabei drücke ich meine Arme fest an meinen Oberkörper aus Angst, dass sie sich doch noch verselbstständigen könnten. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken, und blankes Entsetzen strömt wie Eiswasser durch mich hindurch. Ich kann nicht glauben, was gerade beinahe geschehen wäre. Das darf nicht sein! Doch so sehr ich es auch abzustreiten und von mir zu schieben versuche, tief in mir kenne ich die Wahrheit: Ich habe die Kontrolle verloren. Mein Körper wurde von diesem eigenartigen Verlangen komplett übernommen, und ich bin nur noch meinen Instinkten gefolgt. Ich habe einem inneren Befehl, einem Drängen gehorcht, dem ich mich nicht entziehen konnte.

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