Leseprobe Whisper of Sins

Es wird langsam wirklich Zeit für eine Dusche. Wir haben die Eingangshalle noch nicht erreicht, als ich ein Geräusch höre: ein weiches Lachen, das die Luft vibrieren lässt. Es klingt fremd, und zugleich frage ich mich, wie ein einfaches Lachen derart faszinierend sein kann?
Lexie und ich gehen und weiter und sehen eine Gestalt in der Eingangshalle stehen. Sie hat uns den Rücken zugewandt, ich erkenne also nur die breiten Schultern, die langen, muskulösen Beine, die in einer schwarzen Hose stecken, und rabenschwarze Locken. Auch wenn ich es nicht glauben kann, ich weiß, dass er es ist: dieser Kerl aus dem Café. Allerdings macht das überhaupt keinen Sinn. Mein Vater steht ihm gegenüber und unterhält sich mit ihm. Erst jetzt scheinen die beiden Lexie und mich zu bemerken. Der Fremde dreht seinen Kopf etwas, sodass ich einen kleinen Teil seines Gesichts erkennen kann. Lange Wimpern umrahmen die tiefblauen Augen, dazu energisch geschwungene Brauen, ein scharf geschnittener Kiefer, und nun verziehen sich seine Lippen auch noch zu einem Lächeln. Er wirkt amüsiert. Bemerkt er etwa, wie sehr mich seine Anwesenheit aus dem Konzept bringt?
»Adeline, wie schön, dass du schon da bist. Darf ich vorstellen? Das ist Elijah Bishop. Er ist Gesandter aus Georgetown und wird Jultria und Malvere mit uns feiern.«
Ich kann es noch immer nicht fassen. Was soll das? Ich mustere ihn und versuche, dem Ganzen einen Sinn zu geben. Angeblich ist er heute erst angekommen, aber ich weiß, dass das nicht der Wahrheit entspricht. Ich habe ihn gesehen … und er mich! Oh, verflucht! Sofort überkommt mich blanke Panik. Was, wenn er mich verrät oder was Falsches sagt? Ich schenke ihm einen tiefen Blick und lasse ihm damit eine stumme Warnung zukommen. Wehe, du plauderst etwas aus!
Er bemerkt natürlich meinen angestrengten Gesichtsausdruck, der vielleicht etwas verkrampft anmutet. Aber ich bin mir sicher, dass er sehr genau versteht, was ich von ihm will. Er hebt eine seiner Brauen, grinst und zwinkert mir verschmitzt zu. Vielleicht hält er das auch nur für den schlechtesten Flirtversuch aller Zeiten.
Jedenfalls reicht er mir die Hand, und ich nehme sie erst mal entgegen. Es ist sicher besser, wenn ich mitspiele und mir im Moment nichts anmerken lassen. Seine Finger schließen sich warm und fest um meine. Ein leichtes Prickeln rinnt über meine Haut, als er mich berührt. Ich schaue auf und sehe, dass ihm ein paar Locken in die Stirn gefallen sind. Offenbar ist diese Pracht nicht so leicht zu bändigen – nicht, dass er das nötig hätte. Er sieht aus, als wäre er extra für eine Shampoowerbung so gestylt worden.
Seine blauen Augen mustern mich, und noch immer trägt er dieses amüsierte Lächeln auf den Lippen. Ich muss gestehen, dass es das schönste Gesicht ist, das mir je untergekommen ist. Perfekte Proportionen und Symmetrie, aber das ist nicht mal das, was mich am meisten umhaut. Es liegt an dieser einzigarten Mischung aus harten und weichen Linien, die einem klar vor Augen führen, dass diese Form von Vollkommenheit offenbar tatsächlich existieren kann. Hinzu kommt die unbändige Kraft seines Blicks, dieses tiefe Blau und die goldenen Sprenkel darin – als würden Funken durch eine finstere Nacht tanzen.
»Freut mich, Sie kennenzulernen«, sagt er mit einer Stimme, die weich wie Samt ist.
Entweder erinnert er sich nicht mehr an mich oder er will mich vor meinem Vater nicht bloßstellen. Der Schalk in seinen Augen spricht aber eher dafür, dass er sich einen Spaß mit mir erlaubt.
»Adeline«, stelle ich mich vor.
»Sie kommen mir irgendwie bekannt vor«, meint er und legt den Kopf schräg, sodass ihm weitere Locken in die Stirn fallen. Bei den Göttern, weiß der Kerl eigentlich um seine Wirkung auf andere, oder ist das alles reiner Zufall? Der herausfordernde Unterton in seiner Stimme entgeht mir jedenfalls nicht und will so gar nicht zu dem warmen Lächeln passen. Aber so leicht lasse ich mich nicht aus dem Konzept bringen.
»Ich habe ein Allerweltsgesicht«, erwidere ich. »Und wie Sie sich bestimmt denken können, bin ich in meinem Alter noch nicht allzu viel herumgekommen.«
Ich schätze Elijah auf Anfang oder Mitte zwanzig, er ist also nicht viel älter als ich. Dennoch strahlt er etwas aus, das darauf schließen lässt, dass er schon viel von der Welt gesehen hat.
»Natürlich. Auf meinen Reisen treffe ich viele Leute. Nun fällt es mir auch wieder ein. Ich habe Sie wohl mit einer Bekanntschaft verwechselt, die ich in einem Café gemacht habe.«
Mein Vater lacht amüsiert. »Anders ist es jedenfalls nicht möglich. Bislang hat Adeline mich nämlich noch nicht auf meine Reisen begleiten dürfen. Sie ist noch jung, und hier in Rosehall ist es sicherer. Zudem ist die Welt der Menschen ein hektischer und ungemütlicher Ort.«
»Da haben Sie natürlich recht«, stimmt ihm Elijah zu, lässt mich aber keinen Moment aus den Augen. »Für eine junge Frau, die sich mit den Gebräuchen der Menschen nicht auskennt, ist es viel zu gefährlich. Was ihr allein beim Besuch eines Cafés alles passieren könnte …«
Okay, es besteht kein Zweifel: Der Kerl fordert mich heraus. Aber dieses Spiel können wir auch zu zweit spielen. Er wendet sich schließlich Lexie zu und reicht auch ihr die Hand.
»Und Sie sind?«, will er wissen.
»Lexie«, kommt es stotternd über ihre Lippen.
»Ein wirklich schöner Name. Sie wirken etwas angespannt.«
Meine Freundin reißt die Augen auf, starrt ihn an und hält den Atem an. Kleine Blitze beginnen, um ihre Finger herum zu zucken, sodass sie ihre Hände schnell hinter dem Rücken zu verstecken versucht.
»So nervös?«, hakt er mit samtweicher Stimme und einem wissenden Augenaufschlag nach. »Passen Sie besser auf. Es wäre doch zu schade, wenn Sie mit Ihren Kräften hier etwas von der Einrichtung zerstören würden.«
Okay, das reicht. Wenn er nun auch noch Lexie in dieses kranke Spiel reinzieht, ist definitiv eine Grenze überschritten. Ihn in die Enge treiben kann ich auch. Denn normalerweise tritt man seinen angekündigten Besuch umgehend an und quartiert sich nicht irgendwo in einer angrenzenden Stadt ein, um dort herumzuschnüffeln. Denn ich bin mir sicher, nichts anderes hat der Kerl in Greenville getrieben. Er wollte schauen, ob wir die Sünden im Griff haben.
»Lexie ist ab und an etwas energiegeladen«, versucht sich mein Vater an einem Witz. »Aber sie ist eine sehr talentierte Hexe. Machen Sie sich also keine Gedanken.«
Am liebsten würde ich ihm dafür um den Hals fallen, doch erst einmal muss ich diesen Kerl in seine Schranken weisen.
»Wann sind Sie eigentlich angekommen?«, frage ich und klinge so, als würde ich vom Thema ablenken wollen. Dabei mache ich einen Schritt auf ihn zu, sodass ich ihm genau gegenüberstehe. Ich werde mich ganz sicher nicht von ihm einschüchtern lassen.
»Adeline«, mischt sich mein Dad ein und atmet hörbar langsam aus. »Ich denke, wir haben Mr. Bishop nun genug in Beschlag genommen. Vielleicht ist es besser, wenn wir die Unterhaltung heute Abend fortsetzen. Beim Abendessen wird noch genug Zeit bleiben.« Er wirft mir einen vielsagenden Blick zu, der in Richtung meines Zimmers deutet.
Es dauert kurz, bis der Groschen fällt. Offenbar wird mein Gestank dafür sorgen, dass der Kerl mich gut in Erinnerung behält.
»Oh, ich bin schon vor ein paar Tagen angekommen«, erklärt Elijah und verblüfft mich damit. Ich hätte nicht gedacht, dass er so einfach mit der Wahrheit rausrückt.
Mein Dad hebt erstaunt die Brauen und schaut seinen Gast fragend an. Mein Geruch scheint wieder zur Nebensache geworden zu sein.
»Wie? Aber warum sind Sie dann nicht gleich zu uns gekommen?« Ein echter Affront, den mein Vater so natürlich nicht stehen lassen kann.
»Verstehen Sie das bitte nicht falsch«, entschuldigt sich Elijah. »Ich hatte noch ein paar Angelegenheiten zu regeln. Und zudem habe ich Ihnen noch eine kleine Aufmerksamkeit besorgt«, verkündet er, greift in seine Tasche und zieht einen Auris hervor. Das gibt es doch nicht! Der Typ schafft es wohl, sich aus allem herauszuwinden.
Das goldene Leuchten des Magiekerns tanzt über Elijahs Gesicht und lässt seine Augen funkeln, als er den Auris meinem Dad entgegenstreckt.
»Das wäre doch nicht nötig gewesen«, verkündet mein Vater und nimmt das Geschenk mit Freuden an. Mit der Aktion scheint Elijah die Wogen wieder geglättet zu haben. »Wo haben Sie den denn gefunden? Ich hoffe doch nicht in Greenville. Wir geben uns alle Mühe, die Sünden dort in Schach zu halten, aber Sie kennen es ja selbst: Es ist eine Sisyphusarbeit.«
»Nein, keine Sorge«, fährt der junge Mann fort. »Der Auris ist mir zufällig in die Hände gefallen. Es war in einem Waldstück. An diesem Tag ging es recht stürmisch zu.« Er sucht meinen Blick, und da ist es wieder, dieses überhebliche Grinsen.
Mir zieht sich der Magen zusammen. Heiß und kalt durchfährt es mich. Ich wechsele einen kurzen Blick mit Lexie, und sie hat offenbar denselben Gedanken. Dieser Auris stammt von dem Gula, der Lexie und mich angegriffen hat. Das heißt, dieser Elijah hat alles mitangesehen. Wie sonst hätte er den Auris unter dem Baum finden können? Er könnte uns verraten, mich bei meinen Eltern anschwärzen oder, schlimmer noch, diese Informationen gegen meine Familie nutzen. Was führt der Kerl nur im Schilde?
»Ich danke Ihnen auf jeden Fall. Wir freuen uns sehr über Ihr Mitbringsel. Ein Vorschlag: Ich führe Sie herum und wir können uns dabei ein wenig über die anstehenden Feierlichkeiten austauschen.«
Elijah nickt, schenkt mir zum Abschied ein kühles Lächeln und folgt meinem Vater.
»Was war das denn bitte?«, fragt Lexie und starrt dem Kerl hinterher, der mit meinem Vater in einem Flur verschwindet.
»Das wüsste ich auch gerne«, erwidere ich. »Lass uns erst mal nach oben gehen.«
Währenddessen arbeitet es in mir. Heißes Blut wallt durch meine Adern, während ich irgendwie versuche, das alles zu verarbeiten.
»Er ist also der Gesandte«, stellt Lexie fest, die sich ebenfalls um Ruhe bemüht. »Dieses Mal also kein alter Knacker, sondern ein ziemlich heißer Typ, der uns in Greenville gesehen hat. Warum hat er uns nicht sofort verraten? Die Gesandten sind doch sonst so pflichtbewusst und nehmen ihre Aufgabe immer superernst. Normalerweise zögern sie nicht und zeigen jeden noch so kleinen Regelverstoß auf.« Ihre Stimme wird leicht panisch. »Oder meinst du, er will uns beim Pactum anschwärzen?«
»Das werden wir herausfinden müssen«, erwidere ich. »Was hat er in Greenville gemacht? Noch dazu in einem Café und mit dieser Frau?«
»Ob sie eine Hexe war?«, überlegt Lexie.
Ich schüttele den Kopf. »Nein, ich bin mir recht sicher, dass sie ein Mensch war.«
»Und was hat er dann bitte mit ihr zu schaffen gehabt?«
Ich zucke mit den Schultern. »Vielleicht eine Zufallsbekanntschaft, mit der er sich ein wenig die Zeit vertrieben hat, während er seine Angelegenheiten geregelt hat?« Das alles kommt auch mir äußerst komisch vor. Irgendetwas stimmt da nicht. Natürlich reisen die Clan-Mitglieder der einzelnen Familien viel, und oft führen ihre Geschäfte sie auch in die Menschenwelt. Aber ich begreife noch immer nicht, warum Elijah mich derart provozieren will? Er wollte mir klarmachen, dass er sich an mich erinnert und über den Kampf mit dem Gula Bescheid weiß. Will er eine Forderung stellen? Wird er mich zu erpressen versuchen? Tja, genau das werde ich wohl schon bald herausfinden müssen.