2. Leseprobe

Zum Wochenende gibt es heute eine weitere Leseprobe. Ich mag die Szene sehr gerne und bin gespannt, was ihr dazu sagen werdet. Und nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen.

Ich lasse mir in der Umkleidekabine viel Zeit, dusche ausgiebig und ziehe mich an. Als ich fertig bin, sind alle anderen längst gegangen. Ich gehe hinaus und zucke vor Schreck zusammen, als ich eine Gestalt an der Wand mir gegenüber stehen sehe. Ich bin gerade wirklich nicht in der Stimmung, mich mit Ayden zu befassen. Meine Laune erreicht einen neuen Tiefpunkt. Ohne ein Wort gehe ich an ihm vorbei, bleibe aber stehen, als ich seine Stimme hinter mir höre, die überraschend sanft klingt.

»Wie geht es dir?«

»Seit wann interessiert dich das?«

Er verdreht die Augen und stößt sich von der Wand ab. »Du hältst dich wirklich gut.«

Diese Feststellung kommt unerwartet, immerhin stammt sie von Ayden.

»Findest du?«, frage ich in sarkastischem Tonfall. »In Anbetracht dessen, dass ich jeden Tag von Amber und Monica vorgeführt werde und selbst die Lehrer daran nichts Falsches sehen, stimmt das wohl. Aber es ändert leider nichts.«

»Auf jeden Fall lernst du dabei nicht viel«, stellt er fest. In diesem Punkt sind wir uns also zumindest einig.

Dennoch kann ich mir eine weitere Spitze nicht verkneifen. »Im Grunde müsste dich das doch freuen. Die Chancen stehen nicht allzu schlecht, dass ich bald von der Schule geworfen werde.«

Bislang habe ich es vermieden, direkt in Aydens Gesicht zu sehen, aber meine Wut ist momentan so groß, dass ich mir sicher bin, seinen tiefgrünen Augen und ihrer magischen Anziehungskraft standhalten zu können. Nur kurz geht mir durch den Kopf, wie wunderschön sie sind und dass sie mich an schillernde Smaragde erinnern. Auch sein Gesicht ist makellos und könnte das eines ziemlich gut bezahlten Models sein. Allerdings weiß ich, was für ein Mensch hinter dieser anziehenden Fassade steckt.

»Inzwischen habe ich durchaus festgestellt, dass ich dich nicht so schnell loswerde und du ziemlichen Kampfgeist besitzt.«

»Wenn das ein Lob sein soll, musst du echt noch üben. Und warum sagst du das überhaupt?« Aber die Antwort kann ich mir selbst geben. »Verstehe. Dir schwebt noch immer die Sache mit Noah im Kopf herum, habe ich recht? Du willst versuchen, mich auf deine Seite zu ziehen, damit ich dir vielleicht doch noch irgendetwas Hilfreiches über ihn verrate.« Ich schaue ihn noch einmal an, sehe, wie sich seine Augen weiten, und merke deutlich, dass ich den Punkt getroffen habe. »Du bist echt widerlich«, werfe ich ihm entgegen, wende mich ab und lasse ihn einfach stehen. Doch mit nur drei schnellen Schritten hat er mich eingeholt, packt mich am Arm und dreht mich zu sich herum. Ich bin so überrascht, dass ich für einen Moment nichts sagen kann.

Auf einmal liege ich direkt in seinem Arm, sein Blick sprüht Funken und ich spüre die Anspannung in seinem gesamten Körper.

»Du hast das in den völlig falschen Hals bekommen. Ich würde dich niemals in Gefahr bringen, ist dir das nicht klar? Und ohnehin habe ich diesen Gedanken mit Noah längst verworfen. Du willst nicht? Das ist in Ordnung für mich.«

Ich kann kaum glauben, was ich da höre, und brauche eine Weile, bis ich die Worte verarbeitet habe. Hinzu kommt diese ganze Situation: Aydens rechte Hand liegt auf meinem Arm, seine andere ist um meine Hüfte geschlungen. Ich habe das Gefühl, seine Finger durch meine Kleidung hindurch auf meiner Haut brennen zu fühlen. Dazu sein Blick, der leider noch nicht seine ganze Macht über mich verloren zu haben scheint. Dieses tiefe Grün, diese Unergründlichkeit, die Stärke darin – es ist wie ein gewaltiger Sturm, der mich mitreißt. Auf jeden Fall sind wir uns nahe – viel zu nahe. Es ist ein Umstand, mit dem ich gerade nicht klarkomme.

»Ich wollte nur, dass du das weißt«, sagt er und sein Atem streichelt verheißungsvoll über meine Haut. Dann lässt er mich los.

Ich starre ihn fassungslos an. »War … das gerade etwa eine Entschuldigung?«

Ein Lächeln erscheint auf seinen Lippen und er schüttelt belustigt den Kopf. »Nenn es, wie du willst. Ich wollte dir das einfach nur gesagt haben.«

»Es wäre ja auch schrecklich, wenn du eingestehen müsstest, einen Fehler gemacht zu haben.«

»Du bist echt starrsinnig«, meint er, aber sein Tonfall klingt alles andere als scharf. »Du weißt jetzt jedenfalls, dass ich dich nicht für irgendetwas benutzen will, und es ist hoffentlich alles geklärt. Ich werde meinem Vater auch nichts von der Sache mit Noah erzählen. Ich werde es für mich behalten, darauf kannst du dich verlassen.«

Ich nicke und weiß gerade überhaupt nicht, wie ich dieses Gespräch einordnen soll. Mein Herz macht ein paar schnelle Sprünge, denn seine Worte bedeuten mir unendlich viel. »Sag nun bloß nicht, du hast dich damit abgefunden, dass ich auf der Schule bleibe.«

»So weit würde ich in der Tat nicht gehen«, stichelt er, doch das Funkeln in seinen Augen nimmt seinen Worten die Härte. »Offenbar wird man dich nicht so leicht los.« Damit dreht er sich um und geht den Flur entlang. Bevor er in den Internatstrakt wechselt, ruft er mir ein »Lass dich nicht unterkriegen!« nach.

Ich starre ihm sprachlos hinterher. Ein Friedensangebot von Ayden? Ich kann es nicht fassen. Aber mein Herz macht ein paar erleichterte Hüpfer. Es wäre schön, wenn ich wenigstens eine Person weniger gegen mich hätte.

Bildquelle: Pixabay

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