Nächste Leseprobe

Morgen ist es soweit. Ich bin schon sooo gespannt, wie euch der dritte Teil der Schicksalsreihe gefallen wird. Um euch die Wartezeit noch ein wenig zu versüßen, gibt es heute eine weitere Leseprobe. Ich liebe diese Szene!!

Ich strecke mich müde, als die Stunde zu Ende ist, und packe anschließend meine Sachen zusammen. Von überall strömen Schüler mit ihren Schlüsselgeistern herbei, der Gang ist in Sekundenschnelle gefüllt und gleicht einem seltsam anmutenden Zoo. An den Anblick habe ich mich längst gewöhnt. Gemeinsam mit Lucia und Max schließe ich mich dem Strom an und wir gehen zur nächsten Stunde. »Ich wollte eigentlich am Wochenende auf die Party bei Liz«, berichtet Max. »Meine Eltern stellen sich allerdings stur, weil die letzte Feier bei ihr etwas außer Kontrolle geraten ist. Wie sieht es bei dir aus, Lucia? Gehst du hin?«Lucias Antwort klingt irgendwie dumpf in meinen Ohren, dafür werden alle anderen Geräusche um mich herum immer lauter. Überall sind Schritte, deren Vibrationen ich in jeder Nervenfaser spüren kann. Die vielen Stimmen vermischen sich zu einer Kakofonie, aus der ich kein einziges Wort mehr herausfiltern kann. Es wird zu einem unermesslichen Rauschen, einem einzigen, alles zerreißenden Geräusch, das mir in den Ohren dröhnt und meinen Kopf zu sprengen droht. Ich bleibe stehen, versuche, meine Ohren irgendwie zu schützen, aber es will mir nicht gelingen. Lucia und Max blicken mich fragend an. Ich sehe, wie sich ihre Münder öffnen, aber ihre Worte vermischen sich nur mit all den anderen Geräuschen und schrauben sich zu einem lauten Surren hoch. Mir wird schwindelig, alles dreht sich vor meinen Augen. Kleine Lichtblitze zucken auf, alles wird so hell, dass es schmerzt. Und da sehe ich sie: Die unzähligen goldenen Fäden, die aus den Körpern der Personen kommen und hinter ihnen durch die Luft schwirren. Ihr Schimmern ist unbeschreiblich, atemberaubend und zugleich beängstigend. Sie alle sind unterschiedlich lang, und ich weiß, was es bedeutet. Ich kann sehen, wie viel Lebenszeit jedem Einzelnen noch bleibt. Das Leuchten der Fäden ist so intensiv, dass es in den Augen schmerzt. Und selbst, als ich sie schließe, scheint sich ihr Schimmern zu mir hindurchzufressen. Es tut so weh. Die Lichter, die Geräusche … ich kann es nicht ertragen. Ich spüre Hände auf mir, die mich schütteln, aber es nützt alles nichts. Es hört einfach nicht auf. Und plötzlich werde ich hochgehoben. Meine Füße verlieren den Kontakt zum Boden und ich werde weggetragen. Wohin auch immer, es spielt keine Rolle. Ich will nur von den Fäden fort und dieses laute Hämmern in meinem Kopf nicht mehr spüren müssen. Ich kann nicht sagen, wie lange wir laufen, geschweige denn wohin. Es ist mir auch vollkommen gleichgültig. Gerade ist mir alles egal.Das Summen wird langsam leiser. Die Schmerzen lassen ein ganz klein wenig nach, und allein das ist bereits die pure Erleichterung. Wir halten kurz an, dann gehen wir weiter, aber nur ein kurzes Stück. Plötzlich legen die Hände sich an meine Wangen, so zärtlich, so erlösend, dass mir Tränen in die Augen treten. »Versuch, dich auf meine Stimme zu konzentrieren«, dringen die Worte zu mir durch. »So ist es gut. Bleib ganz ruhig.« Ayden. Er hat mich also gefunden. Am liebsten würde ich sofort aufspringen, auf seine Hilfe verzichten und selbst stark sein. Aber seine Nähe scheint im Moment das Einzige zu sein, das mich aus dem Abgrund herauszuziehen vermag. »Es wird sicher gleich besser«, fährt er fort. »Ich habe dich in ein leeres Klassenzimmer gebracht. Hier bist du nicht so vielen Fäden ausgesetzt.«Ich weiß, dass er mit seiner Einschätzung richtigliegt. Diese Menge an Fäden war einfach zu viel auf einmal. Ich atme tief durch, öffne langsam die Lider und sehe in die wundervollsten grünen Augen dieser Welt. Für einen Moment vergesse ich zu atmen, tauche einfach nur in dieses Meer aus funkelnden Grüntönen ein, das so verheißungsvoll strahlt, und lasse mich davontreiben. Die Anspannung verfliegt und macht anderen Gefühlen Platz, die ich gerade gar nicht gebrauchen kann. Der Umstand, dass wir uns direkt gegenüberstehen und meine Hände auf seiner Brust liegen, macht es nicht gerade besser. Wie sind sie da überhaupt hingekommen? Kurz überlege ich, sie von ihm zu nehmen, aber dieser Gedanke verfliegt nach dem Bruchteil einer Sekunde. Warum sollte ich seine Nähe nicht einen Augenblick genießen dürfen? Nur bis ich mich wieder vollständig gesammelt habe.»Geht es wieder?«, fragt er, und sein Atem tanzt dabei über meine Haut. Ich nicke. »Ja, danke.«»Gut. Ich habe mir wirklich Sorgen um dich gemacht. Wie du da plötzlich im Flur standest, die Hände über den Ohren, die Augen geschlossen und dann dieser Schrei.« Er streckt die rechte Hand nach mir aus und streicht mir sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ganz kurz lässt er seine Finger dabei auch über meine Wange tanzen, und ich fühle ein Kribbeln ganz tief in mir. Ich habe also geschrien. Daran kann ich mich nicht erinnern. Alles war so laut, dass ich kein Geräusch mehr heraushören konnte. »Ich bin froh, dass es dir wieder besser geht«, haucht er und löst schließlich den Blick von mir. Und damit verfliegt der Zauber des Moments. »Ich denke nicht, dass irgendwer mitbekommen hat, was mit dir los war. Falls jemand fragen sollte, sagst du einfach, du hättest Bauchkrämpfe oder so etwas gehabt. Das werden sie schon glauben und keine weiteren Fragen stellen.«Ich schlucke schwer. Darum geht es ihm also? Er will nur sicherstellen, dass niemand merkt, was tatsächlich geschehen ist? Keiner soll herausfinden, welche Gabe in mir ruht? Natürlich, denn sonst würden sie auch von den Göttinnen erfahren, und das darf nicht geschehen. Aus diesem Grund war er sofort zur Stelle und hat mich weggebracht. »Wie geht es dir überhaupt? Seit dem Angriff auf dich haben wir kaum miteinander gesprochen. Es war sicher ein Schock für dich, als wir Grace gefunden haben.« Er sieht mich wieder mit diesem Blick an, der so gewaltig, so fesselnd und faszinierend ist. Aber auch gefährlich, denn Ayden ist sich absolut darüber im Klaren, wie er ihn nutzen kann. Ich zucke mit den Schultern. »Ich schaffe das schon.« Meine Stimme klingt kühl und abgeklärt. Auf seiner Stirn erscheinen ein paar Furchen und seine Lippen werden eine Spur schmaler. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass seine Laune sinkt. »Ich werde nie begreifen, warum du ständig alles mit dir alleine ausmachen willst.«»Das fragst du nicht wirklich?«, knurre ich leise und kann zu meiner Verwunderung sehen, wie ihn meine Worte treffen. Er atmet tief ein und streicht sich durchs Haar. »Ty hat erzählt, dass er sich gestern mit dir und deiner Freundin Kate getroffen hat.«Ich bin ein wenig verwundert über diesen Themenwechsel und frage mich, was jetzt kommt. »Er hat auch gesagt, dass Vicky aufgetaucht ist und – sagen wir es mal so – nicht gerade für die beste Stimmung gesorgt hat.«»Das ist ausgesprochen nett formuliert«, berichtige ich ihn. »Sie hat Kate beleidigt und sich wie die Axt im Walde aufgeführt. Am schlimmsten ist aber, dass Ty kaum etwas unternommen hat, um sie aufzuhalten. Wieder mal darf sie sagen und tun, was sie will, ohne dass irgendjemand Anstoß daran nimmt.«»So ist das nicht«, sagt er und funkelt mich wütend an. »Ty hat ihr sehr wohl den Kopf gewaschen. Darum ist sie gerade auch ein wenig sauer auf ihn. Ty macht sich ziemliche Vorwürfe. Auf jeden Fall möchte er noch mal mit Kate sprechen und ihr die Sache erklären.«»Und das sollst du nun über mich einfädeln?«, will ich wissen. »Ich habe keine Ahnung, ob Kate überhaupt mit ihm sprechen will, und ich überrede sie auch bestimmt nicht dazu.«Wieder dieses genervte Schnauben. Offenbar findet er die Unterhaltung alles andere als angenehm, und mir geht es da nicht anders.»Wenn sich jemand entschuldigen sollte, dann ist es Vicky. Aber das wird niemals geschehen. Für sie sind Kate und ich unter ihrer Würde.«»Das stimmt so nicht«, erwidert er. »Sie macht sich einfach nur ihre Gedanken, das ist alles.«»Und wieder nimmst du sie in Schutz«, seufze ich. »Aber gut, ich habe alles gehört und werde es Kate ausrichten.« Damit drehe ich mich um und will zur Tür gehen, als er mich am Arm festhält und zu sich zurückzieht. »Verdammt noch mal, Tess!« Es ist ziemlich unüblich für ihn, dass er meinen Spitznamen benutzt. Erneut steht er genau vor mir. Ich bin ihm so nahe, dass ich seinen Duft riechen und die Wärme seiner Haut spüren kann. »Warum musst du es mir immer so verdammt schwer machen?«, zischt er mit einem dumpfen Klang in der Stimme. »Du hast mir einen solchen Schrecken eingejagt. Dich auf dem Flur so zu sehen …« Sein Blick verdunkelt sich, Angst und Sorge liegen darin und noch etwas anderes, das so anziehend, so verdammt sexy ist, dass ich schlucken muss. »Ich will nicht, dass dir irgendetwas geschieht. In der letzten Zeit hast du eindeutig zu viel durchmachen müssen.« Seine Finger legen sich auf meine Wange. Es fühlt sich plötzlich so richtig an, wie sie auf meiner Haut entlangstreichen und ein Feuer in mir entfachen, das nicht mit Worten zu beschreiben ist. Ein Kribbeln rieselt mein Rückgrat hinab und wandert weiter in meinen Körper, immer tiefer, wo es zu einem unsteten Pochen wird. Sein Atem streicht über meine Lippen, ist so süß, dass ich am liebsten mehr davon schmecken will. »Tess«, sagt er erneut und ich schaue ihm genau in die tiefgrünen Augen, in denen gerade ein Sturm zu toben scheint, von dem ich mich nur zu gerne mitreißen lassen würde. Meine Hände legen sich wie automatisch auf seinen Bauch, wandern höher und spüren die festen Muskeln. Mein Atem kommt nur noch stoßweise, dabei ist noch gar nichts geschehen. Noch nicht. Aber verdammt, ich will es so sehr und darf es eigentlich nicht. Nicht mit Ayden – nicht ausgerechnet mit ihm. Seine Linke fährt durch mein Haar, hält meinen Kopf fest und zieht ihn langsam zu sich heran. Ich strecke mich ein wenig, sehe nur noch ihn: seine Augen, die mich um den Verstand bringen, sein wundervolles Gesicht, um das ihn jedes Model beneiden würde, und diese atemberaubenden Lippen, die ich spüren will. Meine Hände liegen mittlerweile auf seiner Hüfte und bahnen sich den Weg unter sein Shirt. Weiche, feste Haut, über die nun ein leichtes Schaudern läuft. »Du machst mich wirklich wahnsinnig, weißt du das?«, raunt er. Ich weiß nicht mehr, was ich denken oder fühlen soll. Alles in mir ist in Aufruhr und kennt nur einen Gedanken: Ayden. Ich schließe die Augen, während er mich näher zu sich zieht, ich schlucke schwer und öffne zugleich erwartungsvoll ein wenig den Mund. Oh, verdammt ich will es so sehr.

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