Juliane Maibach
Leseprobe Teil 2 “Schicksalstraum”
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Leseprobe Teil 2 “Schicksalstraum”

Nur noch 8 Tage, dann erscheint “Schicksalstraum – Band 6” Zeit für eine weitere Leseprobe. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen. <3

 

Mein Atem geht schwer, Schweiß läuft mir die Stirn hinab, und auch Yoru, der neben mir steht, ringt nach Luft. Ein leichtes Zittern durchfährt seinen kleinen Körper, und Sorge kommt in mir auf. Habe ich zu viel von meinem kleinen Fuchs verlangt? Hätte ich mehr auf ihn achtgeben müssen?

Yoru schaut mich an, als könnte er meine sorgenvollen Gedanken erkennen, und schenkt mir einen Blick, den ich als beruhigend empfinde. Tatsächlich spüre ich auch eine gewisse Ruhe, die mein Inneres durchströmt. Es ist alles in Ordnung mit ihm, Yoru geht es gut.

Während meine Mitschüler weiter um mich herum trainieren, ihre Geister antreiben und Zauber durch die Luft jagen, hole ich erneut tief Luft und mache mich an den nächsten Angriff. Dabei versuche ich, die Verbindung zu Yoru zu stärken, mehr auf ihn einzugehen, unsere Seelen verschmelzen zu lassen. Ich habe gar keine andere Wahl, denn für den Schicksalstest werde ich die zusätzliche Kraft brauchen. Ich weiß, dass es ein gefährliches Unterfangen ist, bei dem eine gewisse Angst immer mein Begleiter ist. Ich darf mich nicht verlieren, nicht zu einer Gefallenen werden. Und doch muss ich ein gewisses Risiko eingehen, wenn es mir gelingen soll, mich in eines dieser überirdischen Wesen zu verwandeln. Mir bleibt nur, mich ganz vorsichtig an die Grenze heranzutasten, und, falls die Stimme mich wieder zu locken versucht, sie zu ignorieren.

Ich schließe die Augen, suche mein Odeon und sende einen großen Teil davon an Yoru. Immer mehr lasse ich meinem kleinen Geist zukommen, sodass ein steter Fluss entsteht. Und auch von Yoru kommt ein Energiestrom zurück. Es ist wie eine verbindende Ader, eine Stromleitung, die zwischen uns besteht und von der wir nun beide abhängig sind. Ich glaube, die Grenze bereits zu spüren, und halte Abstand, damit ich nicht Gefahr laufe, mich zu verwandeln.

Wärme durchflutet mich und ein berauschendes Gefühl von Stärke. Das Wort »Macht« kommt mir in den Sinn, und tatsächlich fühle ich mich in diesem Moment so stark wie nie zuvor. Es fühlt sich nach Freiheit an, nach Ungezwungenheit.

»Geh noch ein Stückchen weiter. Nur ein kleines bisschen. Die Kraft, die du erhalten wirst, ist jedes Risiko wert. Du willst den Schicksalstest doch bestehen?« Die Stimme fährt mir durch Mark und Bein, doch ich versuche, sie mit aller Gewalt zu ignorieren. Ich darf ihr nicht folgen! Ich verschließe mich vor ihr, versuche, sie aus meinem Geist herauszuhalten. Und tatsächlich wird sie immer leiser – ihr Locken verebbt und wird zu einem sanften Säuseln.

Da ist keine Schwäche mehr, keinerlei Zweifel. Ist das also vielleicht der Weg, den ich gehen muss, um zu diesem überirdischen Wesen zu werden? Ich befinde mich mitten in der Turnhalle, mir ist bewusst, dass die Trainer mich beobachten und eine Verwandlung nicht zulassen werden.

Zumindest war es mir gerade noch bewusst. Jetzt rückt dieser Gedanke immer weiter in den Hintergrund und verliert an Bedeutung. Er wird stetig leiser, bis er sich irgendwo im Nichts verliert. Und in diesem Moment fällt meine Entscheidung: Ich werde diesen Weg gehen. Kaum habe ich die Worte zu Ende gedacht, beginnen meine Finger, zu brennen. In meiner Handfläche formt sich ein kleiner Feuerball, und auch Yoru verändert sich. Er wird größer, ebenso wie die Flammen um ihn herum. Sie strahlen eine unbändige Hitze aus, bereit alles, das sich in ihren Weg stellt zu verzehren. Er ist riesig, beeindruckend und furchteinflößend.

Doch meine Freude über die beginnende Verwandlung hält nicht lange an. Ich schaue gerade auf meine Hände, sehe, wie sich das Feuer immer weiter ausbreitet, da höre ich auch schon die Rufe. Sie sind nicht laut und dringen nur gedämpft zu mir durch. Aber dennoch nehme ich sie natürlich wahr.

»Miss Franklin! Hören Sie sofort auf! Wagen Sie es nicht, weiterzugehen. Ich warne Sie!«

Es ist Mr. Laydon. Als ich mich ihm zuwende, sehe ich den Zorn in seiner Miene. Er ist so aufgebracht, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Er hat die Lippen zusammengekniffen, die Stirn gerunzelt und seine Augen brennen vor Wut. Miss Rupert, unsere Lehrerin, schaut mich dagegen voller Entsetzen an. Sie scheint vor Schock erstarrt zu sein.

Mr. Laydon erreicht mich mit schnellen Schritten und zögert keine Sekunde. Er packt mich derart grob am Arm, dass ich kurz nach Luft schnappe und aus meiner Konzentration gerissen werde. Augenblicklich verliere ich die Verbindung zu Yoru. Er kehrt in seine normale Form zurück, und auch die Flammen in meinen Händen erlöschen schlagartig.

Fassungslos starre ich meinen Lehrer an, der mir voller Wut entgegenzischt, sodass kleine Spucketropfen durch die Luft fliegen: »Machen Sie das nie wieder! Haben Sie mich verstanden? Es ist viel zu gefährlich. Diese Kampftechnik ist allein den Huntern vorbehalten. Es fordert jahrelanges Training, die Odeonkonzentration so aufrechtzuerhalten, dass weder Sie noch Ihr Geist zu schaden kommen. Zudem verliert man sich ohne Hilfe viel zu schnell an dieser Grenze. Wollen Sie wirklich unbedingt eine Gefallene werden?!«

Ich starre ihn an. Noch immer hält er meinen Arm gepackt und blickt mich voller Zorn an.

»Halten Sie sich einmal an die Regeln, die hier herrschen. Sie gelten auch für Sie, und sie sehen vor, dass Schüler diese Art des Kämpfens nicht erlernen dürfen. Und glauben Sie mir: Das hat seinen Grund.«

»Tut mir leid«, bringe ich schließlich hervor. Ich kann mein Entsetzen über Mr. Laydons Ausbruch nicht verbergen. Nie habe ich ihn so erlebt. Natürlich habe ich schon das eine oder andere gröbere Wort von ihm zu hören bekommen, aber noch nie ist er handgreiflich geworden.

Er blitzt mich an, lässt seine Augen an meinem Gesicht auf- und abwandern. »Ich wünschte, ich könnte Ihnen das glauben. Aber so gut kenne ich Sie inzwischen. Immer den eigenen Kopf durchsetzen und Anweisungen ignorieren.«

Er hätte mich mit keinem Satz mehr treffen können. Es fühlt sich an, als hätte er mir eine Ohrfeige verpasst. Wütend reiße ich meinen Arm los und zische ihn an: »Ach, finden Sie?! Dann sollte der Rat vielleicht überdenken, wie er mit mir umgeht und was er von mir verlangt. Wie soll ich den Test bestehen, wenn ich nicht auf meine vollen Kräfte zurückgreifen darf?!«

»Mir ist zu Ohren gekommen, welchen Test Sie zu bestehen haben. Doch anstatt zu sehen, was das eigentliche Ziel ist, bemühen Sie sich mal wieder, irgendwelche Ausflüchte zu finden, damit keiner erkennen kann, wie es um Ihre Gabe tatsächlich bestellt ist.«

Ich reiße die Brauen hoch und starre ihn fassungslos an. Niemals hätte ich gedacht, dass Mr. Laydon so über mich denkt. Glaubt er wirklich, ich würde nicht auf meine Gabe zurückgreifen wollen, weil ich weiß, dass ich sie nicht kontrollieren kann? Dass ich sie verstecken will? Dabei möchte ich einfach nur nicht untergehen. Ich will nicht scheitern und versuche, mich in allen Bereichen vorzubereiten, so gut ich kann. Das kann er mir doch nicht zum Vorwurf machen?

Ein letztes Mal schaut er mich mit verkniffener Miene an und sagt: »Machen Sie das nie wieder!« Damit dreht er sich um, lässt mich stehen und wendet sich einem anderen Schüler zu.

Natürlich hat die gesamte Klasse unsere Auseinandersetzung verfolgt. Ich gehe davon aus, dass sie nicht jedes Wort verstanden haben, aber die Wut des Lehrers war nicht zu übersehen. Ich versuche, ihren Blicken auszuweichen, mir nichts anmerken zu lassen und mit dem Training weiterzumachen. Doch mein Herz hämmert noch immer, während Mr. Laydons Worte durch meinen Kopf kreisen.

Kate kommt zu mir und mustert mich von der Seite. »Alles okay?«

Ich nicke langsam. »Ja, wir sollten weitertrainieren.« Ich wende mich Yoru zu, streichele durch sein Fell und will ihn gleich einen Angriff starten lassen.

»Du weißt, dass es nicht stimmt, was er sagt«, wispert Kate mir leise zu. »Du hast alles Recht der Welt, jeden Strohhalm zu ergreifen und deine Kräfte zu verbessern.«

»Tja, nur leider ist diese Technik für uns Schüler verboten.«

»Ziemlicher Blödsinn, wenn du mich fragst«, erwidert sie mit einem kleinen Schmunzeln. »Gerade dir sollte man gestatten, diese Technik zu lernen. Keine Ahnung, warum man dir keinen Lehrer oder Hunter zur Seite stellt, damit du sie trainieren kannst.«

»Die Tempes haben eben so ihre Regeln und Geheimnisse. Und nur wegen mir werden sie diese nicht brechen oder preisgeben.«

»Und dann wirft man dir vor, du würdest dich in Dinge einmischen, die dich nichts angehen. Geheimnisse und Lügen – irgendwann taucht immer eine Person auf, die die richtigen Fragen stellt und das ganze Gebäude zum Einsturz bringt.«

Ich schüttele amüsiert den Kopf und schaue Kate an. »Ich will nichts und niemanden zum Einsturz bringen. Ich will einfach nur eine faire Chance bekommen.«

Ich sehe mich noch einmal nach den Lehrern um, die zusammenstehen und sich unterhalten. Kurz überlege ich, ob es um mich geht, aber im Grunde kann es mir egal sein. Ich werde mich nicht aufhalten lassen. Auch nicht von diesen beiden.

 

Und so stehe ich nach Schulschluss weiter in der Halle, bin komplett verschwitzt und zittrig. Die beiden Trainer haben mir prüfende und vor allem warnende Blicke zugeworfen, als sie die Halle schließlich verlassen haben. Sie können mir nicht verbieten, alleine hierzubleiben, doch dass sie damit nicht einverstanden waren, war ziemlich offensichtlich. Mich würde auch nicht wundern, wenn sie stichprobenartig vorbeikommen und mich überprüfen würden. Das alles ist jedoch kein Grund, mein Training zu unterbrechen.

Ich lasse Yoru zunächst weitere kleine Angriffe starten, achte dabei genau auf den Fluss des Odeons, der zwischen uns herrscht, und versuche, ihn so lange wie möglich gleichmäßig aufrechtzuerhalten. Währenddessen stelle ich mir vor, dass ich mich mitten im Schicksalstest befinde. Ich denke an die Hunter, die mich prüfen werden. Was, wenn sie sich verwandeln? Was kann ich ihren Angriffen entgegensetzen?

Ich schicke immer mehr Odeon zu Yoru und weiß, dass ich es noch einmal versuchen muss. Ganz langsam lasse ich den Fluss zwischen uns stärker werden. Ich spüre, wie ein Teil von mir zu Yoru fließt, und ihm geht es vermutlich nicht anders. Da ist plötzlich diese Wärme in mir, diese Sicherheit und Zuversicht. Gemeinsam können wir alles schaffen. Wieder empfinde ich Stärke, die langsam an Kraft zunimmt. Ich kann sie als Prickeln in meinen Fingerspitzen spüren.

Auch in Yoru geht eine Veränderung vor, die ein Außenstehender vermutlich nicht wahrnehmen würde. Seine Attacken kommen etwas schneller, kraftvoller, aber vor allem ist da dieser enorme Wille, diese absolute Gewissheit, dass wir nicht aufzuhalten sind. Wir sind ein Team, eine Einheit, die durch nichts zu durchbrechen ist. Und das ist ein unfassbar berauschendes Gefühl. Mein Herz flattert in meiner Brust, meine Haut glüht vor Erwartung, was nun kommen wird. Ich fühle das Brennen in meinen Fingern, dieses aufgeregte Kribbeln. Tatsächlich züngeln kleine Flammen aus meinen Fingerspitzen, die sich immer weiter über meine Handflächen und schließlich sogar bis über meine Arme ausbreiten.

Auch Yoru wird vom Feuer erfasst. Er steht mittendrin, wird umhüllt von den heißen Flammen, die ihm allerdings keinerlei Schaden zufügen. Seine Augen sind schwarz, und wieder erkenne ich diese eigenartigen Symbole auf seiner Stirn.

Ich spüre, wie mein Blut stetig heißer wird, wie es zu kochen beginnt. Yoru und ich tauschen einen kurzen Blick. Wir wissen beide, dass wir kurz davorstehen, diese ganz besondere Verbindung komplett einzugehen. Mein Herz pocht, mein Atem geht hastig. Soll ich diese neugewonnene Macht testen? Alles in mir drängt danach. Ich will es einmal ausprobieren, mich ihr voll und ganz ergeben.

Doch noch immer ist da ein Teil in mir, der mich zurückhält. Eine leise Ahnung, die mich zur Vorsicht mahnt. Ich weiß, wie gefährlich das ist, was ich hier gerade versuche, wie viel schiefgehen kann. Und ich bin mir sicher, dass ich diese Zweifel nicht haben darf, wenn ich mich weiter vorwagen will. Ich darf nicht zögern, keine Angst kennen. Ich muss Yoru und mir voll und ganz vertrauen. Aber nach alldem, was ich in letzter Zeit erlebt habe, ist es nicht so einfach.

Ich atme tief durch und versuche, die Bindung zu Yoru aufrechtzuerhalten, spüre, wie stark sie ist, wie sie mir die Energie entzieht. Langsam hebe ich die Hand und will Yoru den Befehl zum Angriff geben. Noch immer tanzt das Feuer in meiner Hand, ich fühle die Hitze, die Kraft darin. Doch plötzlich spüre ich noch etwas anderes: Eine Ahnung, die mir etwas zuflüstert: Du bist nicht allein.

(2) Comments

  1. Birgit Schweitzer says:

    Kann es kaum erwarten,endlich Buch 6 zu lesen,die Leseproben sind schon sehr spannend.

    1. Freut mich sehr, dass dir die Leseproben so gut gefallen. Kann es auch kaum abwarten, bis der neue Band erscheint. Ich wünsche dir auf jeden Fall ganz viel Spaß beim Lesen. <3

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