Ein alter Taschenspiegel. Eine fremde Welt. Und ein geheimnisvoller Mann, vor dem ihr Großvater sie vielleicht hätte warnen müssen.
Er wusste, was hinter dem Spiegel wartet.
Er wusste von Tares.
Und er gab Gwen den Spiegel trotzdem.
Als Gwen den Nachlass ihres Großvaters durchsieht, ahnt sie nicht, dass ein alter Taschenspiegel ihr Leben für immer verändern wird. Ein einziger Blick hinein – und sie findet sich in einer fremden Welt wieder. Einer Welt voller Magie, tödlicher Wesen … und Tares.
Der geheimnisvolle Fremde jagt die verstreuten Splitter des legendären Glutamuletts. Ein Artefakt, das seinem Besitzer den tiefsten Wunsch erfüllen soll. Und ausgerechnet Gwen ist der Schlüssel dazu: Sie kann spüren, wonach Tares sucht.
Widerwillig schließen die beiden einen Pakt. Gwen braucht einen Weg nach Hause. Tares braucht Gwen, um die Splitter zu finden. Doch mit jedem Schritt wird aus Misstrauen Nähe – und aus Nähe eine Gefahr, auf die keiner von beiden vorbereitet ist.
Denn hinter Tares’ schroffer Fassade verbirgt sich mehr als nur ein Geheimnis. Und je näher Gwen ihm kommt, desto drängender wird eine Frage:
Hat ihr Großvater sie wirklich nur in diese Welt geschickt – oder ganz bewusst zu ihm?
★ Eine abgeschlossene Romantasy-Reihe – perfekt zum Durchlesen.
Gwen ist durch den Spiegel in einer fremden Welt gelandet. In einer Höhle entdeckt sie einen seltsam leuchtenden Splitter – und merkt, dass sie nicht allein ist.
Sie stutzte. Ihr war, als hätte sie eben Schritte hinter sich gehört. Gwen wandte sich um und starrte in ein ihr vollkommen fremdes Gesicht. Sie musste so vertieft in dieses eigenartig warme Gefühl gewesen sein, dass sie diese Person zunächst gar nicht hatte kommen hören. Ganz automatisch krampfte sich ihre Hand um den Splitter und sie schob sie schützend hinter ihren Rücken.
»Wer sind Sie?«
Gwen ließ vorsichtig ihren Blick über den Fremden gleiten. Er war jung, vielleicht ein wenig älter als sie, groß gewachsen, mit breiten, starken Schultern, die in einem schweren, abgewetzten dunklen Mantel steckten, der das meiste seines Körpers verbarg. Seinem außergewöhnlich hübschen Gesicht konnte sie auf den ersten Blick nicht entnehmen, ob er gefährlich war oder nur jemand, der genau wie sie Schutz vor dem Regen suchte.
Ihr Blick wanderte über die ebenmäßigen Züge, die hohen Wangenknochen, die schmale Nase, das pechschwarze Haar und blieb schließlich fasziniert an den Augen des Fremden hängen. Niemals zuvor hatte sie solche Augen gesehen. Sie strahlten eine derartige Tiefe aus, dass man sich darin verlieren konnte – waren so unergründlich, dass Gwen ein seltsames Prickeln auf ihrer Haut verspürte. Am beeindruckendsten war jedoch die Farbe: ein tiefdunkles Purpur mit silbernen und goldenen Sprenkeln darin, die zu tanzen schienen. Gwen hätte diesem Farbenspiel noch stundenlang zuschauen können. Wie war es möglich, solche Augen zu haben? Oder waren es Kontaktlinsen?
Sie blieb misstrauisch. Immerhin wusste sie noch immer nicht, wo sie sich befand und wer dieser Fremde war, geschweige denn was er wollte.
»Falls Sie gekommen sind, um Schutz vor dem Regen zu suchen: Die Höhle ist sicher groß genug, dass wir beide hier ungestört warten können, bis es aufhört.«
»Du hast da etwas, das mir gehört«, sagte ihr Gegenüber, ohne sie auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen.
Sie wusste, dass sie vorsichtig sein musste. Noch immer verbarg sie ihr Fundstück hinter dem Rücken. Es genügte jedoch ein Seitenblick, um zu erkennen, dass das Licht zwischen ihren Fingern hindurchdrang und die Höhle erhellte.
Sie seufzte und ließ die Hand schließlich sinken. »Ich schätze, es ist zwecklos, es verstecken zu wollen, dafür leuchtet es zu stark.«
Sie sah, wie ganz kurz ein hastiges Zucken durch das Gesicht des Fremden fuhr. War es Erstaunen? Zorn? Verwunderung? Sie konnte es nicht recht deuten.
»Es hat in der Felswand gesteckt. Demnach können Sie wohl kaum irgendwelche Besitzansprüche anmelden.«
»Mach es dir nicht schwerer als nötig. Ich kann recht ungemütlich werden«, erklärte der junge Mann mit rauer Stimme.
Gwens Herz pochte unruhig in ihrer Brust. Sie ahnte sehr wohl, dass der Kerl nicht spaßte, und sie wollte lieber gar nicht erst darüber nachdenken, was er ihr alles antun konnte. Doch dieses eigenartige Zucken eben … Sie war sich sicher, dass er für einen Moment irritiert gewesen war, dass sie ihn mit irgendetwas aus dem Konzept gebracht hatte. Ob ihr das noch einmal gelingen würde? Denn eines stand fest: Sie wollte dieses seltsam leuchtende Metallteil behalten. Ihr Verlangen danach war so groß, dass es ihr unmöglich schien, es auch nur für einen kurzen Moment aus der Hand zu geben.
Sie öffnete die Faust, woraufhin das Strahlen des Splitters die gesamte Höhle erhellte. »Es ist wirklich schön«, sagte sie und schaute den Fremden erneut an. »Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Diese Wärme, die es aussendet, das gleißende Licht … Es ist atemberaubend und sicher wertvoll.« Ihre Augen verengten sich ein wenig. »Ich kann gut verstehen, dass Sie es haben wollen, doch ich bin es, die es gefunden hat, und darum steht es mir zu.«
Der junge Mann runzelte nachdenklich die Brauen, schaute sie so eindringlich und prüfend an, dass sie kurz den Blick senken musste.
»Was soll das heißen, du würdest ein gleißendes Licht sehen?«, fragte er.
Sie war erstaunt über die Veränderung in seiner Stimme. Jegliche Rauheit war daraus verschwunden, sodass sie nur noch verwundert und interessiert klang.
Gwen schaute auf, und für einen Moment rieselte ein eigenartiger warmer Schauer ihren Rücken hinab. Er blickte sie an, aufrichtig und offen, als sehe er sie zum ersten Mal und versuche, etwas in ihr zu erkennen.
»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen«, gab sie unumwunden zu.
Er verdrehte genervt die Augen und erklärte ungeduldig: »Was meinst du damit, dass sich der Splitter warm anfühlt und ein Licht ausstrahlt?«
Nun war es an ihr, verblüfft die Brauen zu heben. Wollte er sie prüfen oder warum sonst stellte er sich so dumm? Nein, da war keine Hinterlist in seinem Blick, nur echtes Interesse und der Wunsch nach einer Antwort.
Sie sah auf das Metallstück. »Na ja, es schimmert doch in einem warmen roten Schein. Vorhin, als ich im Wald war, habe ich das Strahlen bis dorthin gesehen. Nur so war es mir möglich die Höhle und letztendlich diesen Splitter überhaupt zu finden.« Sie schaute den Fremden an. »Kannst du das etwa nicht sehen?«
Sie war zum Du übergegangen, in der Hoffnung, so ein wenig mehr Vertrautheit zu wecken und es ihm damit schwerer zu machen, sie anzugreifen.
Er schwieg einen Moment und runzelte die Stirn. »Du kannst sie also spüren«, sagte er wie zu sich selbst. Dann legte sich Entschlossenheit in sein Gesicht. »Du wirst mir helfen. Ich habe zwar keine Ahnung, woher du diese Fähigkeit hast, aber ich denke, damit wirst du mir mehr als nützlich sein.«
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