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Juliane Maibach

Neue Leseprobe Midnight Eyes

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Neue Leseprobe Midnight Eyes

21. Februar 2015

Neue Leseprobe Midnight Eyes

Ich hoffe, ihr alle habt ein wunderschönes Wochenende und genießt die freie Zeit. Für mich und meinen Mann ist heute ein ganz besonderer Tag, da wir unseren ersten Hochzeitstag feiern. *-* Heute Abend gehen wir in dem Schloss essen, wo wir unsere kirchliche Trauung gefeiert haben und übernachten dort in derselben Suite wie damals. Ich freue mich sehr darauf und bin sicher, dass wir uns währenddessen immer wieder an die wundervolle Trauung zurückerinnern werden.

Um euch ebenfalls eine kleine Freude zu bereiten, gibt es nun, wie versprochen eine weitere Leseprobe aus “Midnight Eyes – Schattenträume.”

Ich habe dafür eine meiner Lieblingsszenen gewählt: In dieser hat Emily ihre erste Begegnung mit Ray, wobei die beiden alles andere als begeistert von diesem Kennenlernen sind. Immerhin sind ihre Leben von nun an miteinander verbunden – stirbt der eine, bedeutet das auch das Ende für den anderen. Ein Umstand, der keinem von beiden sonderlich behagt und der sowohl Emilys als auch Rays Alltag vollkommen auf den Kopf stellt.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und Kennenlernen der neuen Charaktere. Ich muss ja gestehen, dass ich Bartholomäus bereits richtig ins Herz geschlossen habe. Mal sehen, ob es euch da ähnlich ergeht. 😉

 

Gefesselt

Die erste Schulwoche war verstrichen, und nach einem kurzen Mittagessen in der Cafeteria versammelte sich unsere Klasse im Eingangsbereich. Der Ausflug ins Museum kam mir gerade recht, hatte ich doch momentan wieder mal mein Mittagstief. Ich hoffte darauf, dass mir die frische Luft helfen würde, ein wenig munterer zu werden.

„Du siehst müde aus“, stellte Nell fest, „aber das ist ja auch kein Wunder bei dem langweiligen Ausflug, der uns bevor­steht. Ich hab echt keine Lust auf diese Exkursion.“

„Besser als Unterricht“, meinte ich.

„Also ich freu mich auf die Ausstellung“, wandte Sven ein.

Nell rollte mit den Augen und seufzte genervt. „Du interessierst dich ja auch fürs Mittelalter. Warum auch immer. Wieso könnt ihr mir bei so was nicht einfach mal zu­stimmen?“

Ich legte meinen Arm um ihre Schultern und erklärte in übertrieben heiterem Ton: „O Nell, ich kann dich so gut verstehen. Museen sind ätzend und entsetzlich öde. Weshalb passieren gerade uns immer wieder so schreckliche Dinge? Aber ich bin mir ganz sicher, dass wir es gemeinsam überstehen werden!“

Sven schmunzelte, und Nell befreite sich grummelnd von meinem Arm. „Sehr witzig“, knurrte sie, setzte aber sogleich wieder ein Lächeln auf. „Ich hab übrigens gehört, dass nicht nur unsere, sondern auch ein paar andere Klassen diese Aus­stellung besuchen.“ Sie musterte mich bedeutungsvoll und grinste: „Die von Chris soll auch dabei sein.“

Ich schluckte schwer. Warum versetzte mich diese Nach­richt in freudige Unruhe?

„Gut, wie ich sehe, sind wir alle vollzählig, sodass es losgehen kann“, unterbrach Frau Breme das Stimmengewirr. „Ich denke, Sie alle kennen den Weg zum Museum, aber bleiben Sie bitte dennoch zusammen.“

Sie ging voraus und wir Schüler folgten ihr wie im Enten­marsch.

Das Neuheimer Museum lag nur drei Querstraßen von der Schule entfernt. Dennoch taten auch die wenigen Minuten an der frischen Luft gut. Die Sonne schien, keine Wolke war am Himmel zu sehen und es war sogar recht warm. Da sich der Sommer allmählich dem Ende zuneigte, freute ich mich über jeden weiteren sonnenreichen Tag.

Nell hatte sich ihre Sonnenbrille aufgesetzt, deren Gläser kreisrund und riesengroß waren, weshalb sie mich an Puck, die Stubenfliege, erinnerte. Es war typisch für sie, dass sie ausge­rechnet zu solch einem auffälligen Modell gegriffen hatte.

Kaum hatten wir das Museum erreicht, stöhnte sie erneut genervt: „O Mann, ich hab so was von keine Lust.“

Über dem Eingang hing ein großes Banner, auf dem in Sütterlinschrift „Die dunkle Zeit des Spätmittelalters“ ge­schrieben stand. Darunter las ich in kleineren Buchstaben: „Sonderausstellung über Hexenverfolgung, Inquisition und den Schwarzen Tod.“

„Kommen Sie bitte“, rief Frau Breme. „Wir gehen jetzt alle zusammen rein.“

Erneut setzten wir uns in Bewegung und folgten der Gruppe. Das Neuheimer Museum gehörte zu einem der größten unserer Stadt, was man bereits von außen erahnen konnte. Das Gebäude war eine große, alte Villa, deren Fassade mit etlichen Säulen, Giebeln und Figuren versehen war. Der Boden im Inneren bestand aus getäfeltem Holz, das nach all den Jahren jedoch schon recht abgenutzt war. Bei jedem Schritt knirschte und knackte es, doch das passte irgendwie zu dieser ehrwürdigen Atmosphäre.

Die Räume waren allesamt enorm hoch, die Decken mit Stuck und kleinen Giebeln verziert. Im Eingangsbereich be­fanden sich mehrere Glaskästen, in denen alte Münzen, Messer, Ohrringe und Ketten ausgestellt waren. Laut den Informations­tafeln handelte es sich hierbei um Replikate aus der Römerzeit, die man hier in der Gegend gefunden hatte. Sie standen zum Verkauf und kosteten jeweils mehrere Hundert Euro.

Nachdem Frau Breme an der Kasse den Eintritt für uns bezahlt hatte, sagte sie: „So, dann folgen Sie mir bitte. Wir bleiben alle zusammen“, und ging voraus in den Raum zu ihrer Rechten.

Hier herrschte eine seltsame Stimmung. Die meisten Fenster waren mit schweren Vorhängen verdunkelt, sodass nur wenig Licht hereindrang. Der Raum selbst wurde von alten, schummrigen Lampen erhellt. Das knackende Gebälk tat sein Übriges, um zu dieser unheilvollen Stimmung beizutragen.

An den Wänden waren Bilder ausgestellt, die sich mit den Aus­wirkungen des Dreißigjährigen Krieges befassten. Eines zeigte mehrere Bäume, an denen einige Männer aufgeknüpft waren, während Soldaten unter ihnen standen und grinsend zu ihnen aufschauten. Daneben sah ich Bilder von brennenden Häusern. In den Gassen rannten Leute um ihr Leben, während eine Armee durch die Stadt zog, plünderte und jeden tötete, der den Soldaten in die Quere kam.

„Wie Sie auf den Bildern sehen können“, begann Frau Breme, „war die Zeit zwischen 1618 und 1648 für die Bevölkerung eine sehr düstere. Die Menschen lebten in ständiger Angst vor marodierenden Soldaten und einem Angriff auf die Stadt. Aber auch Seuchen und Hungersnöte waren allgegenwärtig.“

Sie ging weiter, führte uns an Kästen vorbei, in denen Soldatenhelme, Schwerter, Äxte und Piken ausgestellt waren.

„Hier sehen Sie einige Waffen und Rüstungen, mit denen das kaiserliche Heer ausgestattet war“, fuhr sie fort. „Eine Armee verschlingt immense Summen, und da Kaiser Fer­dinand II. ohnehin stets knapp bei Kasse war, war es für ihn fast unmöglich, sein Heer zu unterhalten.“ Sie deutete auf ein Bild von einem Mann mit dunklem Haar, großen Geheimrats­ecken und einem Schnurrbart. „Albrecht von Wallenstein schlug dem Kaiser vor, eine Armee auf seine Kosten auf­zustellen. Ferdinand II. nahm dieses Angebot schließlich an, und so führte Wallenstein das System der Kontributionen ein. Hierbei wurden alle Bewohner, durch deren Gebiet Wallen­steins Armee zog, zur Kasse gebeten. Das war etwas voll­kommen Neues, denn normalerweise kamen die Kriegsherrn für ihr Heer auf. Nun musste die Bevölkerung dafür herhalten, was eine enorme Last für sie darstellte.“

Wir folgten ihr in den nächsten Raum, der noch größer war als der vorherige und in dem sich gleich mehrere Besucher­gruppen aufhielten. In der Mitte des Zimmers hing ein riesiges Wandgemälde, das in lodernden Farben eine Schlacht dar­stellte. Einige Soldaten hatten die Münder zum Kampfes­schrei geöffnet, gingen auf ihre Gegner los und stachen mit Schwertern und Piken auf sie ein. Die Pferde bäumten sich auf, während ihre Herren von den Rücken der Tiere aus nach den Männern um sich herum stachen. Überall lagen Tote auf der blutgetränkten und von unzähligen Füßen zertrampelten Erde. Dieses Bild war ein einziger Alptraum, ein absolutes Horror­szenarium.

„Hey, schau mal, wer da ist“, raunte mir Nell leise zu und riss mich damit aus meinen Gedanken.

Ich wandte mich in die Richtung, in die sie deutete, und brauchte nur eine Sekunde, um Chris in der anderen Gruppe auszumachen. Seine Mitschüler verteilten sich gerade im Raum, um sich allein umzuschauen. In diesem Moment trafen sich unsere Blicke. Seine Miene hellte sich sofort auf, und er lächelte mir strahlend zu.

„Lass dich einfach ein bisschen zurückfallen“, schlug sie vor. „Frau Breme ist so in ihrem Element, die merkt nicht, wenn jemand fehlt.“

„Ich kann doch nicht …“ Ich schaute nach vorn zu unserer Lehrerin. Sie redete unaufhörlich und erklärte das nächste Exponat, sodass es tatsächlich nicht auffiel, dass Nell und ich nicht folgten. Nicht einmal Sven schien etwas zu bemerken. Er hörte Frau Breme vielmehr aufmerksam zu und betrachtete gerade eines der Bücher, das in dem Schaukasten neben ihm lag.

Als Chris in meine Richtung kam, zwinkerte mir Nell verschwörerisch zu. „Ich pass schon auf, dass niemand was merkt. Komm nachher einfach zum Ausgang.“ Sie winkte mir noch einmal kurz zu und hatte, ehe ich etwas antworten konnte, auch schon zur Klasse aufgeschlossen.

„Scheint so, als würde sich die ganze Schule diese Ausstellung ansehen. Die Elfte und die Zehnte waren gestern schon hier“, erklärte Chris.

„Es wurde auch ein ganz schöner Aufwand betrieben“, meinte ich und nickte in Richtung des riesigen Wandbilds.

„Ja, es ist alles sehr eindrucksvoll, teilweise aber auch erschütternd.“

„Da hast du recht.“ Ich ließ noch einmal meinen Blick über die Ausstellungsstücke wandern.

„Was meinst du, wollen wir uns noch ein bisschen was zu zweit anschauen?“ Selbst in diesem schummrigen Licht glänzten seine Augen. Sein Blick hatte wirklich etwas An­ziehendes.

Ich nickte und folgte ihm in den Raum zu meiner Linken. Zwischen Vitrinen mit alten Pergamenten und Berichten aus dem Dreißigjährigen Krieg hingen an den Wänden Bilder, die Bauern bei ihrer Arbeit zeigten. Die Menschen waren voll­kommen ausgezehrt und machten sich dennoch daran, das wenige Korn, das auf ihren Feldern wuchs, zu ernten.

Als wir weitergingen, gelangten wir zu einem dunklen Stoffvorhang, vor dem ein großes Schild befestigt war. „Zur Sonderausstellung: Hexen und Inquisition im späten Mittel­alter“, las ich murmelnd.

Wir zogen den Vorhang beiseite und betraten den dahinter­liegenden Raum. Auch hier hingen Bilder an den Wänden. Sie zeigten Szenen von Hexenverbrennungen und Folterungen; die schmerzverzerrten Frauengesichter starrten mir voller Qual und Entsetzen entgegen, sodass ich schauderte.

In einigen Schaukästen lagen alte Bücher, in denen die Namen von Verurteilten aufgelistet waren. Daneben wurde aufgeführt, was man der jeweiligen Person vorgeworfen hatte, welche Strafe sie erhalten und was man ihrer Familie an Hab und Gut genommen hatte. Es war erschreckend, wie viele Namen allein auf den aufgeschlagenen Seiten zu finden waren.

„Das ist wirklich grauenhaft“, murmelte ich leise.

Chris nickte und wirkte nicht weniger geschockt als ich. „Vielleicht sollten wir uns besser etwas anderes anschauen“, schlug er vor, während er das große Wandgemälde betrach­tete, das wohl die Hölle darstellte. Es zeigte Menschen, deren nackte Körper unter qualvollen Schreien malträtiert und gefoltert wurden. Ich sah einen Mann mit abgerissenen Gliedmaßen, der auf eine Streckbank gefesselt war. Daneben eine Frau, die in einem riesigen gusseisernen Topf saß und darin gekocht wurde. In lodernden Flammen entdeckte ich Gesichter, die vor Entsetzen verzerrt waren und von dem Feuer verschluckt wurden.

„Lass uns mal da langgehen“, schlug Chris vor und deutete auf eine offen stehende Tür.

Der kleine Raum dahinter war stickig und nahezu finster. Hier hatte man alle Fenster mit blickdichten Stoffen zugehängt, sodass das Zimmer nur von einigen wenigen Lampen erhellt wurde. In der Mitte des Raumes standen drei Jungen und sahen sich interessiert das seltsam anmutende kreisförmige Symbol an, das auf den Boden gezeichnet war. Auch auf den Wänden entdeckte ich diese eigenartigen Zeichen, wobei man sie in der Dunkelheit kaum erkennen konnte.

Auf der rechten Seite stand ein wuchtiges altes Holzregal, in dem Schriften und alte Bücher ausgestellt waren. Anders als die anderen Stücke des Museums befanden sich diese hier nicht hinter Glas, sondern waren vollkommen ungeschützt. Darum lag es auf der Hand, dass es sich hierbei bloß um Dekoration handelte, um den Raum und die Szene noch lebendiger zu gestalten. Daneben befand sich ein Glaskasten, in dem ein zerfleddertes altes Buch lag. Auf dem Schild darunter war zu lesen: „Nachstellung eines magischen Rituals, wie es unter anderem im Buch Lemegeton Clavicula Salomonis beschrieben wird.“

In diesem Moment zog ein Kichern meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich blickte erneut zu den Jungen, die noch immer herumalbernd in dem riesigen, auf den Boden gemalten Kreis standen. Dieser war mit mehreren Symbolen versehen, die sich an verschiedenen Stellen kreuzten und schnitten. In der Mitte war ein kleines Podest aufgebaut, an dem sich die Kerle gerade zu schaffen machten. Mit einem lauten Knall fiel es schließlich um, wobei ein samtenes Kissen beiseiterutschte. Die drei bückten sich sofort danach.

„Hey, was macht ihr denn da?“, rief ich. Als ich auf sie zutrat, erkannte ich, dass einer von ihnen etwas in der Hand hielt – es sah aus wie ein kleines, silbern schimmerndes Messer.

„Legt das sofort wieder hin! Ihr könnt doch nicht einfach die Ausstellungsstücke auseinandernehmen. Ihr spinnt wohl!“

„Mann, beruhig dich wieder“, antwortete der hochge­wachsene Typ mit den schwarzen, gegelten Haaren.

„Aber echt. Wenn die nicht wollen, dass man das hier anfasst, dann sollten sie ein Schild aufstellen.“

Chris deutete augenblicklich auf ein Warnhinweis, auf dem zu lesen stand: „Bitte nicht berühren! Please, don’t touch.“

Der etwas dickere Junge mit den blonden Strubbelhaaren zuckte mit den Schultern. „Scheißegal, ist doch eh niemand hier.“

„Jetzt lasst den Mist“, wandte Chris ein. „Wenn Herr Humboldt das mitbekommt, wird er sicher stinksauer. Und eure Eltern erst recht, wenn ihr aus Versehen irgendwas kaputt macht, was sie dann ersetzen müssen.“

„Mann, seid ihr ätzend“, meinte der Schwarzhaarige.

„Aber echt, totale Langweiler. Kommt, lasst uns abhauen“, schlug der Dritte im Bunde, ein schlacksiger Rothaariger, vor.

„Sind die in deiner Klasse?“, fragte ich.

Chris nickte, während er den dreien nachdenklich hinter­hersah. „Ich hoffe, sie reißen sich jetzt zusammen.“ Er machte eine kurze Pause, in der er die Jungs weiter beobachtete, und sagte dann: „Vielleicht sollte ich ihnen besser nachgehen, damit sie nicht doch noch irgendwas in Trümmer legen.“

In diesem Moment sah ich, wie die drei an einem der Fackellichter zogen, vermutlich, um es abzureißen. „Ja, ich schätze, das ist sicher besser.“

„Wärst du vielleicht so nett, noch kurz aufzuräumen, bevor

irgendwer erfährt, was hier passiert ist? Sollte herauskommen, dass Leute aus unseren Klassen schuld an dem Chaos hier sind, kriegen wir wahrscheinlich alle richtig Ärger.“

„Klar, kein Problem. Ist ja nur das Podest, das umgefallen ist.“

„Super, danke.“ Er ging seinen Mitschülern hinterher und wandte sich nun wieder an sie: „Hey, hört auf damit! Ihr seid echt so was von dämlich! Macht, dass ihr weiterkommt, sonst sage ich Herrn Humboldt doch noch Bescheid, was ihr hier so getrieben habt.“

„Du bist vielleicht lahm“, blökte der Schwarzhaarige. „Ich hab echt keine Ahnung, warum die ganzen Weiber auf so einen Langweiler wie dich stehen.“

„Ja, das verstehe ich allerdings auch nicht“, erwiderte Chris, während er die drei aus dem Raum führte. „Euer Kleinkind­verhalten, alles anzufassen und kaputt machen zu müssen, ist da natürlich viel anziehender.“

Ich schmunzelte kurz; machte mich anschließend daran, das Podest aufzurichten und auch das samtene Kissen wieder an seine ursprüngliche Stelle zu legen. Jetzt fehlte nur noch das Messer, das die Jungen einfach mitten im Kreis hatten fallen lassen. Ich ging darauf zu und nahm es zögerlich in die Hand, um es zurückzulegen. Es war ein schöner kleiner Dolch, dessen Klinge silbern glänzte. Der Holzgriff war mit mehreren Zeichen versehen, die aussahen, als wären sie hineingebrannt worden. Es war ein schönes Stück und mit Sicherheit wertvoll. Ich legte ihn zurück auf das Podest, wandte mich um und wollte zurückgehen, als der gesamte Raum plötzlich von einem gleißend hellen Licht durchflutet wurde, das eindeutig aus dem Symbol kam, in dem ich noch immer stand. Das Licht war so stark, dass ich voller Entsetzen die Augen zusammenkniff und einige Schritte zurücktaumelte.

In Sekundenschnelle löste sich der helle Schein wieder auf, sodass ich nun den Rauch wahrnahm, der um mich herum über den Boden kroch. Was war hier nur los? Mein Herz donnerte heftig in meiner Brust und setzte schließlich vor Schreck einen Schlag aus. Da, wo der Qualm am dichtesten war, konnte ich einen Schatten erkennen. Umrisse … eines Menschen. Als sich der Rauch langsam verzog, ließen sich nach und nach mehr Details ausmachen. Ich sah lange schlanke Beine, die in einer dunklen Hose steckten, sowie muskulöse Arme, die aus einem bordeaux­roten Hemd hervorlugten, das mit filigranen silber­nen Fäden durchzogen war.

Ein Augenpaar blitzte plötzlich wie rot glühende Lichter aus dem Dunkel hervor, und schließlich kam das zugehörige Gesicht zum Vorschein. Ich erkannte einen jungen Mann mit pechschwarzem, leicht gelocktem Haar, einer schmalen Nase und vollen Lippen. Ich starrte ihn an und konnte kaum glauben, was ich da sah. Ja, was sah ich da überhaupt? Der Kerl war wirklich schön, überirdisch schön. Wäre sein Haar blond gewesen, hätte er das perfekte Abbild eines Engels dargestellt.

Was mich jedoch am meisten faszinierte, waren seine Augen. Sie glühten nun nicht mehr, sondern hatten stattdessen eine dunkle Farbe angenommen. Zunächst dachte ich, sie wären pech­schwarz, doch dann sah ich im Schein des trüben Lichts, dass sie eigentlich tiefbraun waren. Tiefbraun mit goldenen Sprenkeln darin, die strahlten und mich an flüssigen Honig erinnerten. Mitternachtsaugen.

Der Blick des Mannes hob sich und fiel auf mich … Mir stockte regelrecht der Atem, als er mich ansah. So intensiv, forschend und … wütend.

„Wer bist du?“, fragte er mit tiefer, fordernder Stimme.

Allmählich kehrte mein Verstand zurück und damit die Frage, was hier eigentlich los war.

„Ich …“, begann ich langsam und stolperte einige Schritte rückwärts. Vielleicht arbeitete er ja für das Museum. Das hätte zumindest das Licht und den Rauch erklärt. Möglicherweise war das so eine Art Aufführung. Ich war mir sicher, dass es besser war, wenn ich nicht länger in dem Exponat herumstand. „Ich bin mit meiner Klasse hier“, fuhr ich fort. „Aber die ist schon weitergegangen. Sie können sich diese …“, ich wedelte nach Worten ringend hilflos mit den Armen herum, „diese Show also sparen. Sie sehen ja, ich bin allein. Die Aufführung wäre also wirklich pure Verschwendung.“

Die Augen des jungen Mannes verengten sich. Er trat einen Schritt auf mich zu. „Verarsch mich nicht, klar?! Wovon redest du da eigentlich?! Sag mir, wer du bist!“

„Okay, Sie gehen offensichtlich sehr in Ihrer Rolle auf“, murmelte ich. Der Kerl war doch wahnsinnig, völlig irre. Es war sicher besser, ihn nicht weiter zu reizen, sondern so schnell wie möglich von hier zu verschwinden.

Sein Blick hastete unruhig durch den Raum, als würde er nach etwas suchen. „Sag nicht, dass du mich gerufen hast?!“ Seine dunklen Augen wanderten erneut zu mir und verengten sich vor Zorn. „Du bist nichts weiter als ein kleines Mädchen. Du kannst es nicht gewesen sein!“

„Ähm … hören Sie …“, fuhr ich fort und hob abwehrend die Hände.

Er kam mir immer näher, was mir wirklich ziemlich unheimlich war. Langsam wich ich vor ihm zurück.

„Wie gesagt, ich finde es toll, wie Sie an Ihrer Show festhalten, und Sie sind sicher ein klasse Schauspieler, nur … ich muss jetzt wirklich zu den anderen zurück.“ Schlagartig wandte ich mich um und rannte los, als sei der Teufel höchst­persönlich hinter mir her.

„Warte!“, schrie er. „Bleib gefälligst hier und löse den Bann, hörst du?! Lass mich sofort frei!“

Ich achtete nicht weiter auf seine Worte, vernahm aber sehr wohl, dass er mir nacheilte. Ich wagte es nicht, hinter mich zu blicken. Zu groß war die Angst, er könnte mich bereits eingeholt haben. Mein Herz donnerte in meiner Brust. Was wollte dieser Kerl nur von mir? Der war doch vollkommen verrückt! Er sollte mich in Ruhe lassen und endlich ver­schwinden. Warum passierte so etwas ausgerechnet mir?

„Hören Sie auf, mir nachzulaufen! Verschwinden Sie!“, brüllte ich und nahm zugleich einen eisigen Windhauch wahr, der an mir vorbeistrich. Es folgte ein Schrei, dann waren die Schritte verklungen.

Hastig blickte ich mich um, doch der Typ war tatsächlich verschwunden. Mein Herz bebte noch immer; mein Puls raste, und so blieb ich erst einmal stehen, um nach Luft zu schnappen. Was war das nur gewesen? War das gerade tatsächlich ge­schehen? Ich fasste mir mit der Hand an die schweißnasse Stirn. Nun wird es doch wahr. Du konntest nie entkommen. Du wirst verrückt. Verrückt und durchgedreht, ganz genau wie sie.

Ich schüttelte den Kopf und wollte diese Angst, die sich gerade durch mein Inneres fraß, loswerden. Wahrscheinlich war diese Darbietung Teil der Ausstellung, und der Darsteller hatte seine Aufgabe einfach ein wenig zu ernst genommen. An diesen Gedanken klammerte ich mich, auch wenn ich tief in meinem Inneren spürte, dass ich mir gerade etwas vormachte.

Schnellen Schrittes kehrte ich zu meiner Klasse zurück. Offenbar hatte niemand mein Fehlen bemerkt.

„Hey, da bist du ja schon wieder“, stellte Nell fest. Ihr Lächeln erstarb jedoch augenblicklich, als sie mein Gesicht erblickte. „Was ist denn los? Du bist ja kreidebleich. Geht es dir nicht gut?“

Wie sollte ich ihr davon erzählen? Was sollte ich sagen? Ich hatte keine Ahnung, und darum setzte ich nur ein be­ruhigendes Lächeln auf und nickte: „Ja, alles in Ordnung. Ich habe nur ein bisschen Kopfschmerzen.“

„Hm“, meinte sie und kramte in ihrem Rucksack. „Nein, sorry, ich hab keine Tablette dabei, aber der Ausflug dauert ja sicher nicht mehr lange.“ Sie stöhnte. „Ich sag dir, ich bin so froh, wenn das vorbei ist.“

Da konnte ich ihr nur zustimmen. Noch einmal schaute ich hinter mich, doch der Kerl von eben war weiterhin nirgends zu sehen. Ich wollte nur so schnell wie möglich fort … weg von diesem Ort, denn ich spürte, dass hier gerade etwas Schreck­liches geschehen war.

Die restlichen zwei Stunden im Museum bekam ich von den Ausführungen unserer Lehrerin kaum etwas mit. Viel zu sehr war ich damit beschäftigt zu verstehen, wer dieser seltsame Mann gewesen war und was er von mir gewollt hatte. Das hatte sicher nur zum Programm gehört; er war ein Schauspieler. Oder ein Verrückter … Oder ich bin verrückt … vollkommen gestört … So hatte es doch kommen müssen …

Ich wollte und durfte diesen Gedanken nicht zulassen.

Noch einmal atmete ich tief durch. Es war bereits nach siebzehn Uhr, wie ich mit einem kurzen Blick auf meine Armbanduhr feststellte. Vor wenigen Minuten hatte ich mich von Nell und Sven an der Schule verabschiedet. Die beiden wollten bei ihm noch einen Aufsatz für Bio schreiben.

Von hier aus würde ich noch fast zwanzig Minuten bis nach Hause brauchen. Ich seufzte. Ich hatte noch immer ein mul­miges Gefühl und nicht die geringste Ahnung, warum der Auftritt dieses Kerls mich so durcheinanderbrachte. Ich blickte gen Himmel, der von dunklen Wolken durchzogen war, die sich wie schwarze Balken vor die Sonne schoben. Obwohl es ziemlich schwül war, fröstelte ich. Ich wollte nichts mehr, als endlich zu Hause anzukommen, auf mein Zimmer zu gehen und damit auch all das, was ich heute erlebt hatte, hinter mir zu lassen. Ich wollte meine Ruhe, ein normales friedliches Leben … ohne Wahnsinnige.

Ich erreichte eine Weggabelung und entschied mich für den rechten Pfad, den ich normalerweise mied, da er durch die schmutzigen Hinterhöfe mehrerer Hochhäuser führte. Dafür konnte ich so einige Minuten einsparen und wäre damit auch früher zu Hause.

Die hohen Wohnklötze ragten zu beiden Seiten der Straße in die Höhe und verschluckten das ohnehin schon spärliche Sonnenlicht. Die steinernen Riesen waren aus grauem Beton – schmucklose, kastenförmige Klötze. Der Schall meiner Schritte wurde von den Wänden zurückgeworfen und hallte durch die Stille. Der Asphalt unter meinen Füßen war alt, teilweise aufgerissen und uneben. In einigen Kuhlen hatte sich stinkendes Wasser gesammelt. Ich kam an großen überfüllten Müllcontainern vorbei, deren Inhalt in der Schwüle vor sich hin gammelte. Einige Tüten waren vor die Tonnen geschmissen und teilweise aufgerissen, sodass sich der Unrat in der Straße verteilte. Ich versuchte durch den Mund zu atmen, um so dem Gestank zu entgehen. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, die längere Strecke zu nehmen.

Da hörte ich etwas hinter mir, zuckte zusammen und drehte mich gleich darauf um. Mein Herz raste, während mein Blick hektisch die Umgebung absuchte, doch es war nichts zu sehen. Dabei war ich mir sicher gewesen, Schritte gehört zu haben. Dumpf und leise zwar, aber eindeutig Schritte.

Auch wenn ich nichts Ungewöhnliches entdecken konnte, wollte sich mein Pulsschlag einfach nicht beruhigen, und ich ging schneller. Ich wollte nur noch nach Hause und diesen ganzen verdammten Tag vergessen.

Da hörte ich wieder etwas. Dieses Mal war es ein lautes Zischen.

Ich wandte den Kopf um und konnte nicht begreifen, was ich da vor mir sah. Ich riss entsetzt die Augen auf und spürte im nächsten Moment, wie mich jemand packte und zu Boden riss.

Gleich darauf schlug nur einen Meter neben mir ein grelles Licht ein und sprengte den Asphalt auf. Aus den Augen­winkeln nahm ich qualmenden Rauch wahr, der von der Stelle aufstieg, die von dem Licht getroffen worden war. Doch mein Blick hing weiterhin an dem Ding, das da vor mir stand. Das konnte nicht sein! Das konnte einfach nicht wahr sein!

Vor mir kauerte auf vier schmalen, aber sehr muskulösen Beinen eine Kreatur, wie ich sie noch nie gesehen hatte. So etwas sah man höchstens in seinen Albträumen. Der Körper war von langem, dunklem Fell überwuchert, das Gesicht glich einer Fratze mit messerscharfen Zähnen. Zähflüssiger Geifer floss aus den Mundwinkeln und zog sich in langen Fäden in Richtung Boden. Aus dem länglichen Schädel des Wesens ragten mehrere spitze Hörner hervor, mit denen es mühelos jemanden aufspießen konnte.

„Los, verflucht, steh endlich auf!“, sagte eine Stimme neben mir. Gleichzeitig spürte ich, wie mich jemand am Arm auf die Beine zog. Noch immer wollte mein Verstand nicht arbeiten. Wie auch? Das alles konnte unmöglich real sein. Vollkommen verdattert blickte ich auf. Der eigenartige Typ aus dem Museum! Wie kam der denn hierher? Warum war er überhaupt da? Sein Gesicht war ernst, die Augen noch dunkler als bei unserer ersten Begegnung. Sie waren schwarz wie die Nacht, und von den goldenen Sprenkeln war nichts mehr zu sehen.

„Jetzt beweg dich endlich oder hörst du etwa schlecht?!“ Er schob mich hinter sich und stellte sich damit zugleich der grauenhaften Kreatur entgegen, die in diesem Moment das Rückenfell sträubte und ein tiefes Knurren von sich gab.

Dann streckte er die Finger seiner rechten Hand und hielt keine Sekunde später eine blau strahlende Lichtkugel darin.

„So einfach mach ich es dir sicher nicht, du elendes Mistvieh!“, spie er in Richtung des Wesens aus. Blitzschnell rannte er los und jagte auf die Kreatur zu.

Ich schloss die Augen und wandte mich um. Mein Körper zitterte, und eine unbändige Angst raste wie ätzende Säure durch meine Adern. Ich musste hier weg! Dieses Ding konnte nicht echt sein. Genauso wenig wie dieser Kerl. Das war alles nur ein schrecklicher Albtraum. Ja, es konnte nicht anders sein.

Ich hastete los, ohne zurückzublicken. Ich durfte diese merkwürdigen Gestalten nicht noch einmal sehen, denn wären die Bilder dann weiterhin da, würde ich wohl einsehen müssen, dass ich den Verstand verloren hatte.

„Hallo Emily. Na, wie war es heute? War der Museumsbesuch schön?“

Ich nickte und hoffte, dass ich mich gut genug zusammen­riss, damit mir meine Großmutter nichts anmerkte.

„Ja, die Ausstellung war ganz interessant“, erklärte ich mit überraschend fester Stimme. Sogar ein leichtes Lächeln brachte ich zustande. „Aber ich bin ziemlich müde. Ist es okay, wenn ich erst mal auf mein Zimmer gehe und dann vielleicht später noch was esse? Ich glaub, ich brauche erst mal ein bisschen Ruhe.“

„Natürlich, leg dich ruhig ein bisschen hin. Ich mach dir einen Teller zurecht und stelle ihn in den Kühlschrank.“

Noch einmal zwang ich mich zu einem beruhigenden Lächeln, doch dieses verschwand sogleich, kaum dass ich mich umgewandt hatte und die Treppe zu meinem Zimmer hoch­ging. Dort angelangt, schloss ich die Tür hinter mir und lehnte mich an die Wand. Noch immer zitterten meine Beine. Mein Magen rebellierte und mir war speiübel. Erneut kam mir diese grauen­hafte Gestalt in den Sinn. Ich war mir nicht sicher, was ich mir momentan mehr wünschen sollte: dass es echt gewesen und ich damit nicht verrückt geworden war oder dass ich mir das alles nur eingebildet hatte und es solche Wesen nicht wirklich gab.

Ganz ruhig. Es ist alles gut. Es gibt bestimmt eine vernünftige Erklärung … Ja, du hast den Verstand verloren. Das war unaus­weichlich, dein Leben wird in genau denselben Bahnen verlaufen wie ihres. Man wird dich abholen, hinter dicken Mauern einsperren und dich nie wieder gehen lassen.

Nein, so durfte ich nicht denken!

Unruhig ging ich in meinem Zimmer auf und ab und suchte nach einer Erklärung. Vielleicht war es ja doch nur ein riesen­großer Hund gewesen, und das trübe Licht sowie meine nervliche Anspannung hatten mir einen Streich gespielt. Gott, das war echt erbärmlich! Es war kein Hund! Diese Kreatur hatte nicht im Entferntesten etwas von einem Hund gehabt. Aber was war es dann gewesen? Und warum war dort dieser Typ aus dem Museum aufgetaucht? Mit ihm hatte alles angefangen! Da hatte der Wahnsinn begonnen.

Plötzlich nahm ich ein helles weißes Licht zu meiner Linken wahr, wo das Fenster zur Straße lag. Zunächst dachte ich, es wäre der Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos, doch dafür war es eigentlich noch viel zu hell draußen … Instinktiv wandte ich mich danach um und schrie voller Entsetzen auf. Mein Zimmer lag im Dachgeschoss; befand sich somit ungefähr zehn Meter über dem Boden, und dennoch hockte da dieser schwarzhaarige Kerl vor meinem Fenster und starrte mich an. Sein Blick war alles andere als freundlich.

Ich taumelte einige Schritte zurück, ohne ihn jedoch aus den Augen zu lassen. Er würde hier nicht hereinkommen, versuchte ich mir klarzumachen. Das Fenster war geschlossen und ich somit in Sicherheit.

Doch die weiße Lichtkugel in seinen Händen beunruhigte mich. Zurecht, denn nun legte er seine linke, in der er das Licht hielt, auf das Glas, und mit schreckgeweiteten Augen beo­bachtete ich, wie erst seine Hand, dann der ganze Arm und schließlich sein kompletter Körper durch das Fenster drang, als stünde es offen.

Kaum war er in meinem Zimmer angekommen, sagte er: „Okay, jetzt pass mal auf. Wenn du mich noch einmal …“

„Verschwinden Sie von hier! Und kommen Sie bloß nicht näher!“

Ich hatte die Sätze kaum zu Ende geschrien, da riss es den Kerl wie von Geisterhand mit einer immensen Kraft von den Füßen und er wurde an die gegenüberliegende Wand ge­schleudert. Dort hing er mit schmerzverzerrtem Gesicht etwa einen Meter über dem Boden. Es sah aus, als hielte ihn etwas mit aller Macht an die Wand gedrückt.

„Verflucht!“, zischte er unter Anstrengung. „Lass das, verdammt! Du bringst mich noch um. Willst du das?!“

Eigentlich war es mir ziemlich egal, ob dieser Typ litt oder Schmerzen hatte. Hauptsache, er kam mir nicht zu nahe. Aber was meinte er damit, dass ich für seinen Zustand verant­wortlich war?

„Das hast du schon im Museum gemacht. Ich habe Stunden gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen.“ Sein Blick suchte den meinen, und ich erkannte in den Tiefen seiner dunklen Augen, dass er tatsächlich große Schmerzen empfand. Dieser Ausdruck rührte etwas in mir und der Mann tat mir plötzlich leid.

„Ich habe dir gerade das Leben gerettet. Und was tust du?! Rennst weg und nagelst mich an die nächstbeste Wand!“

„Das war ich nicht. Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie da reden!“

„Lassen Sie meinen Meister frei!“, mischte sich eine leise, aber sehr fordernde Stimme ein.

Ich blickte zum Fenster, durch das gerade ein katzenartiges Wesen glitt. Es war in etwa so groß wie ein Kater, hatte silberfarbenes Fell mit dunklem, symmetrischem Tigermuster und bewegte sich anmutig. Seine Ohren waren länglich und spitz zulaufend, sein Schwanz lang und bauschig.

Ich starrte das Tier an und hatte das Gefühl, mein Verstand hätte sich nun vollkommen verabschiedet. Alles in mir wurde leer und kalt. Gleichzeitig vernahm ich ein leises Poltern aus der Ecke. Der Typ hatte sich von der Wand losgemacht und hatte nun wieder Boden unter seinen Füßen.

„Danke, zu freundlich“, knurrte er, während er seine Arme und Beine bog, vermutlich um zu testen, ob er unverletzt war.

Ununterbrochen schüttelte ich den Kopf, während ich Schritt für Schritt in Richtung Zimmertür vor den beiden zurückwich. „Das kann nicht wahr sein. Ich bin verrückt geworden. Ihr seid in Wirklichkeit gar nicht hier“, murmelte ich.

Der Kerl seufzte und kam mit ein paar schnellen Schritten auf mich zu. Mit seinen dunklen Augen blickte er mich prüfend an, und ich sah erneut die goldenen Flecken im tiefen Braun seiner Iris, die wie warme Lichter strahlten. Mit den Fingern drückte er mir die Nase zusammen, und ich schrie erschrocken auf.

„Du spürst es also?“

Ich nickte, war ansonsten aber noch immer wie erstarrt.

„Dann musst du wohl einsehen, dass wir echt sind.“ Er wandte sich um, ging ein paar Meter umher und fluchte: „Warum gerate ich ausgerechnet an jemanden wie dich? Ich kann es noch immer nicht fassen!“

„Wer … wer seid ihr?“, fragte ich mit krächzender Stimme.

„Mein Name ist Bartholomäus“, erklärte das katzenartige Wesen in sonorem Tonfall. „Ich bin die Wächterkatze meines Meisters, seine rechte Hand und sein Gehilfe.“

„Diener trifft es wohl eher.“ Der dunkelhaarige Typ hatte sich mittlerweile wie selbstverständlich auf mein Bett gesetzt und seine langen Beine übereinandergeschlagen.

Die Katze überhörte diesen Kommentar geflissentlich und fuhr fort: „Dies hier ist mein Meister Refeniel Awehin Eldranei. Wir sind Dämonen und Sie haben uns gerufen.“

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