2. Leseprobe Whisper of Sins

Lexie wartet vor der Tür, und gemeinsam betreten wir den Raum. Es ist eine Art Turnhalle mit hoher Decke und großen Fenstern. Auf der linken Seite stehen bereits ein paar Vallax. Sie tragen allesamt ihre schicken hellblauen Trainingsanzüge, die die Körpertemperatur regulieren, damit sie nicht zu sehr ins Schwitzen geraten. Hinter ihnen warten allerhand Trainingsgeräte, vom Boxsack bis zum Laufband ist alles vorhanden. Es gibt sogar einen Tisch, auf dem Getränke mit Kräutern stehen, die für Erfrischung sorgen und stärkend wirken. Ich schaue zu unseren Matten, die schief in einer Ecke gestapelt sind, und verdrehe die Augen. Erfrischungsgetränke brauchen wir tatsächlich nicht, wir bewegen uns ohnehin kaum.
»So, die Herrschaften«, donnert die Stimme von Mr. Hall durch die Halle.
Sogleich stellt sich die Gruppe der Vallax in Reih und Glied vor ihm auf, schön in den Grundstand und die Arme an der Seite, wie es ihnen von klein auf beigebracht worden ist.
»Dann wollen wir uns gleich mal ein paar Runden aufwärmen. Wer noch einmal das Signa ändern möchte, das es zu lernen gilt: Dies ist heute die letzte Chance. Ansonsten wird es zu schwer, den Zauber bis Malvere zu beherrschen, und keiner von Ihnen möchte doch zu den Jadis absteigen, habe ich recht?«
»Jawohl, Sir«, erklingt die Antwort der Truppe.
»Gut, dann los. Wir haben keine Zeit zu verlieren.«
Die Schülerinnen und Schüler setzen sich augenblicklich in Bewegung, dehnen und strecken sich, laufen ihre Runden oder machen sich an den Fitnessgeräten zu schaffen. Sie sind eine gut trainierte Einheit und kennen nur ein Ziel: auch beim nächsten Malvere fünf neue Zauber vorweisen, um weitere Signa dazuzubekommen und so ihren Platz bei den Vallax zu halten. Es lastet ein ganz schöner Druck auf ihnen, denn niemand will versagen und bei uns landen.
Wir Jadis hingegen holen uns eine Matte und suchen uns im rechten Hallenteil einen Platz. Dort setzen wir uns und warten auf unseren Lehrer Mr. Lambold. Wieder mal kommt er einige Minuten zu spät. Mit dem leichten Bauchansatz, dem roten Trainingsanzug, der bei jedem seiner Schritte leise knistert, und dem Stirnband, das er sich über den Vokuhila gestülpt hat, wirkt er wie ein Aerobic-Lehrer aus den Achtzigern.
»Guten Morgen, meine Lieben«, begrüßt er uns und stellt sich vor uns auf. Er hat sich eine Matte unter den Arm geklemmt, die er nun ausrollt und vor sich auf den Boden legt. »Zum Beginn der Stunde stimmen wir wie immer unser Mantra an.« Er sieht uns erwartungsvoll an, während unsere Klasse etwas gelangweilt die Worte vor sich hin murmelt.
»Ich bin wichtig und werde einst ein wertvolles Mitglied unserer Gemeinschaft sein, indem ich unterstützend tätig bin. Meine Kräfte sind gut, ich bin gut, ich bin ein Rädchen, auf das nicht verzichtet werden kann.«
Oh ja, wie gerne ich solch ein Rädchen bin. Vor allem, wenn das dazugehörige Fahrzeug direkt neben uns lautstark vor sich hin rattert und mit Zaubern um sich wirft. Die Vallax beginnen nun jedenfalls mit ihrem Signa-Training. Sie stehen hintereinander, vor ihnen ist eine Art Wand aufgebaut. Der erste rennt los, ruft ein paar Pflanzen, die sich aus dem Boden graben und auf die Wand niedersausen. Mit einem lauten Krachen reißen sie die Mauer in Stücke, sodass der Vallax daran vorbeigehen kann. Die Wand baut sich wieder von selbst auf und der Nächste ist an der Reihe. Ein Wirbelsturm fegt los und zerstört das Hindernis mit lautem Krachen. So geht es weiter, bis jeder einmal dran war.
Danach ist wohl Kampftraining angesagt. Einige Hexen und Hexer haben Waffen in den Händen, die aus reinem Kristall bestehen und die sie mit ihren Signa zu Äxten, Schwertern oder Bögen geformt haben. Sie vollführen kraftvolle Bewegungen, folgen dabei einem ganz bestimmten Angriffsablauf, der kaum eleganter und zugleich einschüchternder sein könnte. Die kosmischen Hexen rufen mit ihren Gedanken Gegenstände zu sich und nutzen ihre telekinetischen Kräfte, um große Holzfässer umzuwerfen oder Felsbrocken zu spalten. Mr. Hall geht reihum, korrigiert einzelne Bewegungsabläufe oder gibt Tipps, wie der Zauber sich besser kontrollieren lässt.
Wir hingegen werden mindestens noch zwanzig Minuten mit Atemübungen verbringen. Lexie und ich tauschen einen genervten Blick, als Mr. Lambold Luft holt und laut ausatmet.
»Wir lassen alle Gedanken fallen. Es existiert nichts mehr um uns herum, nur wir selbst, unsere innere Ruhe und unsere Atmung. Wir atmen tieeef ein.«
Wir alle holen Luft.
»Und laaaangsam aus. Oh, tut das gut. Wir schicken alle Gedanken mit unserem Atem nach draußen. Wir vergessen alle Geräusche um uns herum und sind ganz bei uns.«
Wie sehr ich wünschte, ich könnte auch Mr. Lambolds Singsang einfach vergessen. Irgendwann kommen wir zum Ende.
»Wir lassen all unsere Ängste und Sorgen fallen. Wir hören die Zauber um uns herum gar nicht. Wir sind in Sicherheit, beschützt und behütet. Und wenn wir uns frei genug fühlen, können wir auch langsam einen Zauber formen, der den Vallax unterstützend dienen wird. Also, was wollen wir unseren Freunden zukommen lassen? Welche Nachricht wollen wir ihnen schicken?«
Dass sie sich eine andere verdammte Halle suchen sollen? Dass sie ohnehin schon den größten Teil des Raums für sich beanspruchen und darum nicht auch noch ständig Zauber zu uns herüberfliegen lassen sollen? Mir würden da auf jeden Fall mehrere Nachrichten einfallen.
»Oh, sehr schön«, lobt Mr. Lambold meinen Mitschüler Liam, der eine Wurzel aus dem Boden dringen lässt. Sie biegt sich und formt die perfekte Stolperfalle.
»Ich kann den Vallax dabei helfen, ihre Gegner zu Fall zu bringen«, erklärt er stolz.
»Sehr schön. Sehr schön. Das Signa erhalten Sie an Malvere bestimmt. Das heißt, es fehlen noch vier weitere, um aufsteigen zu können.«
Jule öffnet die Hand, in der ein roter Rhodonit liegt. »Er verleiht Mut, und ich werde heute weiter daran arbeiten, aus ihm einen Saver zu machen, damit er am Ende als Rauchbombe im Kampf eingesetzt werden kann.«
»Wunderbar«, lobt Mr. Lambold. »Ich schaue nachher bei Ihnen vorbei und helfe.«
Nun kommt er zu Lexie. Sie hebt die Hand und mit einem Mal bricht sich ein Sonnenstrahl Bahn. Er dringt direkt zu uns herab und fällt in das Gesicht des Lehrers, der die Augen zusammenkneifen muss. Nachdem er ein Schritt zur Seite getreten ist, klatscht er in die Hände.
»Sehr gut, Miss Hamilton. Wie ich sehe, haben Sie seit der letzten Stunde Fortschritte gemacht. Mit den Sonnenstrahlen einen Gegner zu blenden, kann sehr hilfreich sein. Weiter so und Sie schaffen es, Ihre fünf Signa zu erhalten.« Er wendet sich mir zu. »Sie arbeiten gerade an einem Pollenzauber?«, fragt er, obwohl er die Antwort bereits kennt.
»Ja, allerdings würde ich das Signa gerne noch mal wechseln«, wende ich ein. »Meine Allergie … die Pollen sind echt die Pest, und jedes Mal verlasse ich die Halle mit roten, juckenden Augen, einer laufenden Nase und Atembeschwerden.«
»Hmm«, macht Mr. Lambold und wippt nachdenklich auf seinen Füßen vor und zurück. »Haben Sie schon mal an einen Prasem gedacht? Der Stein könnte unterstützend gegen die Symptome wirken.«
Oh ja, als hätte ich mir als Tochter einer Familie von Kristallhexen nicht schon alle Kristalle umgehängt, die irgendwie infrage kommen würden. Dazu habe ich zig Tränke getrunken, Kerzen angezündet und Kräuter gegessen.
»Gegen manches ist eben kein Kraut gewachsen«, erwidere ich und bin froh, dass auch wir Hexen Medikamente aus der Menschenwelt nutzen können. Das scheint nämlich das Einzige zu sein, das wenigstens etwas hilft.
»Es wäre jedenfalls schade, wenn Sie dieses Signa nicht weiterverfolgen würden«, fährt mein Lehrer fort. »Immerhin wollten Sie Zauber vermeiden, bei denen Sie den Pflanzen sehr nahe kommen müssen.«
Ja, weil ich das Risiko umgehen möchte, von einer wildgewordenen Blume durch die Halle gejagt zu werden.
Er schnalzt mit der Zunge. »Ich würde sagen, Sie bleiben einfach weiter dran. So schnell geben wir nicht auf. Vielleicht hilft es Ihnen, wenn Sie vorher noch einmal die Atemübungen durchgehen. Ich empfange ein paar unruhige Schwingungen von Ihnen. Sie könnten etwas angespannt sein, da hilft das Atmen immer sehr gut. Also noch mal tief Luft holen.«
Er atmet ein und wartet darauf, dass ich es ihm gleichtue. Damit das Debakel ein Ende findet, stimme ich mit ein und hole Luft.
»Lassen Sie all Ihre Zweifel und Sorgen mit dem Atem hinauswandern. Sie sind im Hier und Jetzt. Sie müssen keine Angst vor der nächsten Malvere-Prüfung haben. Ganz gleich, was geschieht: Sie sind ein wertvolles Mitglied unserer Gemeinschaft, eine einzigartige Hexe, etwas Besonderes wie jeder von uns.«
Ich beiße die Zähne zusammen und bringe es hinter mich. Nachdem Mr. Lambold zufrieden ist, wendet er sich an den Nächsten, damit dieser seinen Fortschritt präsentiert und zeigen kann, in welcher Form er eine Unterstützung für die Vallax ist.
Noch immer ist es nicht einfach für mich, zu akzeptieren, dass mein Weg bereits festgelegt ist. Es gibt ein paar Bereiche, in denen die Grünhexen tätig sind – so ist es bei jeder Hexenklasse. Auch die Vallax haben bestimmte Aufgaben, von denen sie nicht abweichen können. Das ist das Einzige, das uns nicht unterscheidet. Niemand hat hier große Wahlmöglichkeiten, was seine Zukunft anbelangt. Doch so war es schon immer, und die meisten sind damit vollkommen zufrieden. Ich sehe mich weiterhin nicht unterstützend hinter irgendeinem Vallax beziehungsweise einem späteren Tribe stehen, dem ich mit ein paar Pollenangriffen unter die Arme greife. Es kommt ohnehin nur selten vor, dass die Unterstützung eines Jadis in einem Kampf eingefordert wird. Meist gehen die Tribe alleine los, um die Sünden zu beseitigen.
Aber falls eben doch einmal unsere Hilfe benötigt werden sollte, ist es von Vorteil, wenn wir wissen, was wir tun können. Und das A und O dabei ist: Ruhe bewahren. Darum auch die ganze Atmerei. Die Vallax müssen mit so was keine Zeit verschwenden und dürfen sofort angreifen. Ihnen traut man einfach mehr zu, immerhin trainieren sie ganz anders als wir. Damit wir Jadis aber nicht, um es mal überspitzt auszudrücken, ohnmächtig vor Angst umkippen, ist es wichtig, erst einmal zu atmen.
Etwas widerwillig beginne ich also, mein Signa zu üben, und rufe die Pflanze, die mit ihren Pollen um sich wirft. Und zumindest bei mir erreicht sie ihr Ziel: Sie verschleiert mir die Sicht, bis mir die Augen so sehr tränen, dass mir ganze Bäche die Wangen hinablaufen.

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