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Juliane Maibach

Leseprobe

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Leseprobe

17. Juni 2015

Leseprobe

Nun sind es nur noch zwei Wochen bis zum 01. Juli, dann erscheint der zweite Teil von Midnight Eyes. Ich bin schon sehr gespannt und freue mich darauf zu hören, wie euch das Buch gefallen wird. Momentan arbeite ich bereits viel am dritten und letzten Teil der Reihe, der ja noch in diesem Jahr erscheinen wird – es gibt also einiges zu tun. Wie versprochen gibt es vor dem Start noch eine kleine Leseprobe, die euch hoffentlich auf den weiteren Verlauf der Geschichte neugierig machen wird. 😀

Aber zunächst einmal möchte ich euch an das laufende Gewinnspiel erinnern, bei dem es drei Vorabexemplare von Midnight Eyes – Finsterherz als Preise gibt. Um daran teilzunehmen, müsst ihr mir nur eine Nachricht schreiben, in der ihr mitteilt, weshalb ihr gerne ein Vorabexemplar hättet. Ihr habt noch bis einschließlich Freitag, den 19. Juni dafür Zeit. Am Samstag werde ich dann die Gewinner bekanntgeben.

So und nun wünsche ich euch viel Spaß mit der versprochenen Leseprobe!

 

Prolog

Das Wasser tropfte in stetem Rhythmus von den kalten, nackten Wänden, die mit feuchtem Moder, Moos und schwarzem Schimmel überzogen waren. Isigias Unterschlupf war alles andere als geräumig und hatte erst recht nicht die Bezeichnung Zuhause verdient. Doch darauf kam es auch gar nicht an. Das Wichtigste war vielmehr, dass ihnen diese Gemäuer Schutz boten. Hier konnten sie sich verstecken und wieder zu Kräften kommen.

Im Kampf gegen Refeniel und dieses Mädchen hatte sie zwar etliche schwere Verbrennungen davongetragen, doch ihre Verletzungen heilten allmählich. Dennoch war sie erschöpft. Ihren Herrn hatte es wesentlich schlimmer getroffen, und so hatte sie auch in dieser Nacht vor lauter Sorge um ihn kaum ein Auge zugetan.

Talef lag auf einem steinernen Podest, das sie zu einer Bettstatt hergerichtet hatte. Vorsichtig beugte sie sich über seine zerschundene Gestalt. Sie hatte ihm Verbände angelegt und ihn in mehrere Decken gewickelt, sodass nur hier und da sein schwarz verbranntes Gesicht unter den Mullbinden hervor­schaute. Bei diesem Anblick durchfuhr sie jedes Mal aufs Neue ein eisiger Stich. Einerseits schürte dieses Bild ihren unermesslichen Hass auf Refeniel und dieses Mädchen, die ihrem Meister das angetan hatten. Zum anderen stachelte es aber auch ihre unsagbar große Angst an. Würde ihr Herr diese Verletzungen tatsächlich überleben?

Zumindest wollte sie ihn nach Kräften unterstützen und ihn pflegen, so gut sie konnte.

Sie hatte gerade etwas Wasser geholt und wollte die Flasche an seine Lippen – oder das, was davon übrig war – setzen, als sie von blanker Panik ergriffen wurde. Mit schreckgeweiteten Augen beugte sie sich über Talef und lauschte, doch alles, was sie vernahm, war ihr eigener donnernder Herzschlag. Ansonsten herrschte Stille.

Isigia ballte die Fäuste, während die Angst wie ein Hammer in ihren Kopf fuhr: Ihr Meister atmete nicht! Seit dem Kampf hatte er immer wieder Atemaussetzer gehabt, und sein Puls ging stellenweise so schwach, dass man ihn kaum mehr spüren konnte. Hatte er nun tatsächlich den Kampf verloren?

Hastig wischte sie sich die Tränen aus den Augen und beugte sich noch dichter über seinen Mund. „Bitte“, flehte sie dabei leise, „bitte, das darf nicht sein. Ich kann nicht ohne Euch weiterleben. Das ertrage ich nicht. Ich brauche Euch!“

Gerade als auch der letzte Funken Hoffnung aus ihr wich, nahm sie einen sanften Luftzug wahr. Und gleich darauf noch einen. Pure Erleichterung durchströmte sie: Ihr Meister lebte! Und sie würde dafür sorgen, dass es auch weiterhin dabei blieb. Schnell griff sie zu der Wasserflasche und setzte sie sacht an die Lippen ihres Herrn. Vorsichtig neigte sie das Gefäß ein wenig, sodass ein paar Tropfen in seinen Mund flossen. Sie sah, wie er schluckte und weitere Züge nahm. Nachdem er getrunken hatte, beobachtete sie, wie sich seine blauen Augen öffneten und ihren Blick suchten. Sie war erleichtert, dass sie nicht mehr fiebrig glänzten, sondern ihr stattdessen klar und deutlich ins Gesicht schauten.

Seine Lippen zitterten, als er zu sprechen anhob. „Isigia …“ Seine Stimme war nicht mehr als ein leises, fast tonloses Krächzen. Sie spürte, wie viel Anstrengung es ihn kostete, allein ihren Namen zu formen. „Ich bin froh … dass du bei mir bist. Eine bessere Dienerin … hätte ich mir … nicht wünschen können. Selbst jetzt … bist du an meiner Seite …“ Seine Stimme brach, doch er hielt ihren Blick weiterhin gefangen.

Sie war so glücklich über diese Worte, sie bedeuteten ihr alles. Er bedeutete ihr alles. Sie lächelte und versuchte, zuversichtlich auszusehen.

„Ich werde immer an Eurer Seite sein“, versprach sie. „Und Ihr werdet sehen: Mit jedem Tag, der verstreicht, wird es Euch besser gehen. Dafür sorge ich.“ Sie erhob sich, um den Topf mit der Suppe zu holen. Sie würde alles dafür tun, damit ihr Meister überlebte.

Und noch etwas anderes musste sie dringend weiter vorantreiben: ihre Vergeltung an Refeniel und dem Mädchen. Heute Nacht, wenn ihr Herr schlief, würde sie erneut zum Haus dieser Emily gehen und sie beobachten. Sie war sich sicher, dass dieses Mädchen der Schlüssel zu ihrer Rache war. Noch wusste sie nicht recht, wie sie den beiden beikommen und wie genau sie sie bestrafen sollte. Sie einfach zu töten, kam nicht infrage. Sie sollten vielmehr genauso grauenvolle Schmerzen erleiden und die Hölle auf Erden durchmachen, wie es ihr Meister gerade tat.

Isigia dachte an die Abschriften der seltenen magischen Sprüche, die ihr Herr über die Jahre gesammelt hatte und die nun hinter seiner Bettstatt verborgen lagen. In weiser Voraussicht hatte er sie ein Stück weit von ihrer letzten Unter­kunft entfernt versteckt, weshalb sie von Refeniels Zauber nicht zerstört worden waren. Sie war sich sicher, dass diese Sprüche noch von größtem Wert für sie sein würden. Vielleicht fand sie ja darin etwas, das ihr dabei half, die beiden ihren ungezügelten Hass spüren und die schlimmsten Qualen über sie kommen zu lassen.


Schatten

„Es ist echt schade, dass Ray nicht mehr auf unsere Schule geht“, hörte ich Yvonne sagen. Sie steuerte gerade zusammen mit Katharina auf ihren Spind zu, der sich schräg gegenüber von meinem befand.

„Ja, er war richtig süß. Ich hätte ihn wirklich gerne noch besser kennengelernt“, erwiderte Katharina mit einem vielsagenden Grinsen und warf sich dabei mit einer eleganten Bewegung ihr langes Haar über die Schulter.

Mich beachteten die beiden gar nicht, doch das störte mich nicht. Auch wenn ihre Worte einen gewissen Ärger in mir wachriefen, waren mir ohnehin die Hände gebunden. Als Ray noch mit mir zur Schule gegangen war, hatte ich ihn als meinen Cousin zweiten Grades ausgegeben, weshalb ich nun schlecht verkünden konnte, dass wir beide ein Paar waren.

Ich seufzte bei diesem Gedanken. Wir waren nun zwar zusammen, führten aber eine Fernbeziehung. Und die räumliche Distanz zwischen uns hätte vermutlich nicht größer sein können, wenn man bedachte, dass er in Neffarell, der Dämonenwelt, lebte. Als Wächter des Nordtores konnte er seine Welt nicht einfach verlassen, wie es ihm gerade passte, nur um möglichst oft an meiner Seite zu sein, und so hatten wir uns vor über drei Wochen das letzte Mal gesehen. Es fiel mir schwer, mit diesen ständigen Trennungen umzugehen, zumal ich ihn auch nicht einfach anrufen konnte, um wenigstens seine Stimme zu hören.

„Natürlich freut es mich für Ray, dass er sich mit seinen Eltern versöhnt hat und jetzt wieder bei ihnen wohnt“, hörte ich Katharina sagen. „Es ist nur traurig, dass wir uns nicht mal von ihm verabschieden konnten.“

„Es war schon heftig, dass sowohl er als auch Chris so plötzlich verschwunden sind“, bestätigte Yvonne.

Ein eisiger Schauder erfasste mich, als ich diesen Namen hörte, und sofort durchfluteten mich wieder die Erinnerungen an Talef, der sich als Chris ausgegeben und sich als dieser im Laufe der letzten Monate mit mir angefreundet hatte. Doch das war nur geschehen, um mein Vertrauen zu gewinnen. Schließlich hatte er mich in eine Falle gelockt und zu töten versucht, was ihm auch beinahe gelungen wäre, hätten Bartholomäus und Ray mich nicht rechtzeitig gefunden.

Natürlich war Chris’ plötzliches Verschwinden nicht unbemerkt geblieben, weshalb die Polizei mit ihren Ermittlungen begonnen hatte. In den Zeitungen war einige Wochen lang über ihn und die neuesten Erkenntnisse der polizeilichen Untersuchungen berichtet worden. Demnach hatte er nie unter der gemeldeten Adresse gewohnt, keiner dort schien ihn gekannt zu haben. Je mehr man nachforschte, desto mehr Fragen kamen auf. Nur über eines war man sich sehr schnell einig gewesen: Chris hatte ein Doppelleben geführt. Die Polizei zog sogar in Erwägung, dass er in kriminelle Handlungen verwickelt gewesen und aus diesem Grund möglicherweise untergetaucht war. Allerdings schloss man auch nicht aus, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte.

Auch an der Schule war er eine ganze Zeit lang Ge­sprächsthema Nummer eins gewesen. Das Interesse an ihm war erst abgeflaut, nachdem man länger nichts Neues in Erfahrung gebracht hatte.

Mittlerweile hatten wir Anfang Februar, und der Kampf gegen Talef lag somit bereits zwei Monate zurück. Seit Ray und ich nicht mehr aneinander gebunden waren, hatte er nicht mehr allzu oft aus Neffarell verschwinden können. Seine vermehrte Abwesenheit war aufgefallen, weshalb die Dämonen ihn nun verstärkt im Blick behielten. Er wollte sich gegenüber seiner Schwester und seinen Freunden in Zukunft so unauffällig wie möglich verhalten, um zu verhindern, dass jemand von unserer Beziehung erfuhr. Aus diesem Grund hatten wir uns auch an den Feiertagen nicht gesehen. Weihnachten hatte ich allein mit meinen Großeltern verbracht und an Silvester war ich mit Nell und Sven auf einer Party gewesen. Auch wenn ich die wenige Zeit, die Ray und ich zusammen verbrachten, sehr genoss, so überschattete doch eine Reihe von Problemen unser Glück. Nicht nur die langen Trennungen machten mir zu schaffen, sondern auch die Angst davor, dass die Dämonen hinter unser Verhältnis kommen könnten. Und zu guter Letzt war da noch Bartholomäus’ Warnung: Wenn er Ihnen wirklich etwas bedeutet, dann trennen Sie sich von ihm.

Die Wächterkatze hatte mir erklärt, dass Dämonen in der Regel anders liebten als Menschen. Sie banden sich nur sehr selten an einen festen Partner, sondern pflegten vielmehr lockere Liebschaften. Wenn sie aber doch einmal tiefere Gefühle für jemanden entwickelten, so verloren sie schließlich ihr Herz an diese Person und konnten fortan nie wieder jemand anderes lieben.

Im ersten Moment hörte sich das vielleicht romantisch an, doch Bartholomäus hatte mir auch die Tragweite dieser bedingungslosen Liebe klargemacht. Ray war ein Dämon und wurde daher über tausend Jahre alt. Da konnte ich mit meiner Lebenserwartung nicht mithalten. Hinzu kam, dass er sehr viel langsamer alterte als ich und mit über dreihundert Jahren noch das jugendliche Aussehen von heute haben würde. Irgendwann hätte er also eine alte Greisin an seiner Seite, während er selbst weiterhin aussähe wie ein junger Mann.

Noch viel schlimmer aber als diese Vorstellung war der Gedanke an den Schmerz, den mein Tod für ihn bedeuten würde. Er müsste über tausend Jahre allein bleiben und wäre nie mehr in der Lage, für jemand anderes Gefühle zu entwickeln. Sollte es also tatsächlich jemals dazu kommen, würde ich ihn damit ins Unglück stürzen.

Doch was sollte ich tun? Konnte ich Ray tatsächlich so einfach aufgeben? Musste ich es denn? Gab es keine andere Möglichkeit? Mein Herz zog sich bei diesen Fragen abermals schmerzhaft zusammen, weshalb ich versuchte, diese Gedanken abzu­schütteln.

Ich öffnete meine Spindtür, um mein Mathebuch heraus­zuholen.

„Hey“, riss mich eine vertraute Stimme aus meinen Grübeleien. Nell stand hinter mir, blickte mich aber nicht an, sondern schaute sich gehetzt im Flur um.

„Ist irgendwas?“, hakte ich nach. „Du benimmst dich, als hättest du Angst, beobachtet zu werden.“

„Hab ich auch“, gab sie zu und machte sich daran, ihren Spind zu öffnen, der genau neben meinem lag. „Ich habe im Schulhof etwas gefunden“, flüsterte sie bedeutungsvoll und öffnete langsam die Schranktür.

„Oh Nell!“, stöhnte ich nach einem kurzen Blick in ihr Fach und wusste zunächst nichts weiter zu sagen. Aus ihren Sportklamotten hatte sie ein kleines Nest gebaut, und darin lag eine augenscheinlich halbtote Maus, die sich kaum mehr rührte.

„Was?“, fuhr Nell mich an und kramte derweil wild in ihrem Rucksack. „Ich habe sie vorhin auf dem Hof gefunden. Es regnet und ist total kalt draußen, also konnte ich die arme Kleine doch nicht einfach da liegen lassen. Ich nehme sie nach der Schule mit zu mir und päpple sie auf. Ah, hier ist es.“ Sie holte ein Stück Käse und ein trockenes Brötchen aus ihrem Rucksack.

„Hast du das etwa aus der Cafeteria mitgehen lassen?“, fragte ich, während sie die Lebensmittel neben die Maus legte. Ich konnte ja verstehen, dass sie das arme Tier nicht einfach hatte draußen liegen lassen wollen, doch sie würde gewaltigen Ärger bekommen, wenn man herausfand, dass sie Ungeziefer in ihrem Schrank versteckte.

Die Nase der kleinen Maus begann unruhig zu zucken, als sie die Leckereien neben sich roch. Langsam setzte sie sich in Bewegung und biss dann gierig in den Käse. Je mehr sie sich durch das Essen fraß, desto lebendiger wurde sie.

„Wusste ich es doch“, stellte Nell grinsend fest. „Sie musste nur trocken werden, brauchte etwas Wärme und ein bisschen was zu essen, und schon geht es ihr wieder besser.“ Lächelnd streckte sie ihre Hand aus und hielt der Maus noch einen Apfel entgegen, doch die fühlte sich wohl bedroht und biss plötzlich blitzschnell in Nells Hand, was meiner Freundin einen kurzen Aufschrei entlockte.

„Mist“, zischte sie, während die Maus nun vollends zum Leben erwachte. Rasant sauste sie im Spind umher. Nell versuchte, sie zu fassen zu bekommen, doch dafür war das Tier viel zu flink.

„Pass auf, dass sie nicht abhaut!“, warnte ich und versuchte dabei zu helfen, sie wieder einzufangen. Aber es war zu spät: In einem todesmutigen Sprung warf sie sich zu Boden, landete dort sicher und sauste anschließend den Flur entlang.

„Na klasse!“, stöhnte ich.

„Halt, bleib hier!“, rief Nell der Maus zu, während sie ihr nachrannte. „Für solche Aktionen bist du noch nicht fit genug!“

Ich eilte meiner Freundin hinterher. „Gut, dass du ihr das noch mal sagst. Das Wichtigste ist jetzt selbstverständlich, den geschwächten Gesundheitszustand des Tieres im Blick zu behalten. Was es für Folgen haben könnte, wenn jemand die Maus in der Schule findet, ist da natürlich nebensächlich.“

„Du hast recht“, stimmte sie mir zu. „Wenn man sie findet, wird man sie bestimmt umbringen. Los, wir müssen uns beeilen!“

So hatte ich das irgendwie nicht gemeint, aber was blieb mir anderes übrig … Ich beschleunigte meine Schritte und folgte ihr in den nächsten Korridor, doch die Maus war nirgends zu sehen.

„Wo ist sie nur hin?“, murmelte ich, während Nell sich bereits daranmachte, das Mobiliar auseinanderzunehmen. Sie war gerade dabei, den Deckel eines Mülleimers abzumontieren, um besser hineinschauen zu können, als ich Schritte näher kommen hörte. Ich drehte mich um und sah einen mir bestens bekannten jungen Mann mit rotem Haar den Korridor entlangkommen.

„Sven!“, rief Nell ihm entgegen. „Gut, dass du da bist. Du musst uns helfen.“

Doch er musterte uns beide nur mit einem kurzen, eiskalten Blick und ließ uns dann einfach stehen.

„Hey, was soll das?“, fuhr sie ihn an, aber er drehte sich nicht einmal nach uns um. „Gehst du uns etwa immer noch aus dem Weg? Wie lange willst du das noch durchziehen?!“

Er reagierte weiterhin nicht auf ihre Worte. Sein eiskaltes Verhalten schmerzte mich erneut. Seit er von meiner Beziehung zu Ray wusste, ignorierte er mich und wollte auch mit Nell nichts mehr zu tun haben. Inzwischen wusste ich um seine Gefühle für mich und konnte daher in gewisser Weise nachvollziehen, dass er Abstand brauchte. Aber dass er sowohl mich als auch Nell deshalb so strikt mied und uns stets mit diesen finsteren Blicken bedachte, machte mir trotzdem zu schaffen. Vor allem tat es mir leid, dass unsere Freundin in diesen Streit mit hineingezogen wurde. Ich vermutete, dass Sven auch den Kontakt zu ihr abgebrochen hatte, weil sie ihm andernfalls mit Sicherheit ständig damit in den Ohren gelegen hätte, er solle sich wieder mit mir versöhnen. Indem er sich von ihr fernhielt, ging er dieser Forderung und einer möglichen Auseinandersetzung mit mir weiter aus dem Weg. Ich hatte mehrfach versucht, mit ihm zu reden, leider vergebens.

„Sven, jetzt warte doch!“, rief Nell ihm nach.

„Lass ihn“, sagte ich traurig. „Das bringt nichts.“

Kurz schaute sie weiter in die Richtung, in die er verschwunden war, sah dann aber wohl ein, dass es sinnlos war, und widmete sich wieder dem Mülleimer. Sie löste den Deckel, und wühlte nun in dem Behälter herum.

„Oh Gott, das ist ja eklig. Du kannst doch nicht einfach so in diesem Dreck herum graben!“

Sie ignorierte meine Worte. „Hier ist sie nicht. Lass uns am besten dort vorn weitersuchen.“ Damit hastete sie auch schon los. „Nimm du den rechten Gang, und ich versuche es hier“, sagte sie, als wir zu einer Abzweigung gelangten und sie sich dem linken Korridor zuwandte.

Ich glaubte kaum, dass wir noch eine Chance hatten, die Maus aufzuspüren. Sie hatte sich sicher längst versteckt und würde sich, wenn sie schlau war, hier in der Schule häuslich einrichten. Zu fressen fand sie sicher eine Menge, da die Schüler einiges liegen ließen. In den Gemäuern würde sie bestimmt ein paar Generationen durchfüttern können.

Ich weiß nicht …“ Ich hatte keine Ahnung, woher diese leise Stimme so plötzlich kam, doch sie jagte mir einen eisigen Schauder über den Rücken. Ich war allein im Flur. Nur ein paar Türen, die zu den Klassenzimmern führten, standen offen.

Irgendwie … geht es mir nicht gut.“

Kleine Nackenhärchen stellten sich mir auf, was vor allem an dem vollkommen verzweifelten Tonfall lag. Leise schlich ich an den Zimmern entlang, um herauszufinden, woher die Stimme kam.

Schließlich fand ich den Raum, aus dem sie kommen musste, lugte durch den Spalt und blieb wie erstarrt stehen, als ich Herrn Rieger, unseren Religionslehrer, allein am Pult sitzen sah. Er wischte sich gerade mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, sein Gesicht wirkte teigig und hatte einen fast gelblichen Ton.

Er benahm sich schon das ganze Schuljahr über, das er hier unterrichtete, seltsam und hielt sich mit seinen fast schon fanatischen religiösen Ansichten nicht zurück.

Nun legte er den Kopf in seine Hände und flüsterte: „Was ist nur mit mir los? Alles ist zu viel. Ich glaube, ich stehe das allmählich nicht mehr durch.“

Weinte er etwa? Langsam trat ich von der Tür weg. Mein merkwürdiges Gefühl von eben war verschwunden. Vermutlich war Herr Rieger nichts weiter als ein verzweifelter Lehrer, dem seine Probleme so über den Kopf wuchsen, dass sie sich körperlich bemerkbar machten. Auch wenn ich ihn nicht besonders mochte, so tat es mir doch leid, ihn so zu sehen. Seine offensichtliche Verzweiflung erregte mein Mitgefühl.

Ich entfernte mich weiter von der Tür und war mir daher nicht sicher, ob ich die letzten Worte wirklich richtig verstanden hatte: „Langsam wird mein Körper zerfressen. Es … tötet mich.“

Erstaunt blieb ich stehen. Mein Herz hämmerte und ich lauschte angespannt in die Stille, aber Herr Rieger sagte nichts weiter. War er tatsächlich ernsthaft krank? Doch etwas in mir sagte, dass er nicht allein von seinem Gesundheitszustand gesprochen hatte …

 

Isigia spürte die Kälte kaum, die durch ihr dünnes Hemd drang und ihr Gänsehaut bereitete. Auch die Schmerzen, die ihre Verletzungen weiterhin verursachten, nahm sie kaum wahr. Sie war vollkommen auf ihr Ziel konzentriert, das genau vor ihr lag. Es war von großem Nutzen, dass Refeniel sich nur selten bei dem Mädchen aufhielt. So war es ihr möglich Emily täglich zu beobachten, um möglichst bald eine Idee zu bekommen, wie sie am besten Rache nehmen konnte.

Bisher wusste sie noch nicht, wie diese genau aussehen sollte. Doch sie setzte darauf, dass ihr früher oder später eine Schwachstelle auffallen würde, wenn sie das Mädchen nur lange genug im Auge behielt. Es musste einfach etwas geben, das Isigia gegen sie benutzen konnte. Aus diesem Grund suchte sie so oft es ging Emilys Haus auf.

Mittlerweile hatte sie sich ein recht genaues Bild von dem Mädchen gemacht; sie kannte ihre Gewohnheiten, hatte eine grobe Vorstellung von ihrem Tagesablauf und wusste, welche Personen ihr nahestanden. Sollte sie diese entführen, Emily zu sich locken und dabei zusehen lassen, wie sie ihre Freunde langsam tötete? Das wäre sicherlich eine Qual für das Mädchen … Aber was war mit Refeniel? Es würde ihn bestimmt wütend machen, doch richtig treffen? Nein, das würde ihr mit solch einer Tat nicht gelingen.

Isigia beobachtete, wie Emily mit ihrer Freundin Nell das Zimmer betrat. Langsam schlich sie näher heran, kletterte behände an einem Baum hinauf, sodass sie einen guten Blick auf die beiden hatte. Auch dabei spürte sie kaum, wie ihre Wunden unter der Anstrengung pochten, nahm nur am Rande wahr, wie stark ihr Herz in der Brust hämmerte. Ihr Körper schrie nach Erholung, war sie doch ständig auf den Beinen, kümmerte sich um ihren Meister, um den es weiterhin äußerst schlecht stand, und beobachtete in ihren freien Minuten das Mädchen. Wie lange würde sie diese Belastungen noch durchhalten?

Sie dachte nicht weiter darüber nach, sondern lauschte stattdessen dem Gespräch der beiden und lächelte schließlich. Möglicherweise war ihr gerade eine Idee gekommen, die ihren Racheplänen Gestalt verlieh.

(2) Comments

  1. Jeremias says:

    Diese Leseprobe *-*
    Ich liiiiiiebe sie. Ich freue ich schon so
    auf den 01. Juli, falls ich kein Vorexemplar bekommen sollte. 🙂
    Jaaaaa. Tolle Lesperobe!

    L.G Jeremias <

    1. Juliane says:

      Herzlichen Dank! Es ist wirklich schön, dass dir die Leseprobe so gut gefällt. *-* War auch gar nicht einfach ein Stück aus dem Buch auszusuchen. Für das Gewinnspiel drücke ich dir fest die Daumen, vielleicht klappt es ja mit dem Vorabexemplar. 😉

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