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Juliane Maibach
Leseprobe zu Midnight Eyes
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Leseprobe zu Midnight Eyes

11. Januar 2015

Erste Leseprobe zu Midnight Eyes

Ich hoffe, ihr seid alle gut ins neue Jahr gekommen und hattet eine tolle Zeit. Nach all den Festen und Feiern ist inzwischen auch bei mir der Alltag wieder eingekehrt. Mit den Arbeiten an Midnight Eyes geht es gut voran und ich komme nun an die letzten Korrekturdurchgänge.

Es ist wirklich schön an etwas ganz neuem schreiben zu können. Immerhin hat mich Necare über sehr viel Jahre beschäftigt; natürlich denke ich aber auch noch oft an Force, Devil, Thunder und all die anderen zurück, aber dennoch macht es Spaß nun in eine ganz neue Welt und Geschichte einzutauchen. Um euch nicht weiter auf die Folter zu spannen und einen ersten Einblick in Midnight Eyes zu geben, findet ihr hier eine erste Leseprobe. Ich wünsche euch viel Spaß!

 

Prolog

Die Lichter vor seinen Augen flackerten, tanzten, verschwammen stetig mehr und mehr. Ihm war schwindelig und übel, und kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Mit schweren Schritten schleppte er sich in die Mitte des Raums; seine Hände zitterten, als er sie ausstreckte, um den dunkelroten Teppich beiseitezuziehen. Wie sehr er diesen Zustand, diese unerträgliche Schwäche verabscheute. Er sehnte sich nach seiner ursprünglichen Gestalt zurück, nach der Kraft, die ihm innegewohnt hatte. Einst hatte er zu den Mächtigen gehört, nun war er nichts mehr als ein fahler Schatten seiner selbst. Dem Tod weit näher als dem Leben.

Er biss die Zähne zusammen, während unter dem Teppich das kreisförmige magische Symbol zum Vorschein kam. Es war mit neun geschwungenen Zeichen versehen, mehrere Linien schnitten und kreuzten sich.

Er spürte, dass er sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte; alles schwankte bereits um ihn herum. Da hörte er die Tür hinter sich aufgehen, und schnelle Schritte eilten neben ihn.

„Meister, lasst mich Euch helfen“, sagte Isigia, das große schlanke Mädchen mit der schneeweißen Haut und dem silberblonden Haar, als sie ihn erblickte. Sie griff nach seinem Arm, zog ihn auf die Beine und ging langsam mit ihm in die Mitte des Zeichens. Sie war seine Dienerin, seine Getreue und dennoch verabscheute er es aus tiefstem Herzen, von solch einem niederen Wesen wie ihr abhängig zu sein. Bald, so sagte er sich ständig, würde das alles ein Ende haben. Er musste nur dieses eine Mädchen töten, das er dazu auserkoren hatte. Mit ihrem Tod würde alles enden und er konnte auferstehen. Ein kaltes Lachen stahl sich auf seine Lippen, während er sich von Isigia losriss.

„Tritt beiseite!“, verlangte er mit lauter Stimme, die donnernd durch den Raum hallte. „Ich benötige deine Hilfe nicht.“

Die Dienerin tat wie geheißen, auch wenn sie der Aufforderung nur widerwillig nachkam. Die Sorge um ihren Herrn stand ihr offen ins Gesicht geschrieben.

Noch einmal atmete er tief durch, faltete schließlich die Hände und wirkte den Zauber, der sofort als grünes gleißendes Licht aus dem magischen Symbol hervorschoss. Es hüllte ihn ein; er konnte die Wärme spüren, die Kraft die in diesem Spruch lag. Sein Körper begann zu beben; es fiel ihm schwer, diese Macht aufrechtzuerhalten. Kurz fragte er sich, ob er dieses Mal vielleicht doch zu lange gewartet hatte. Konnte er es überhaupt noch schaffen? War er mittlerweile nicht viel zu schwach? Sein Herz donnerte in seiner Brust, seine Muskeln waren zum Zerreißen gespannt. Dann endlich hörte er das leise Summen, die zischenden Geräusche, die von überall um ihn herum erklangen. Endlich waren sie da! Damit war er dem Tod ein weiteres Mal entronnen. Doch nicht für lange …. Orangefarbene, rote, blaue und goldene Lichter erfüllten den Raum. Sie kamen auf ihn zu, ließen sich auf ihn nieder und versanken in seinem Körper. Er wurde eins mit ihnen. Schlagartig spürte er die Kraft der Seelen, die er gerade in sich aufgenommen hatte. Sein Atem ging nun leichter, er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und lächelte.

„Geht es Euch besser, Meister?“, fragte Isigia und musterte ihren Herrn. Er fuhr sich durchs Haar und strich einige Strähnen beiseite, die ihm in die Stirn gefallen waren. Zufrieden stellte Isigia fest, dass es ihrem Meister wieder gut zu gehen schien, er wirkte zwar weiterhin geschwächt, doch konnte man in ihm eindeutig den eindrucksvollen und starken Mann erkennen, der er einst gewesen war. Noch immer übte genau dieser eine unheimliche Faszination auf sie aus, der sie sich nicht erwehren konnte. Für sie hatte es nie einen Moment des Zweifels gegeben. Diesem Mann würde sie überallhin folgen. Wenn es sein musste, sogar bis in den Tod.

Sein kalter Blick legte sich auf seine Dienerin. „Stell nicht so dumme Fragen. Nach dem Ritual geht es mir immer besser.“

Das Mädchen zuckte über seine harschen Worte kurz zusammen, senkte die Augen und antwortete: „Verzeiht, Euer Zustand hatte mir nur Sorgen bereitet.“

Er musterte sie und Isigia war sich für einen Moment nicht sicher, ob sie mit dieser Aussage zu weit gegangen war. Sie schaute ihren Herrn ängstlich an, doch da verzogen sich seine Lippen zu einem Lächeln.

„Das hat nun bald ein Ende. Ich kehre nach Neffarell zurück, verlasse diese elenden Menschen, hole mir das, was mir zusteht, und werde mich an all meinen Feinden rächen.“ Sein Blick glühte vor Entschlossenheit. „Wir werden dieses Mädchen töten und damit den Schrecken und die Angst über ganz Neffarell bringen.“

 

Ein stürmischer Beginn

Ich nahm einen weiteren Löffel von meinem Müsli, während mein Blick an den Fenstern hing. Es regnete ziemlich heftig, Bäume wogten sich im stürmischen Wind, und der Himmel war von dunkelgrauen Wolken verhangen. Irgendwie passte das Wetter zu meiner Stimmung. Die Sommerferien waren nun zu Ende und das neue Schuljahr begann heute. Im Grunde machte mir der Unterricht nichts aus, nur das frühe Aufstehen störte mich gewaltig. In diesem Moment konnte ich das Gähnen nicht mehr unterdrücken und streckte mich dabei in der Hoffnung, die Müdigkeit irgendwie abschütteln zu können. Nein, ich war wirklich kein Morgenmensch. Erneut griff ich zu meiner Tasse und trank mehrere Schluck des starken schwarzen Kaffees. Hoffentlich half das Getränk etwas, um mich wach zu bekommen.

Ich wollte gerade erneut zum Müsli greifen, als ich die Türklingel hörte. Bevor ich aufstehen und öffnen konnte, vernahm ich bereits Schritte; eine kurze Begrüßung, deren Wortlaut ich nicht genau verstand, dann hastete jemand zu mir in die Küche.

„Hey Emily“, grüßte mich meine beste Freundin Nell. Als sie sah, dass ich noch immer beim Frühstück saß und alles andere als munter dabei war, stemmte sie die Hände in die Hüften und seufzte theatralisch. „Mann, wir hatten doch darüber gesprochen: Dieses Schuljahr wollten wir früher los, damit wir nicht ständig zu spät kommen. Das ewige Nachsitzen nervt langsam.“

„Bin ja gleich fertig“, murmelte ich, aß meinen letzten Löffel Müsli und erhob mich.

Auf dem Weg zum Flur schnappte ich mir meinen Rucksack, den ich vorsorglich bereits gepackt hatte, und rief meiner Großmutter ein: „Wir gehen“, zum Abschied zu.

„Warte bitte kurz“, hörte ich sie antworten, während sie auch schon wenige Augenblicke später die Treppe herunterkam, um mir mein Portemonnaie zu reichen.

„Hier, das hast du auf der Anrichte liegen lassen.“

„Danke. Morgens bin ich wirklich zu nichts zu gebrauchen“, murmelte ich.

Nell legte den Arm um mich und lächelte verschmitzt. „Keine Sorge, ich bekomm dich schon wach. Und falls nicht: Ich hab für den Notfall eine Thermoskanne Kaffee dabei.“

Ich grinste über ihre Worte und wusste ihre Voraussicht durchaus zu schätzen. Mittlerweile waren wir seit über fünf Jahren befreundet und unzertrennlich. Als sich in meiner Klasse alle von mir abgewandt und fortan mit diesen komischen Blicken bedacht hatten, war sie die einzige gewesen, die mir nicht aus dem Weg gegangen war. Eines Tages war sie einfach zu meinem Platz gekommen, hatte mich breit grinsend angesehen und mir eine Packung Kekse entgegengestreckt. „Du siehst aus, als könntest du was Süßes gebrauchen. Wenn es mir schlecht geht, heitert mich das immer auf.“ Von da an war sie immer an meiner Seite gewesen und dennoch konnte ich meine Vergangenheit nicht hinter mir lassen … Meine Gedanken trübten sich ein wenig, als ich an die dunkelste Zeit in meinem Leben zurück dachte … : Die hellen Lichter, die auf mich zurasten und stetig größer wurden, mich blendeten … dann das berstende Geräusch, der ohrenbetäubende Klang. Danach nichts als Dunkelheit. Später fühlte ich lediglich Schmerz und rotglühende, alles zerreißende Qual. Ich war vollkommen allein und voller Angst. Auch ohne mich nochmals davon überzeugen zu müssen, spürte ich es mit jeder Faser meines Selbst: Ich hatte ihn verloren. Die Trauer wollte mich zerreißen.

Wie so oft an dieser Stelle sah ich das Gesicht meines Vaters … dann das meiner Mutter …

„Emily?“, sagte meine Oma und riss mich damit aus meinen Gedanken. Ich versuchte zu lächeln. Sie sollte sich nicht wieder Sorgen um mich machen. Es war damals auch für sie sehr schlimm gewesen. Besonders, als all das mit meiner Mutter passierte …

Ich war meinen Großeltern dankbar, dass sie mich bei sich aufgenommen hatten und ich nun bereits seit fünf Jahren bei ihnen leben durfte.

„Wir gehen dann mal besser los“, sagte ich und vertrieb damit hoffentlich auch den letzten Rest Sorgen, den sie sich machte.

„Viel Spaß“, sagte sie, lächelte noch einmal und sah uns nach, wie wir das Haus verließen.

Ich spannte den Schirm auf, sodass wir beide nicht nass wurden.

„Ist dein Opa schon losgegangen?“, fragte Nell, während wir das Grundstück verließen, die tiefen Pfützen umgingen und nach rechts in die Straße abbogen.

Ich nickte. „Ja, er muss heute Morgen noch ein paar Hausbesuche machen.“ Mein Großvater war 62 Jahre alt, Arzt und hatte eine gutgehende Praxis etwa zwanzig Minuten von unserem Wohnhaus entfernt. Er war viel unterwegs und arbeitete wirklich hart, dennoch versuchte er, sich auch Zeit für meine Großmutter und mich zu nehmen.

„Was ist mit deinen Eltern?“, wollte ich wissen. „Sind sie schon losgefahren?“ Nells Familie hatte ein Antiquitätengeschäft mit Antiquariat und wollte diese Woche verreisen, um einige neue Stücke für ihren Laden zu kaufen. Dafür fuhren sie oft nach England, wo Nells Vater ursprünglich herstammte. Ihr Vater lebte bereits seit fast zwanzig Jahren in Deutschland, dennoch hatte er einen leichten Akzent, der sich verstärkte, sobald er aufgeregt war.

„Ja, sie sind gestern Nacht losgefahren. Mal sehen, was sie wieder alles so anschleppen werden.“ Ihre kleine Nase rümpfte sich leicht. „Wenn sie glauben, ich helfe wieder beim Ausladen und Einräumen, haben sie sich aber geschnitten. Das Zeug ist immer abartig schwer und total sperrig. Das letzte Mal hab ich mir fast den Rücken verrenkt.“

„Du klingst wie eine alte Frau und nicht wie eine Siebzehnjährige.“

„Ich bin meinem Alter eben weit voraus“, erwiderte sie grinsend und brachte mich damit ebenfalls zum Lachen. „Du hast übrigens noch gar nichts zu meiner neuen Kette gesagt“, erwiderte sie und zog kurz an dem bunten Schmuck. Ich runzelte die Brauen, als ich sah, dass sie mehrere Kaffeekapseln zerschnitten und zu einer Kette verflochten hatte. Es war typisch für sie und passte zu ihrem eher ungewöhnlichen Outfit. Nell hatte sich vor einigen Wochen die Haare schneeweiß gefärbt und zu einer frechen Kurzhaarfrisur schneiden lassen. , Auch wenn es auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig war, stand es ihr gut. Sie neigte schon seit einigen Jahren zu ausgefallenen Frisuren, Farben und Kleidungsstilen.

Heute trug sie eine zerlöcherte hellblaue Jeans, schwere schwarze Schnürstiefel, die schon beinahe zu ihrem Markenzeichen gehörten, und ein dunkelrotes Samt-Shirt, das an der Rückseite zugeschnürt wurde. Sie war auf jeden Fall sehr hübsch mit ihrer kleinen Nase, den schmalen Lippen und den grüngesprenkelten Augen, in denen stets der Schalk strahlte.

Ich mochte ihre ausgefallenen Klamotten und borgte mir ab und an auch mal etwas von ihr. Allerdings zog ich mich meistens doch eher unauffällig an. In meinem Leben war bereits zu viel geschehen, mit dem ich hervorstach. Darum bevorzugte ich das angepasste, ruhige Dasein. Im Grunde war ich mit mir und meinem Aussehen jedenfalls zufrieden. Ich hatte dunkelblondes schulterlanges Haar, hellgraue Augen und eine gute Figur, auch wenn ich dafür keinen Sport machen musste. Klar, gab es Dinge, die ich an mir nicht sonderlich mochte – wie beispielsweise meine Nase, von der ich der festen Überzeugung war, dass sie einen Höcker hatte, den andere jedoch kaum wahrnahmen. Aber im Grunde ließ ich mich davon nicht beirren.

„Die Kette gefällt mir, ist wieder mal ein echtes Unikat“, beantwortete ich ihre Frage.

„Jap, genau wie ich. Du, sag mal“, fuhr sie fort, nachdem wir an der nächsten Kreuzung in die Waldallee eingebogen waren. „Freust du dich schon?“ Sie grinste schief und ihre grünen Augen blitzen schelmisch.

Wenn sie so schaute, wurde es garantiert unangenehm für mich …

„Worauf?“

„Das fragst du noch?!“ Sie wirkte beinahe ein wenig empört. „Die Ferien sind vorbei … der erste Schultag geht los … unsere Mitschüler … man sieht sich endlich wieder … Muss ich echt noch mehr sagen?!“

Ich verdrehte die Augen. „Fängst du schon wieder damit an?!“

„Chris ist total süß und er gefällt dir doch auch!“, fuhr sie fort, als hätte sie meinen Einwand gar nicht gehört.

„Ich finde ihn nett, mehr ist da aber auch nicht. Und überhaupt. Ich habe so gut wie nichts mit ihm zu tun, was soll also das Gerede?“

„HA!“, stieß sie hervor, riss die Augen auf und deutete mit dem Zeigefinger auf mich. „Du würdest also etwas mit ihm anfangen, wenn sich die Chance ergebe.“

Ich seufzte … „So habe ich das nicht gemeint, und das weißt du ganz genau. Ich will wirklich nichts von ihm. Momentan bin ich mit meinem Singledasein vollkommen zufrieden.“

„Du bist schon viel zu lange allein. Es wird echt Zeit, dass du dir mal einen netten Typen angelst. Lass mich nur machen, ich bring euch zwei schon zusammen.“ Sie legte die Stirn nachdenklich in Falten und überlegte offenbar bereits, wie sie mich am besten verkuppeln konnte. Ich schüttelte resigniert den Kopf. Wahrscheinlich war es besser, erst einmal nichts weiter darauf zu erwidern. Wenn sie sich etwas vorgenommen hatte, war es schwer, sie davon abzubringen. Zudem konnte sie kaum etwas Schlimmes anstellen … Es war vollkommen ausgeschlossen, dass sie Chris Interesse an mir wecken konnte. Er war eine Klasse über mir und Anfang des letzten Jahres in unsere Schule gewechselt. Schnell war er zum Liebling der Mädchen mutiert, was einerseits natürlich an seinem guten Aussehen lag. Er hatte blondes kurzes Haar, tiefblaue Augen, ein ebenmäßiges und wirklich hübsches Gesicht und dazu ein unglaublich schönes Lächeln. Das war es aber nicht, warum er mir aufgefallen war. Im letzten Jahr sind wir in derselben Literatur – AG gewesen, wo ich schnell festgestellt hatte, dass er einfach anders war. Er hatte ein ausgeprägtes Interesse für Bücher, was wir beide teilten und worüber wir sehr schnell ins Gespräch gekommen waren.

noch besser kennenzulernen, auch wenn ich mir davon wirklich nicht mehr versprach.

„Und was ist mit dir?“, hakte ich nach. „Du bist auch schon seit über sechs Monaten von Kai getrennt.“

„Jap, und darum habe ich beschlossen, dass es für uns beide Zeit wird, sich einen Freund zu suchen. Ist doch ein tolles Ziel für dieses Schuljahr.“

„Und da hast du gleich mal beschlossen, mich mit Chris zu verkuppeln?“, fragte ich fassungslos.

„Klar, ihr würdet toll zusammen passen.“

„Das glaube ich nicht ganz und zudem hat er da sicher auch noch ein Wörtchen mitzureden.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Egal, das klappt schon. Du wirst sehen. Ich lass mir was einfallen und dann kommt ihr ganz schnell zusammen.“

Das wagte ich zu bezweifeln. Zumindest hoffte ich es.

„Und was ist mit dir? Hast du auch schon jemanden für dich im Auge?“

„Nicht wirklich“, gab sie unverwandt zu. „Aber da wird sich bestimmt was finden.“

„Du redest, als ginge es um ein paar Socken.“

„Ich seh das alles nur nicht so verbissen und ernst wie du. Das solltest du vielleicht auch mal versuchen“, erwiderte sie und grinste anschließend. „Außerdem“, fuhr sie fort, doch plötzlich glitt ihr Blick hinter mich; ihre Augen weiteten sich und noch ehe ich begriff, was eigentlich los war, rannte sie auch schon davon. Ich wandte mich um und schaute ihr nach, wie sie durch den Regen auf einen Baum zuhastete.

„Bist du jetzt übergeschnappt?“, fragte ich und sah, wie sie vor dem riesigen Stamm stehen blieb und sich daran machte, an dem Baum hochzuklettern. Es regnete wirklich stark, weshalb Nell bereits jetzt schon ziemlich nass war. Ihre Kleidung klebte wie eine zweite Haut an ihr, die Haare, die zuvor noch frech und keck frisiert gewesen waren, hingen ihr nun platt am Kopf und in der Stirn.

„Ich bin gleich wieder da“, erwiderte sie, während sie sich weiter an dem Stamm hochzog und nach den nächsten Ästen griff.

Ich ließ meinen Blick höher schweifen und verdrehte die Augen, nachdem ich den Grund für ihre Aufregung gefunden hatte. Da saß eine Katze in den Wipfeln, die Nell interessiert bei ihrem Aufstieg beobachtete.

„Lass doch das arme Tier in Ruhe“, ächzte ich.

„Vergiss es!“, knurrte mich meine Freundin an, während sie der Katze langsam näher kam. „Ich muss sie retten. Du siehst doch, dass sie völlig verängstigt und ganz außer sich vor Panik ist.“

Ich zog erstaunt die rechte Braue hoch und schnaubte. Die rotgetigerte Katze sah alles andere als furchtsam oder panisch aus. Ganz im Gegenteil; sie hockte entspannt auf einem der Äste, ließ ihren Schwanz hin und her schwanken und musterte Nell interessiert, als versuche sie zu verstehen, was dieses Mädchen hier hochtrieb. Das ganze war aber wieder mal typisch: Nell liebte jedes Tier, das auf diesem Planeten herumlief, und machte sich auch ständig an irgendwelche Rettungsaktionen, die der betroffene Hund, die Katze oder der Vogel wohl eher als feindlichen Übergriff betrachtete. Auch dieses Mal schien alles wie üblich abzulaufen: Nell griff nach dem Ast, auf dem das Tier saß, zog sich weiter hoch, bis sie mit ihm auf Augenhöhe war, und griff schließlich mit der rechten Hand danach. Die Katze wirkte bereits nicht sonderlich erfreut, als sie merkte, dass Nell nun genau neben ihr war, doch als diese auch noch nach ihr griff, sträubte sie das Fell und fauchte laut. Das störte Nell wiederum nicht, sie ruckelte einige Male an dem Tier, damit diese endlich den Ast losließ, und sagte dabei immer wieder: „Keine Angst, ich bin ja jetzt da und bring dich nach unten.“ Die Katze wehrte sich mittlerweile, kratzte, wand sich unter Nells Griff, die jedoch weiterhin nicht nachgab, auch wenn das Tier sie bereits einige Male gekratzt hatte. Fest zog sie die Katze an sich, die noch immer wie wild um sich schlug.

„Nell, jetzt lass sie in Ruhe. Du machst sie ganz verrückt.“
„Sie hat nur Angst.“

„Ja, vor dir. Und schau dir mal deinen Arm an, der ist schon ganz blutig.“

„Ach was, sie hat nur Panik“, wiegelte Nell ab und stieg langsam mit der Katze zu mir herab.

Unten angekommen, drückte sie das Tier noch einmal fest an sich, und ignorierte dabei das wilde Fauchen und die Tatzenhiebe.

„Jetzt ist alles gut, du Armes“, sagte sie mit einem Lächeln und strich ihr mehrmals über den Rücken. Dann ließ sie die Katze endlich wieder auf den Boden, wo sie so schnell es ging fortrannte.

„War die nicht süß?“, fragte mich Nell grinsend.

Ich schüttelte den Kopf. „Du hast sie echt nicht mehr alle.“

„Was denn?! Jeden Tag eine gute Tat.“ Sie kam zu mir unter den Schirm zurück, wo ich deutlich die Löcher erkennen konnte, die die Katze in die Ärmel ihres Pullovers gerissen hatte. Darunter blutete sie an einigen Stellen, doch das schien sie kaum zu registrieren.

„Wahrscheinlich sollte ich wirklich froh sein, dass du deine guten Taten an Tieren ableistest. Nicht auszudenken, wenn du ständig über irgendwelche Omis herfallen würdest, um diese ungefragt über die Straße zu zerren.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Tiere sind nun mal die Geschöpfe, die sich am allerwenigsten wehren können.“

„Ja, vor allem gegen dich.“

Im Grunde fand ich es ja herzerweichend, wie sehr sie jedes Lebewesen auf diesem Planeten liebte, nur leider beruhte ebendieses Gefühl nicht auf Gegenseitigkeit, was das ganze jedes Mal zu einer vollkommen unsinnigen und teilweise gefährlichen Aktion machte.

Nell winkte ab. „Was du dir immer einbildest. Hast du nicht das Leuchten in den Augen der Katze gesehen? Sie war mir total dankbar.“

Es war sinnlos sich mit ihr über dieses Thema zu streiten. „Schon gut, schon gut“, wiegelte ich ab. „Lass uns lieber einen Schritt schneller gehen. Sonst kommen wir dank deiner guten Tat noch zu spät.“

Sie sah auf die Uhr und schnappte erschrocken nach Luft: „Mist, dabei wollten wir es dieses Schuljahr doch pünktlich schaffen.“

„Na, dann los“, sagte ich und beschleunigte meine Schritte. Wenig später erreichten wir ziemlich abgehetzt die Schule.

„Hey, schau mal wer da schon wartet“, meinte Nell und deutete nach vorn. Wir hatten gerade den Schulhof betreten und sahen am Eingang einen Jungen stehen. Das rotverstrubbelte Haar erkannte ich sofort.

„Hallo Sven, wartest du schon lange?“, begrüßte ich ihn.

Er ging mit mir und Nell in eine Klasse und wir waren seit etwa zwei Jahren mit ihm befreundet. Damals war er auf unsere Schule gewechselt und hatte es in aufgrund seiner Art ziemlich schwer in der Klasse gehabt. Oftmals war er von unseren Mitschülern aufgezogen worden und hatte einfach keinen Anschluss gefunden. Nell und ich waren die einzigen gewesen, die mit ihm gesprochen und ihn vor den anderen in Schutz genommen hatten. Wir waren von da an immer zu dritt gewesen und recht schnell Freunde geworden. Er war teilweise ein wenig seltsam, liebte Naturwissenschaften und hatte in diesem Bereich ein unglaubliches Wissen. Auch seine Hobbys waren eher ungewöhnlich. An Wochenenden nahm er öfters an Mittelalterfesten teil und nähte in seiner Freizeit die passenden Kostüme dafür. Aber gerade wegen seiner Eigenarten mochten wir ihn, was bei unseren Mitschülern jedoch ganz anders aussah. Sven wurde von ihnen oftmals aufgezogen und von den Mädchen belächelt, wenn sie ihn überhaupt wahrnahmen. Er passte wohl nicht gerade in das gängige Schönheitsideal. Seine Statur war eher schmächtig, die Haut hell, wobei sie bei Stress sehr schnell von roten Flecken übersät war. Im Gesicht und an den Armen hatte er zudem Sommersprossen, die man fast das ganze Jahr über deutlich erkennen konnte.

„Ihr seid wie immer ziemlich spät dran“, unterbrach er meine Gedanken. „Dabei dachte ich, ihr wolltet dieses Jahr versuchen, nicht ständig auf den letzten Drücker zu kommen.“

„Ich finde, wir haben unser Ziel erreicht“, antwortete Nell. „Immerhin sind wir vor dem Läuten angekommen. Das ist doch ein riesen Fortschritt.“

„Du steckst dir deine Ziele wirklich nicht sonderlich hoch, oder?“, fragte er in neckendem Tonfall.

„Sie musste eine Katze retten, die in einem Baum saß“, sprang ich erklärend ein, während wir das Schulgebäude betraten und zu unserem Klassenzimmer gingen.

„Das arme Tier“, rekapitulierte Sven. „Hat sie es denn lebend aus Nells Armen geschafft?“

„Ich weiß echt nicht, was ihr immer habt“, murrte sie. „Tiere sind nun mal meine Leidenschaft, und ich helfe ihnen gern. Ich zieh dich Überflieger ja auch nicht wegen deiner Hobbys auf. Irgendwann werde ich einen Gnadenhof betreiben, wo etliche gerettete Tiere ihren Lebensabend verbringen können.“ Sie musterte Sven und sagte grinsend: „Und du wirst sicher den Nobelpreis für Chemie überreicht bekommen“, erklärte sie bedeutungsvoll.

„Was du da immer redest“, sagte er und war bei ihren Worten ein wenig rot geworden. Natürlich hatte er nie offen zugegeben, dass er tatsächlich von dieser Auszeichnung träumte, doch er sprach oft davon, dass er einmal ein bekannter Chemiker werden und in der Forschung arbeiten wollte. Er hatte auch schon bei einigen Wettbewerben Preise gewonnen und irgendwie war es verständlich, dass er diesen Traum hegte.

„Und du, Emily“, fuhr sie grinsend fort, „wirst eine herausragende Journalistin.“

Bei ihren Worten runzelte ich leicht die Stirn. Ich mochte das Schreiben, liebte Bücher über alles und hätte nichts dagegen gehabt, für eine Zeitung oder ein Magazin zu schreiben. Leider war das alles andere als einfach, und momentan wagte ich es, nicht an die Verwirklichung dieses Traums zu denken. Ich wollte etwas Sicheres, ein festes Einkommen und eine solide Arbeitsstelle haben. Nach allem, was ich bislang erlebt hatte, sehnte ich mich nach Beständigkeit. Ruhelos durch die Welt zu ziehen, Leute zu interviewen und Berichte zu schreiben … Auf den ersten Blick sah das alles natürlich aufregend und abenteuerlich aus, doch so etwas brauchte ich nicht. Darum tendierte ich momentan eher dazu, BWL zu studieren, auch wenn es ein recht trockenes Fach war …

„Meint ihr, wir haben dieses Jahr Herrn Thomann wieder?“, fragte ich, um vom Thema abzulenken.

Nell ächzte genervt: „Hoffentlich nicht, ansonsten werd ich sicher nicht von meiner vier runterkommen.“

Herr Thomann war unser Lateinlehrer und nicht nur äußerst streng, sondern vor allem ziemlich anspruchsvoll. Fast den gesamten Unterricht hielt er auf Latein ab und sprach dabei so schnell und hastig, dass einem beinahe der Kopf zersprang. Nach einer Doppelstunde fühlte man sich jedenfalls mehr als nur erschöpft.

„Ich weiß gar nicht, was ihr habt“, wandte Sven ein. „Ich finde ihn eigentlich ganz nett. Auf jeden Fall versteht er was von seinem Fach.“

Nell seufzte. „Gibt es eigentlich irgendeinen Lehrer, mit dem du nicht klarkommst oder unglaublich toll findest?“

„Herrn Gruber kann ich nicht ausstehen. Der reinste Folterknecht.“ Er schüttelte resigniert den Kopf. „Was bringt es einem bitte, wenn man es schafft, an einem dämlichen Seil hochzuklettern oder über einen Bock zu springen? Ich glaube kaum, dass ich so was später mal in einem Labor brauchen werde.“

Herr Gruber war einer der Sportlehrer und von besonders athletischem Kampfgeist. Es hatte schon beinahe etwas von Militärton, wie er die Jungs oftmals über den Sportplatz der Schule jagte und sie ihre Runden laufen ließ. In dieser Hinsicht konnte ich Sven jedenfalls gut verstehen. Ich mochte Sport ebenfalls nicht, auch wenn bei uns andere Dinge wie Choreographien, Volleyball, Basketball und Turnen auf dem Plan standen. In keinem dieser Dinge war ich sonderlich gut und zog in diesem Fach das Unglück geradezu an. Es gab kaum eine Stunde, in der ich nicht über meine eigenen Füße stolperte, einen Ball ins Gesicht bekam oder über die Turngeräte stürzte.

Mittlerweile hatten wir das Klassenzimmer erreicht, gerade noch rechtzeitig, zwar war in unserer bevorzugten Sitzreihe –hinten, ganz rechts – nichts mehr frei, aber wenigstens fanden wir noch drei Plätze nebeneinander, auf die wir uns nun setzten.

Kaum war das Läuten der Schulglocke verklungen, ging auch schon die Tür auf und ein Mann Ende fünfzig mit verkniffener Miene und schlohweißem Haar trat herein. Den Gürtel seiner dunklen Stoffhose hatte er wie immer viel zu eng gespannt, sodass sein dicker Bauch ziemlich deutlich hervortrat. Wie so oft fragte ich mich, wie lange der Gürtel diesem Druck noch standhalten würde …

Herr Thomann legte seine schwarze Aktentasche aufs Lehrerpult und setzte zu seiner üblichen Begrüßung an: „Salvete, discipuli discipulaeque..“ Wenigstens bei diesem Satz wusste ich mittlerweile nur allzu gut, dass er so etwas wie: „Seid gegrüßt, Schüler und Schülerinnen “, bedeutete.

„Mir ist natürlich klar“, fuhr er schließlich fort und ließ seinen Blick über die Klasse wandern, wobei er für einen kurzen Moment an Nell hängen blieb „dass einige die Ferien sicher nicht genutzt haben, um ihre Lateinkenntnisse zu verbessern, obwohl sie es wirklich dringend nötig hätten und darum gerne auf die Ausrede „Ich wusste nichts davon, dass wir das als Hausaufgabe hatten, da habe ich sie wohl nicht richtig verstanden“ zurückgreifen, gebe ich Ihnen diese Anweisungen nun hoffentlich in einer Sprache, der sie mächtig sind.“

Ich lugte vorsichtig zu Nell, die zu meiner Linken saß. Es war offensichtlich, dass seine Ansprache ihr galt. Sie nutzte es gerne aus und schob oftmals ihre unzureichenden Latein-kenntnisse vor, um Hausaufgaben zu entgehen. Damit hatte sie Herrn Thomann letztes Schuljahr beinahe in den Wahnsinn getrieben. Im Moment saß sie allerdings vollkommen gelassen auf ihrem Platz und betrachtete den Lehrer, als gingen sie seine Worte gar nichts an.

„Sie sollen sich für morgen die Lektüre „Caesar – de bello Gallico“ besorgen. Wir werden gleich in der nächsten Stunde damit beginnen, diese zu lesen. Seien Sie sich dessen sicher, es ist ein wirklich eindrucksvolles und wichtiges Stück, das man einfach gelesen haben muss.“

Ein leises Stöhnen ging durch die Klasse. Auch ich seufzte. Das hieß, ich musste gleich heute Mittag noch in die Stadt, um mir dieses dämliche Buch zu kaufen …

„Nun denn, ich habe hier noch Ihre Stundenpläne mitgebracht, die Sie sich bitte im ANSCHLUSS holen.“ Er sah Nell an, die bereits aufgesprungen war, um sich ihren Plan abzuholen. Auf seinen mahnenden Blick hin setzte sie sich jedoch wieder, auch wenn sie dabei unübersehbar genervt mit den Augen rollte. „Gehen Sie Ihre Pläne nachher bitte aufmerksam durch“, fuhr er fort und klatschte in die Hände. „Dann wollen wir mal beginnen.“ Er wandte sich der Tafel zu, schrieb einige Sätze in seiner beinahe unleserlichen Krakelschrift und erzählte dazu in rasend schnellem Latein einige Dinge, denen ich nur entnehmen konnte, dass es wohl um Cäsar ging.

Genervt holte ich Stifte und Papier hervor und machte mich daran, wenigstens die Sätze mitzuschreiben.

„Sagt mal“, hakte Nell nach, nachdem wir unsere Stundenpläne mitgenommen und das Klassenzimmer verlassen hatten. Wir waren nun auf dem Weg, um unsere Schulbücher abzuholen.

„Was?“, fragte Sven und blickte von seinem Plan auf, den er gerade studiert hatte.

„Kann es sein, dass Herr Thomann mich nicht sonderlich leiden kann? Ich hatte irgendwie das Gefühl, als kämen da so ein paar ablehnende Schwingungen in meine Richtung.“

„Das fällt dir erst jetzt auf?“, fragte ich verwundert.

„Dann hab ich mir das also nicht nur eingebildet“, murmelte sie und runzelte nachdenklich die Stirn. Wahrscheinlich grübelte sie gerade darüber nach, was sie getan haben könnte, womit sie den Unmut des Lehrers auf sich gezogen hatte.

„Ich verstehe das einfach nicht“, fuhr sie fort „meint ihr, er hat es vielleicht in den falschen Hals bekommen, als ich gesagt habe, Latein bräuchte heutzutage kein Mensch mehr?“

Das war vielleicht einer der Punkte, die ihm unangenehm aufgestoßen waren …

„Wer hätte gedacht, dass Herr Thomann so empfindlich ist“, murmelte sie nachdenklich vor sich hin. „Da werd ich wohl in Zukunft echt die Samthandschuhe anziehen müssen.“
„Das will ich sehen“, meinte Sven lachend. „Zu deinen Stärken zählt Feingefühl jedenfalls ganz sicher nicht.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Dann muss er eben meinem unglaublichen Charme erliegen.“
Ich runzelte erstaunt die Brauen: „Das heißt, du willst dich bei ihm einschleimen? Na, wenn das mal gut geht …“ Sie hatte nicht gerade ein gutes Händchen dafür, wenn es darum ging, Lehrer von sich zu überzeugen.

„Du wirst schon sehen, das bekomm ich hin“, verkündete sie zuversichtlich und wollte gerade noch etwas hinzufügen, als ich aus den Augenwinkeln Yvonne und Katharina an uns vorbeigehen sah. Letztere schaute hastig beiseite, als sich unsere Blicke trafen, was mir erneut einen tiefen Stich versetzte. Vor sechs Jahren … bevor das alles mit meiner Mutter geschehen war, waren Katharina und ich befreundet gewesen. Sie hatte mich allerdings sehr schnell fallen lassen, was mich damals sehr bedrückt und vor allem enttäuscht hatte. Seitdem ging sie mir aus dem Weg und zeigte mir stets die kalte Schulter.

„Okay“, riss mich Nell aus meinen Gedanken, während sie den Aushang am schwarzen Brett überflog. „Schüler mit Nachnamen von S bis Z müssen in Raum 105 ihre Bücher abholen.“

„Gut, dann sehen wir uns nachher“, sagte ich zu den beiden. Ich hieß mit Nachnamen Neuer, Nells Name lautete Thompson und Svens Name war Wagner. Ich musste meine Bücher also woanders abholen. Schnell blickte ich noch mal auf den Zettel: Raum 305. Klasse, am anderen Ende des Gebäudes.

„Welches Fach hast du als Nächstes?“, wollte Nell wissen.

„Bio, im Kurs D“, antwortete ich.

Sie rümpfte die Nase: „Mann, ich bin im Kurs A, danach habe ich Mathe. Lass uns nachher mal unsere Pläne vergleichen, damit wir sehen, was wir alles zusammen haben.“

„Und in welchem bist du?“, wollte ich von Sven wissen.

Er blickte auf sein Blatt und meinte: „Ich bin im selben Kurs wie Nell.“

Ich nickte. „Okay, dann sehen wir uns nach Bio“, sagte ich.

„Bis später!“, verabschiedete er sich und machte sich zusammen mit Nell auf den Weg.

Ich benötigte einige Minuten, bis ich es ans andere Ende der Schule geschafft hatte und vor Raum 305 stand. Von drinnen hörte ich bereits mehrere Stimmen, die sich zu einem einzigen dröhnenden Geräusch verbanden. Ich öffnete die Tür und trat ein. Auf mehreren Tischen hatte man die Bücher zu hohen Türmen gestapelt, von denen es jeweils eins zu nehmen galt. Ich zählte sieben verschiedene Stationen und stöhnte bereits in Gedanken, wenn ich an die Schlepperei dachte. Ich stellte mich in die Schlange, die sich bereits gebildet hatte und nur langsam vorwärtsrückte. Offenbar zogen es einige Mädchen vor, sich lieber zu unterhalten, als darauf zu achten, zügig ihre Schulbücher abzuholen.

Vor dem ersten Tisch, auf dem ich ein Mathebuch entdeckte, stand ein weiterer, an denen zwei Frauen saßen, die mehrere Listen vor sich ausgebreitet hatten. Einer nach dem anderen kam an ihnen vorbei und wurde in der Namensliste abgehakt. Ich beobachtete die beiden eine Weile und konnte kaum mitansehen, wie langsam sie waren. Es dauerte jedes Mal schier eine Ewigkeit, bis sie den richtigen Namen in ihren Unterlagen gefunden hatten.

„Kaum zu glauben. Eigentlich kann es ja nicht so schwer sein, einen Namen abzuzeichnen“, murmelte eine Stimme direkt hinter mir. Erstaunt sah ich mich um und entdeckte zu meiner Überraschung Chris. Was machte er hier? Okay, das war eine ziemlich dämliche Überlegung … Es war ja offensichtlich.

„Hallo, Chris“, begrüßte ich ihn. „Schön dich hier zu treffen. Wie waren die Ferien?“

Erst jetzt schien er mich zu entdecken und ein sanftes Lächeln legte sich auf seine Lippen.

„Freut mich auch, die Ferien waren ganz gut soweit. Allerdings fehlen sie mir schon wieder, wenn ich mir das hier so anschaue. Scheint ja nur im Schneckentempo voran zu gehen. Ist echt nervig, aber wenigstens müssen wir das nicht nach der Schule erledigen, so fällt immerhin eine Unterrichtsstunde aus.“

„Ja, mir kommt eine Pause im Moment ganz gelegen“, sagte ich. „Wir hatten gerade Latein.“

Noch immer lächelte er und betrachtete mich mit seinen blauen Augen. Es war unglaublich wie intensiv ihre Farbe war; wie leuchtende Saphire.

„Ist auch nicht mein Lieblingsfach“, gab er unverwandt zu. „Eigentlich hatte ich gehofft, diese Aktion hier recht schnell hinter mich bringen und noch etwas lesen zu können.“

„Welches Buch liest du denn im Moment?“, fragte ich und ging ein paar Schritte weiter, als sich die Schlange wieder mal in Bewegung setzte.

„Die Leiden des jungen Werther von Goethe“, antwortete er. Ich hatte es bereits gelesen und fand es in seiner blumigen Art, den stellenweise übertriebenen Gefühlen und den verschachtelten Sätzen nicht sonderlich ansprechend.

„Genauso habe ich das auch gesehen. Es war stellenweise wirklich kaum zu ertragen. Goethe gehört zwar ohnehin nicht zu meinen Lieblingsautoren, da sind mir Schiller oder Brecht sehr viel lieber, aber Faust oder Iphigenie haben mir sehr gut gefallen.“ Es war schön erneut festzustellen, dass wir in solchen Dingen eine ähnliche Meinung hatten.

Wie anders tragen uns die Geistesfreuden, von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt! Da werden Winternächte hold und schön, ein selig Leben wärmet alle Glieder, und ach! entrollst du gar ein würdig Pergament so steigt der ganze Himmel zu dir nieder.“

„Du kannst Stellen aus Faust auswendig?“, fragte ich überrascht. Er zuckte mit den Schultern und es sah beinahe ein wenig verlegen aus, was ihn irgendwie noch sympathischer machte.

„Manche Dinge prägen sich bei mir sehr schnell ein. Ich lerne sie nicht auswendig, ich lese es einfach und dann bleibt vieles hängen.“

„Echt beneidenswert“, gab ich zu.

Er lachte: „Na ja, das ist nur bei Lektüren so, die mich auch interessieren. In Latein oder Chemie kann ich Seiten zwanzig Mal lesen und am Ende bleibt doch nichts hängen.“

„Man muss auch nicht alles perfekt können. Besonders in Latein und Chemie kann ich das gut verstehen. Mir geht es da ähnlich.“

„Hast du dir inzwischen die Bücher besorgt, die wir in der Literatur – AG empfohlen bekommen haben?“, fragte er.

Sein Blick ruhte weiterhin auf mir und seltsamerweise spürte ich ein unruhiges Kribbeln in der Magengegend. Es war wirklich erstaunlich, wie intensiv und warm diese Augen strahlen konnten.

„Nur „Der Zauberberg“ und „Kabale und Liebe.“ Mein Bücherregal bricht langsam auseinander, da war für mehr kein Platz. Ich müsste eigentlich mal ein paar Bücher verkaufen, aber ich bringe es einfach nicht übers Herz.“

In diesem Moment erreichte ich den Tisch, an dem die beiden Frauen saßen. Die auf der linken Seite, mit den grauen, zu einem unordentlichen Dutt zusammen gebundenen Haaren, sprach mich an: „Ihr Name, bitte?“

„Emily Neuer“, antwortete ich und wartete darauf, dass die Dame mich in einer ihrer ellenlangen Listen fand. Ich war seltsam unruhig, was mit Sicherheit an Chris’ Nähe lag. Bildete ich mir das ein, oder war er tatsächlich näher gekommen? Ich konnte den angenehmen Duft seines Parfüms wahrnehmen, das er trug.

„Hier habe ich Sie“, verkündete die Frau strahlend und ließ mich weiter, um meine Bücher abzuholen. Ich blickte noch einmal zu Chris, der nun an der Reihe war seinen Namen zu nennen und schritt anschließend an den Bücherstapeln vorbei, um je eines davon zu nehmen. Dabei ertappte ich mich, wie ich immer langsamer wurde und mir mehr und mehr Zeit ließ. Ständig blickte ich verstohlen in Chris’ Richtung … und da trafen sich unsere Blicke erneut. Er lächelte, schnappte sich die ersten Schulbücher von den Stapeln und kam auf mich zu. Wir packten weiter ein, während er sich an mich wandte: „Wenn du willst, kann ich dir mal ein paar Bücher ausleihen. Ich habe wirklich einige tolle Sachen. Hast du schon mal was von Tolstoi oder Thomas Mann gelesen?“

„Bisher noch nicht.“

„Gut, dann bringe ich dir mal was mit, wenn du willst.“

„Das wäre wirklich nett“, freute ich mich.

„Mach ich gerne.“ Noch immer hingen seine Augen an den meinen und ich spürte, dass mein Herz einige schnelle Sprünge machte …

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