Der Sumpf von Palesia

Der Gestank traf ihn wie eine Faust.

Tares watete durch das brackige Wasser, das ihm bis zu den Knien reichte, und ignorierte den fauligen Geruch, der sich in seiner Kleidung festsetzte. Der Sumpf lag im fahlen Licht des späten Nachmittags wie ein verwundetes Tier da – still, träge und gefährlich. Zwischen den knorrigen Wurzeln der Sumpfbäume stand das Wasser schwarz und undurchdringlich, bedeckt von einer dünnen Schicht grüner Algen, die sich um seine Beine schlossen, wann immer er einen Schritt tat. Die Äste über ihm hingen tief, waren mit Moos bewachsen, das wie nasse Fetzen das letzte Tageslicht schluckte. Irgendwo in der Ferne quakte etwas. Ansonsten war es vollkommen still.

Jeder Schritt kostete Kraft. Der schlammige Grund zog an seinen Stiefeln, als wollte er Tares verschlingen, und mehr als einmal musste er sich an einem Baumstamm abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Er zog den Seesack auf seinem Rücken zurecht und ließ seinen Blick über das Wasser schweifen. Irgendwo hier musste der Karren sein.

Ein Händler aus Palesia, hatte der Informant ihm gesagt, war abseits des Weges stecken geblieben. Mit einem Fragment des Glutamuletts im Gepäck.

Tares hatte keine weiteren Fragen gestellt.

Fünf Fragmente, in vier Jahren. Allein wenn er daran dachte, wie langsam er vorankam, musste er vor Wut die Zähne zusammenbeißen.

Er dachte daran, wie viele Hinweise sich als falsch erwiesen hatten. Wie viele Wege er gegangen war, die ins Nichts geführt hatten. Wie viele Tage er damit verbracht hatte, Gerüchten hinterherzujagen, an denen letzten Endes doch nichts dran gewesen war.

Das Glutamulett war in unzählige Splitter zerbrochen und über die ganze Welt verstreut – und er war ein einzelner Mann, der durch Sümpfe watete, weil ein sturzbetrunkener Händler nicht in der Lage gewesen war, auf dem Weg zu bleiben.

Er presste die Kiefer zusammen und ging weiter, denn er hatte keine andere Wahl. Seit vier Jahren kannte er nur ein einziges Ziel. Ein Ziel, das ihn alles vergessen lassen sollte und mit der er hoffentlich die Vergangenheit aus seinem Gedächtnis löschen konnte. Denn er musste vergessen, was damals passiert war. Was er getan hatte… alles würde sich ändern, wenn er nur endlich sein Ziel erreichen würde.

Das Wasser wurde tiefer, je weiter er vorankam. Bald reichte es ihm bis zur Hüfte, kalt und schwer, und er hob den Seesack an, um ihn trocken zu halten. Dabei fiel sein Blick auf die schwarze Wasseroberfläche, in der sich sein Spiegelbild abzeichnete. Darin sah er einen jungen Mann, fang zwanzig mit pechschwarzen Haaren, und purpurne Augen. Manch einer hätte ihn sicher als attraktiv bezeichnet, doch Tares scherte sich nicht um solche Dinge. Er hatte keine Zeit sich um Belanglosigkeiten zu kümmern. Er setzte seinen Weg fort, ohne seinem Spiegelbild weitere Beachtung zu schenken.

Zwischen den Bäumen hingen Nebelschwaden, die sich langsam, wie lebende Wesen bewegten. Ein morscher Baumstumpf ragte aus dem Wasser. Auf ihm befand sich eine Schlange, die sich zu einem Knäul zusammengerollt hatte und ihn mit glänzenden Augen beobachtete, als er vorbeizog.

Die Schlange beachtete ihn nicht weiter und auch er schenkte ihr keine Aufmerksamkeit mehr, denn die Steine an seinem Anhänger blieben weiß.

Tares suchte nach Spuren: Radrillen im Schlamm, zerbrochenen Ästen, irgendetwas, das darauf hindeutete, dass hier jemand mit einem Karren durchgebrochen war, weit abseits des Weges, betrunken und ohne Orientierung. Es war keine leichte Aufgabe. Der Sumpf schien alles zu verschlucken, was lange genug stillstand.

Nach einer Weile stieß er auf einen umgestürzten Baum, der halb ins Wasser gesunken war. An der Rinde hingen Fetzen von etwas, das vielleicht einmal ein Stück Stoff gewesen sein mochte. Tares blieb stehen, untersuchte sie kurz und ließ sie fallen. Er schritt weiter.

Das Wasser flachte ab, und der Boden unter seinen Füßen wurde fester. Er bog um eine Gruppe eng stehender Bäume – und blieb abrupt stehen, als die weißen Steine an seinem Anhänger aufflackerten und sich langsam rot färbten. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Der Tag wäre sonst auch viel zu angenehm geworden.

Er griff hastig zu seinem Schwert, doch die Warnung war zu spät gekommen.

Das Wasser vor ihm brach auf, als wären die Tiefen des Sumpfes selbst lebendig geworden. Etwas Riesiges erhob sich: Ein Geflecht aus dicken, sehnigen Wurzeln schoss aus dem Wasser und streckte sich wie Tentakeln in alle Richtungen. Was sie trugen, verschlug Tares für den Bruchteil einer Sekunde den Atem. Aus ihrem Zentrum wuchsen lange, fleischige Stiele, und an jedem saß eine Schnappfalle, so groß wie ein Ochsenkarren: eine Venusfliegenfalle, ins Groteske verzerrt – und man konnte es so offen sagen: sie war verdammt ekelig.

Die gezahnten Ränder der Fallen glänzten nass im Licht, die Innenseiten waren blassrosa wie rohes Fleisch, und sie öffneten und schlossen sich gierig, als hätten sie bereits seinen Geruch aufgenommen. Die Kreatur bewegte sich mit einer Schnelligkeit, die absurd war für etwas ihrer Größe – die Wurzeln stießen sich vom Boden ab, zogen sich vorwärts, wie ein lebendiger Krake aus Fleisch und Holz.

Tares hielt sein abgebrochenes Schwert bereits in der Hand. Natürlich musste er hier an diesem Ort auf einen Asheiy treffen. Er hasste diese Wesen und wenn er dieses so anschaute, wurde ihm klar, dass er auch Pflanzen nicht allzu viel abgewinnen konnte – vor allem in diesem Moment.

Eine der Schnappfallen schoss auf ihn zu. Er tauchte unter dem Stiel hindurch, spürte den Luftzug der Zähne knapp über seinem Kopf, und riss sich auf der anderen Seite wieder hoch. Das Wasser explodierte um ihn herum, als eine zweite Falle ins Sumpfwasser schlug, dort wo er gerade noch gestanden hatte. Er wich weiter zurück und suchte Abstand. Anschließend wartete er, bis die nächste Falle auf ihn zu schnellte, und ließ dann die Klinge durch die Luft fahren – ein sauberer Hieb, der den fleischigen Stiel knapp über dem Ansatz trennte. Die Falle fiel ins Wasser und sank.

Doch sogleich wuchs sie nach.

Tares sah es aus dem Augenwinkel: Das abgetrennte Ende verschrumpelte, pulsierte, und aus dem Stumpf trieb innerhalb von Sekunden neues, dunkelgrünes Gewebe, das sich aufrollte und streckte. Die neue Falle war kleiner als die alte – aber nur für einen Herzschlag lang. Dann hatte sie ihre ursprüngliche Größe wieder erreicht, die Zähne bereit, der Hunger unverändert. Klasse. Dieses Teil war nicht nur ekelig, sondern scheinbar auch unsterblich. Die schlimmste Kombination seit Langem.

Eine Wurzel traf ihn in die Seite. Es war wie ein Schlag mit einem Baumstamm. Tares verlor den Boden unter den Füßen, flog durch die Luft und traf mit dem Rücken auf das Sumpfwasser. Der Schlamm schluckte ihn halb, das brackige Wasser drang ihm in Mund und Nase. Er riss sich hoch, spuckte, hustete, und sah die nächste Wurzel bereits auf sich zukommen. Er rollte sich zur Seite – aber zu langsam. Die Wurzel erwischte seinen Unterschenkel und schleuderte ihn erneut durch die Luft. Diesmal landete er auf allen Vieren, die Hände tief im Schlamm vergraben. Einfach nur widerlich. Aber offenbar wollte dieser Tag schlimmer und schlimmer werden.

Er stand auf. Die Kreatur ließ ihm keine Zeit zum Atemholen. Kaum war er auf den Beinen, peitschten zwei Wurzeln gleichzeitig auf ihn ein – er blockte eine mit der Klinge, die andere traf ihn an der Schulter und drückte ihn einen Schritt zur Seite. Es war nicht genug Kraft, um ihn zu werfen, aber reichte, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Er stolperte, fing sich, und hieb die Klinge in den nächstbesten Stiel.

Sie prallte ab.

Er versuchte es erneut, diesmal mit mehr Wucht, zielte auf eine dünnere Stelle. Wieder nichts. Das Geflecht der Wurzeln war zu dicht und zu hart. Das Holz – wenn man es überhaupt Holz nennen konnte – war so kompakt wie Stein. Die Klinge hinterließ nicht einmal einen Kratzer. Die Kreatur registrierte seine Versuche so, wie ein Ochse eine Fliege bemerkt – nämlich gar nicht.

Tares wich weiter zurück, duckte sich unter Schnappfallen hindurch, ließ sich ins Wasser fallen wenn es keine andere Möglichkeit gab. Er hatte keine Lösung. Noch nicht.

In diesem Moment stieß sein Rücken gegen etwas Hartes.

Ein Felsvorsprung, kaum größer als ein Tisch, ragte aus dem Wasser. Tares zog sich darauf, triefend nass und die Muskeln brennend. Er kniete auf dem Felsen und ließ seinen Blick über die Kreatur wandern, versuchte nachdenken, während die Schnappfallen ihm gierig nachjagten. Die Wurzeln waren unverwundbar. Die Fallen wuchsen nach. Es gab keinen Punkt, den er mit der Klinge erreichen konnte.

Der Asheiy folgte ihm auf den Felsen. Die Wurzeln griffen nach dem Stein, tasteten über seine Oberfläche, zogen die Masse der Kreatur näher heran. Tares wartete. Er ließ sie kommen. Und als sie direkt vor ihm stand, ließ er sich auf ein Knie sinken und presste seine flache Hand gegen den Fels.

Der blaue Stein an seinem Ring leuchtete auf.

Die Kälte schoss aus seiner Handfläche wie eine Welle. Sie breitete sich über den Felsen aus, fraß sich ins Wasser, kroch die Wurzeln des Asheiys hinauf, als wäre sie lebendig. Das Wasser um den Felsen erstarrte in einem einzigen Atemzug. Die Wurzeln wurden zu Eis, das Geflecht aus sehnigem Holz zu einer weißen, zersplitterten Skulptur. Die Schnappfallen hörten auf, sich zu bewegen. Die Kreatur stand still, eingefroren in der Bewegung des Angriffs, die gezahnten Mäuler halb geöffnet, die Innenseiten blassrosa und reglos.

Tares stand auf.

Er holte Schwung und trat mit aller Kraft gegen den Körper der Kreatur. Das Eis brach mit einem Laut wie splitterndes Glas, und der Asheiy kippte und stürzte kopfüber ins Sumpfwasser. Die Wurzeln ragten in die Luft wie die Beine eines toten Käfers, das Geflecht zuckte einmal kurz. Der Zauber verlor bereits an Wirkung, gleich würde sich der Asheiy wieder bewegen können.

Auf der Unterseite der Kreatur – da, wo die Wurzeln ihren Ursprung hatten, wo sie alle zusammenliefen in einem einzigen, verdickten Knoten – pulsierte etwas. Dunkelrot, feucht, im gleichmäßigen Rhythmus eines Herzschlags. Tares sprang, rammte sein abgebrochenes Schwert hinein, so tief er konnte, und zog es wieder heraus, noch bevor die Kreatur aufgehört hatte zu zucken. Ein letztes Beben lief durch das Wurzelgeflecht. Dann wurde es still.

Tares stand auf dem Kadaver des Asheiys, der langsam im Sumpfwasser versank, und stieg ab.

Anschließend watete er weiter.

Den Karren fand er eine gute Weile später, nachdem er sich durch Dickicht, Treibholz und knietiefes Wasser gekämpft hatte. Der Wagen war bis zu den Achsen im Schlamm versunken und hing schief zwischen zwei morschen Baumstümpfen, als hätte er sich dort zum Sterben hingelegt. Die Plane war zerrissen, die Kisten aufgebrochen, der Inhalt verstreut oder fortgeschafft. Was auch immer der Händler mit sich geführt hatte – jemand anderes hatte es schon gefunden.

Tares durchsuchte die Überreste trotzdem. Er hob jede Kiste an, öffnete jeden Beutel, tastete jeden Winkel und jeden Spalt ab, den der Karren noch bot. Er fand einen zerbrochenen Krug, ein aufgeweichtes Stück Leder, das einmal ein Schuh gewesen sein mochte, und drei Kupfermünzen, die im Schlamm lagen. Kein Fragment.

Er richtete sich auf und ließ den Blick noch einmal über die Überreste wandern. Er konnte es nicht glauben und zwang sich dazu, seine brodelnde Wut im Zaum zu halten. In all den Jahren der Suche war er Enttäuschungen gewöhnt, dennoch war es jedes Mal wieder hart aufs Neue festzustellen, dass eine Spur im Sande verlief.

Vorerst würde es also bei fünf Fragmenten bleiben. Aber eben nur vorerst. Er würde nicht aufgeben. Dafür war ihm sein Ziel zu wichtig. Er würde alles dafür geben, um alle Splitter zu finden und das Glutamulett zusammenzusetzen. Denn nur dann würde er Frieden finden und alles würde so werden, wie es ohnehin hätte sein müssen. Er könnte endlich alles andere hinter sich lassen und seine Vergangenheit abstreifen.

Er machte sich auf den Rückweg. Die Schläge der Wurzeln hatten allerdings ihre Spuren hinterlassen, wie er beim Gehen spürte. Tares fühlte eine stumpfe Schwere in der Seite, die sich bei jedem Schritt meldete. Außerdem hatte er eine steife Schulter und Schlamm in den Stiefeln, der bei jedem Schritt schmatzte.

Die Nebelschwaden, die vorhin noch träge zwischen den Stämmen gehangen hatten, hatten sich verdichtet, und das Licht, das ohnehin kaum durch das Blätterdach gedrungen war, wurde zusehends schwächer.

Er watete weiter, kämpfte sich durch ein Dickicht aus halbversunkenen Ästen, schob Algenteppiche zur Seite, kletterte über einen umgestürzten Baumstamm, der unter seinem Gewicht bedrohlich knackte. Dann, nach einer weiteren Ewigkeit, wurde der Boden fester. Das Wasser flachte ab, wich zurück, und zwischen den Bäumen wurde es heller.

Am Rand des Sumpfes sah er das Feuer.

Es war klein, kaum mehr als ein Flackern zwischen den Stämmen. Jemand hatte ein Lager aufgeschlagen. Stimmen trug der Wind keine herüber, aber das Feuer war da. Tares blieb stehen.

Er roch nach Sumpf und altem Blut. Seine Kleider klebten an ihm, schwer und kalt, und die Seite schmerzte bei jedem Atemzug. Er war müde auf eine Art, die sich in die Knochen setzt und dortbleibt.

Er wollte keine Gesellschaft. Er wollte nie Gesellschaft. Menschen stellten Fragen, brauchten Dinge, wollten reden, wollten wissen, wer man war und woher man kam und wohin man wollte. Er hatte keine Antworten, die er bereit war zu geben.

Aber das Feuer war warm. Er wog es einen Moment ab. Dann trat Tares aus dem letzten Schatten der Bäume und blieb am Rand der kleinen Lichtung stehen. Drei Männer saßen um die Feuerstelle, die Beine ausgestreckt, die Haltung nachlässig. Über den Flammen hingen an einem improvisierten Spieß mehrere Hühner, deren Fett zischend in die Glut tropfte. Der Geruch von gebratenem Fleisch traf Tares so unvermittelt, dass er einen Moment brauchte, um ihn einzuordnen.

Er musterte die Kerle. Ihre Kleidung war alt und geflickt, das Leder ihrer Westen rissig, die Stiefel durchgelaufen. Einer trug einen Hut, dessen Krempe auf einer Seite etwas herunterhing. Sie rochen nach Schweiß und Rauch und etwas Süßlichem, das Tares nicht genauer bestimmen wollte. Als der Mann mit dem Hut lachte, sah Tares seine Zähne – braun und lückenhaft, die verbliebenen steckten schief im Kiefer.

Keiner von ihnen wirkte wie jemand, mit dem man freiwillig Zeit verbrachte. Doch Tares war es wichtiger seine Kleidung zu trockenen. Die Gesellschaft von diesen drei widerlichen Kerlen würde er da schon irgendwie über sich ergehen lassen können.

Die Männer bemerkten ihn, als er bereits halb über die Lichtung war. Der Größte der drei – ein breiter Kerl mit einem Narbengewirr auf der linken Wange – fuhr hoch und legte instinktiv die Hand an den Gürtel, wo ein Messer steckte. Die anderen zwei folgten seinem Blick.

»Was willst du?« Die Stimme des Großen war rau, ohne jede Begrüßung darin.

Tares antwortete nicht sofort. Er trat noch zwei Schritte näher ans Feuer. Anschließend ließ er den Seesack von seiner Schulter gleiten und setzte sich. Nicht neben die Männer, sondern zwischen sie und das Feuer, nah genug an den Flammen, dass er die Hitze an seinem Gesicht spürte.

»Ich will mich nur etwas aufwärmen«, sagte er.

Der Große ließ die Hand am Messer. »Das ist unser Feuer.«

»Das darf es auch bleiben. Ich habe nicht vor, es zu stehlen.«

Schweigen. Die zwei anderen tauschten einen Blick. Der mit dem Hut lehnte sich vor und betrachtete Tares mit zusammengekniffenen Augen. »Du stinkst nach Sumpf«, sagte er.

»Ich weiß.« Er hätte gerne noch ein paar passendere Worte hinzugefügt, aber ihm war klar, dass er sich diese sparen konnte.

»Und du siehst aus wie jemand, der nichts Gutes im Schilde führt.«

Tares hob die Brauen. Es war schon seltsam, dass das ausgerechnet aus dem Mund von diesem Kerl kam. Aber er ignorierte ihn, zog stattdessen den Seesack zu sich heran und bettete den Kopf darauf. Die Wärme des Feuers kroch langsam durch seinen triefenden Mantel, und er schloss die Augen. »Dann sind wir uns ähnlich«, sagte er.

Der Große machte einen Schritt auf ihn zu. »Ich dulde keine Diebe an meinem Schlafplatz. Ich seh's dir an. Diese Augen, dieser Mantel. Du bist hier, um zu klauen.«

Tares öffnete ein Augenlid.

Er ließ seinen Blick über die drei Männer wandern – über ihre abgewetzten Waffen, die prallen Taschen, die aufgestapelt hinter ihnen lagen und schließlich über die Hühner am Spieß. Fette, wohlgenährte Hühner. Er sah wieder zu dem Großen.

»Ihr seht nicht aus wie Bauern«, sagte er. »Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass dies hier nicht eure Hühner sind.«

Der Mann mit dem Hut lachte, was schnell wieder abbrach, als der Große ihn anblickte. Der Dritte, ein schmaler Kerl mit einem Ziegenbart, starrte Tares mit einem Ausdruck an, der irgendwo zwischen Angriffslust und Unsicherheit schwankte.

»Was willst du wirklich?«, fragte der Große.

»Ich habe es gesagt.« Tares schloss das Auge wieder. »Das Feuer. Eine Stunde, vielleicht zwei. Bis meine Kleider trocken sind. Abseits vom Sumpf-Gestank werdet ihr kaum merken, dass ich da bin.« Mehr sagte er erst mal nicht. Er lag still, die Hände auf dem Bauch gefaltet, und wartete.

Es folgten mehrere Sekunden des Murmelns und des Zischens. Tares hörte alles. Er hörte, wie sie so leise flüsterten, dass sie sicher waren Tares könnte es nicht hören.

»Heute lief es gut«, sagte der mit dem Hut. »Besser als die letzten drei Male zusammen.«

»Der Bauer hat nicht lange gefackelt.« Das war der Ziegenbart. Er klang zufrieden. »Kaum, dass wir die Tochter angeschaut haben, schon hat er den Beutel rausgeholt.«

»Klug«, sagte der Große. »Nicht alle Bauern sind so vernünftig.«

»Der hat Silber gehabt. Echtes Silber. Wer hätte das gedacht, bei dem zerstörten Dorf, in dem er hockt.«

»Vermutlich stammt es noch von früher. Vor dem Angriff.« Der Große gähnte. »Egal. Jetzt ist es unseres.«

Tares lag still. Er atmete gleichmäßig. Hinter seinen geschlossenen Lidern hörte er gespannt zu und sog die Informationen auf.

»Schade eigentlich«, sagte der mit dem Hut nach einer Weile. »Also die Tochter…«

Der mit dem Ziegenbart schnaubte. »Was ist mit ihr?«

»Na, was schon?« Der Kerl mit dem Hut warf einen Knochen ins Feuer. »Sie ist hübsch und jung. Der Alte hat sie kaum aus den Augen gelassen. Als hätte er Angst, wir würden sie auffressen.«

»Hätte ich auch«, räumte Ziegenbart ein, und lachte.

»Wir kommen ja wieder«, stellte der Große klar. »In ein paar Tagen statten wir ihnen nochmal einen Besuch ab. Der Bauer hat bestimmt noch mehr, wenn man ihn richtig anfasst.«

»Der Sohn macht mir allerdings Sorgen«, sagte der mit dem Hut. »Habt ihr den gesehen? Steht in der Tür, Arme wie Baumstämme und sieht aus als könnte er uns alle drei umwerfen.«

»Aber er hat keinen Finger gerührt«, wandte der Große trocken ein.

»Diesmal nicht. Aber beim nächsten Mal weiß er, was kommt. Männer wie der fassen irgendwann Mut, wenn man ihnen genug Zeit lässt.«

„Dann lassen wir ihm keine Zeit. Wir kümmern uns zuerst um ihn. Sobald er tot ist, ist der Weg frei, und der Alte kann zusehen.«

Der mit dem Hut lachte. Der Ziegenbart stimmte ein.

Das Lachen hallte kurz zwischen den Bäumen, dann verebbte es, und das Feuer knisterte weiter.

Tares lag still und sagte nichts, seine Augen blieben geschlossen. Er wartete, bis das Lachen abebbte, bis die Stimmen leiser wurden, und schließlich ganz aufhörten. Irgendwo grunzte einer der Männer im Halbschlaf. Die Hitze der Flammen hatte Tares' Mantel inzwischen halb getrocknet, und er spürte, wie sich die Schwere des Tages in seine Glieder senkte.

Doch er schlief nicht. Er lauschte den Atemzügen der Männer, die noch immer unregelmäßig und nicht sonderlich tief waren. Er hörte das ferne Rascheln der Bäume im Wind und das gleichmäßige Knacken des Holzes, das zu Glut wurde.

Er vernahm auch, wie sich jemand bewegte. Das vorsichtige Verschieben von Gewicht, das Schaben einer Sohle auf dem Boden. Zu leise für jemanden, der einfach aufstand, um Wasser zu lassen.

Tares spürte die Veränderung in der Luft, das leichte Absinken der Wärme auf seiner linken Seite, als ein Körper den Raum zwischen ihm und dem Feuer betrat.

Er rollte sich zur Seite.

Das Messer traf den Boden dort, wo seine Brust gewesen war. Tares war bereits auf den Beinen. Der Mann – der Ziegenbart, wie er jetzt sah - starrte ihn mit aufgerissenen Augen an, den Dolch noch in der Faust. Er stürmte vor.

Für Tares war es ein Kinderspiel. Der Griff des Mannes um den Dolch war falsch – die Finger zu weit oben, der Daumen in der falschen Position, die Handgelenksbeuge ungeschützt. Die Deckung fehlte vollständig.

Er ließ den Mann näherkommen und schlug gegen das Handgelenk des Angreifers. Der Dolch flog in einem Bogen durch die Luft. Im selben Moment fuhr Tares mit dem Ellenbogen zurück, dann nach vorne, traf den Mann an der Nase, und Ziegenbart sackte in sich zusammen wir ein nasses Tuch.

Die anderen zwei waren auf den Beinen.

Der Große hatte das Messer am Gürtel bereits in der Hand, der mit dem Hut griff nach einer Keule, die quer neben den Taschen gelegen hatte. Tares sah sie kommen und wartete. Er war müde. Das war die Wahrheit. Seine Seite schmerzte noch, seine Schulter war steif, und er hätte die nächsten paar Stunden deutlich lieber auf dem Boden verbracht als wieder kämpfen zu müssen. Aber das hier würde nicht lange dauern.

Der Große kam zuerst. Er hielt das Messer und stürmte damit auf Tares zu. Der trat zur Seite, ließ ihn an sich vorbeikommen, fasste den ausgestreckten Arm und benutzte den Schwung des Mannes gegen ihn selbst. Der Große stolperte, verlor das Messer, und bevor er sich wieder aufgerichtet hatte, hatte Tares ihm die flache Hand gegen das Ohr geschlagen. Der Mann taumelte und landete auf den Knien.

Der Typ mit dem Hut stand drei Schritte entfernt, die Keule noch in der Hand, und sah abwechselnd auf seine Kameraden auf dem Boden, dann wieder zu Tares. Er ließ seine Waffe sinken.

»Wir gehen«, sagte er. Seine Stimme klang seltsam ruhig.

Der Große rappelte sich auf, ohne ein Wort zu sagen. Er stützte sich an einem Baumstamm ab, schüttelte den Kopf, trat dann auf Ziegenbart zu, fasste ihn unter den Armen und zog ihn hoch. Dieser stöhnte und hielt sich die Nase. Blut lief durch seine Finger.

Es gab keine Drohungen, kein letztes Aufbäumen. Sie sammelten sich, schnappten sich die Taschen, doch da trat Tares warnend auf sie zu und sie ließen den Rest panisch liegen. Sie rannten los und versuchten so schnell wie möglich wegzukommen. Nach kurzer Zeit waren sie nicht mehr zu hören.

Tares schaute zum Feuer. Es würde noch eine Weile brennen. Die Banditen würden nicht zurückkommen. Zumindest nicht heute Nacht. Er holte sich die Tasche, die die Kerle liegen gelassen hatten und machte es sich wieder vor den Flammen bequem.

Er schlief nicht – nicht richtig zumindest. Er döste, in diesem halbwachen Zustand, den er in den letzten Jahren perfektioniert hatte, in dem sein Körper ruhte, während sein Bewusstsein noch weiter wachte, leise und gleichmäßig, wie ein Tier, das auch im Schlaf auf Geräusche reagiert. Keine weiteren Schritte kamen aus dem Dunkel. Das Feuer brannte herunter.

Als das erste Grau des Morgens am östlichen Himmel auftauchte, öffnete Tares die Augen.

Er klopfte den Mantel ab und befühlte die Seite, wo die Wurzel ihn getroffen hatte. Sie war geschwollen, druckempfindlich, aber immerhin schien nichts gebrochen zu sein. Er hatte schon Schlimmeres erlebt.

Er zog den Mantel wieder an und zog nun die Tasche heran. Jetzt bei Tageslicht konnte er sie durchsuchen.

Tares öffnete den Lederbeutel. Darin befanden sich Silbermünzen, ein paar Löffel und ein kleiner Leuchter.

Es war klar, dass es sich hierbei um das Diebesgut des Bauern handelte.

Tares betrachtete den Beutel in seiner Hand. Er hatte gewiss keine reine „Seele“. Er verschwendete keine Energie damit, sich etwas anderes einzureden. Er hatte Dinge getan, die er nicht bereute - weil Reue ein Luxus war, den er sich nicht leisten konnte und er würde weiterhin alles tun, was nötig war, um sein Ziel zu erreichen.

Aber er war auch kein Scheusal. Zumindest nicht auf die Art, wie diese drei Männer es waren.

Er wog den Beutel in der Hand. Er war schwer.

Dann steckte er ihn in den Seesack, warf diesen über die Schulter, und machte sich auf den Weg.

Der Morgen war kühl und die Luft klar. Tares besah sich die Spuren am Boden und folgte ihnen. Sie führten ihn zum Waldrand, wo er auf einen Pfad stieß, der breit genug für einen Karren war. Er ging diesen westwärts weiter. Die Spuren sagten ihm, dass die Banditen von dort gekommen waren.

Er dachte an den Bauern, der in dem zerstörten Gebiet geblieben war, auf seinem Stück Land, mit seiner Tochter. Der sein Silber hergegeben hatte, damit ihr kein Leid geschah und der in den nächsten Tagen wieder Besuch bekommen würde.

Tares kannte solche Männer. Er hatte selten Zeit für sie, und noch seltener Interesse an ihren Geschichten.

Der Weg vor ihm war lang, und es gab keine Garantie, dass der nächste Hinweis besser war als der letzte.

Die Bäume standen hier enger, die Wurzeln griffen über den Pfad wie Finger, die ihn aufhalten wollten. Das Licht fiel schräg durch das Blätterdach, noch weich vom frühen Morgen, und warf lange Schatten über den Boden.

Die Spuren der Banditen waren leicht zu lesen. Sie hatten es nicht eilig gehabt, als sie hierhergekommen waren. Sie lagen tief und breit, das Schritttempo war demnach entspannt gewesen.

Er folgte dem Pfad durch eine Senke, in der ein Bach verlief. Tares kniete kurz nieder und wusch den letzten Sumpfschlamm von den Händen. Dann stand er auf und ging weiter.

Der Morgen verging.

Der Wald wechselte seinen Charakter, je weiter er sich vom Sumpf entfernte. Die knorrigen Sumpfbäume mit ihrem hängenden Moos wichen älteren, geraderen Stämmen.

Gegen Mittag wurde der Wald lichter. Die Bäume standen weiter auseinander, und zwischen den Stämmen sah er Felder, die sich andeuteten.

Tares hörte das Dorf, bevor er es sah. Oder vielmehr: Er hörte, was von ihm übrig war. Den Wind, der durch zerbrochene Fensterrahmen strich. Das Knarren von etwas Lockerem, das sich im Luftzug bewegte. Kein Hammerschlag, kein Stimmengewirr, kein Alltagslärm.

Dann trat er aus dem Wald, und sah es.

Es war kein Brand gewesen. Das war ihm sofort klar. Brandschäden sahen anders aus, rochen anders und hinterließen andere Muster. Feuer fraß von innen nach außen. Was hier geschehen war, hatte von außen nach innen gearbeitet.

Wände waren mit einer Kraft eingetreten worden, die die Balken hat splittern lassen. Ein Dach war nach innen durchschlagen, als wäre etwas Schweres darauf gefallen oder hindurchgestoßen worden.

Tares kannte diese Art von Schäden.

Er hatte sie gesehen, in anderen Dörfern, in anderen Ländern. Er hatte sie gesehen und war weitergegangen, weil es nichts zu tun gab, wenn man zu spät kam.

Das hier war die Arbeit von etwas, das kein Werkzeug oder eine Waffe benötigt hatte, um diese Verwüstung anzurichten.

Ein Nephim.

Er trat in das Dorf.

Auf den Straßen, Wegen und Wiesen lagen die Überreste von allem, was sich einmal in den Häusern befunden hatte: Zerbrochenes Geschirr, ein Tisch, der zur Hälfte aus einer eingetretenen Wand ragte. Fetzen von Stoff, ausgeblichen und steif vom Regen. Ein Kinderschuh.

Tares ging an allem vorbei.

Das erste Haus auf der linken Seite hatte keine Tür mehr. Die Wand daneben war nach innen gewölbt, die Steine standen schief im Verbund und wirkten, als würden sie jeden Moment herausfallen. Im Inneren war das Dach eingestürzt, Balken lagen quer. Auf dem Boden sah er noch die Umrisse von dem, was einmal ein Bett gewesen war.

Nephim liebten den Kampf. Das war keine Übertreibung, keine Metapher für Aggressivität – es war eine biologische Wahrheit, so tief in ihrer Natur verankert wie Hunger oder Schlaf. Sie lebten dafür.

Die großen Städte hatten Verisells, ausgebildete Kämpfer, bewaffnet und gut bezahlt, sie konnten einen Nephim aufhalten - manchmal. Doch dieses Dorf hatte nur eine Holzpalisade gehabt, deren Reste Tares an der westlichen Seite des Dorfes noch sah – Pfähle, die nicht gebrochen, sondern herausgerissen worden waren, der Boden um sie herum war aufgewühlt.

Ein junger Nephim, dachte er. Die alten waren wählerischer und suchten sich würdigere Gegner. Orte wo der Kampf länger dauerte. Ein junger Nephim nahm, was er bekam. Ein kleines Dorf ohne Mauern, ohne Wächter, ohne echten Widerstand – es war Übung und ein netter Zeitvertreib.

Tares fragte sich, wie lang es wohl gedauert hatte?

Die Mühle stand am Bach, der das Dorf an seiner Südseite begrenzte. Das Mühlrad hing noch in seiner Halterung, aber ein Balken des Mühlhauses war durch das Dach gebrochen und nach innen gestürzt.

Die Töpferei daneben war kaum mehr als ein Trümmerhaufen. Die Schmiede aber sah zu Tares´ Überraschung anders aus. Sie befand sich am östlichen Ende der Dorfstraße, und sie stand noch. Das Gebäude war natürlich nicht unversehrt. Eine Wand hatte Risse, ein Fensterladen hing schief, aber jemand hatte begonnen, sie wieder herzurichten. Neue Bretter lagen bereit, aufgestapelt an der Seite. Ein Riss in der Wand war mit frischem Mörtel geflickt worden. Das Dach hatte einen neuen Flicken aus hellem Holz, der wie ein Pflaster wirkte über dem älteren Gebälk.

Tares blieb kurz davorstehen.

Jemand hatte entschieden, dass die Schmiede als erstes wieder funktionsfähig sein musste. Das war eine pragmatische Entscheidung. Ohne Schmiede keine Werkzeuge, ohne Werkzeuge kein Wiederaufbau. Er erkannte die Logik darin. Aber er bemerkte auch, wie viel Arbeit noch fehlte.

Er ging weiter, durch das Dorf hindurch, bis die Häuser aufhörten und die Felder begannen.

Das Land hinter dem Dorf war flach und weit, und es war bestellt. Die Furchen lagen ordentlich und der Boden war dunkel. Zwei Ochsen zogen einen Pflug, hinter diesem gingen zwei Männer.

Der eine war alt. Tares sah es an der leicht gebeugten und beschwerlichen Haltung, mit der der Mann sich fortbewegte. Er hatte weiße Haare und einen breiten Rücken. Er hielt die Zügel der Ochsen und sprach leise auf sie ein.

Der andere war jung – zwanzig vielleicht. Er war groß, breit, und man sah ihm an, dass er körperliche, harte Arbeit gewohnt war.

Der Alte bemerkte Tares als erstes. Er hob den Kopf, sagte etwas zu den Ochsen, und die Tiere blieben stehen. Der andere Mann richtete sich auf und sah Tares mit einem Ausdruck an, der irgendwo zwischen Vorsicht und Abwarten schwankte.

Tares ignorierte ihn und ging auf den alten Bauer zu.

Er zog den Beutel aus dem Seesack und warf ihn vor dessen Füße.

Der Beutel landete mit einem schweren, metallischen Laut im Erdreich. Der Alte sah den Beutel an, dann zu Tares. Anschließend bückte er sich langsam. Er öffnete den Beutel, sah hinein, und schwieg einen Moment.

»Das ist meins«, sagte er schließlich. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

»War es«, erwiderte Tares.

Der alte Mann schloss den Beutel wieder und richtete sich auf. In seinem Gesicht arbeitete es, dann sagte er: »Was willst du dafür?«

»Informationen.«

Der Bauer blickte ihn noch einen Moment an. Dann warf er den Kopf zurück und lachte.

Es war kein kurzes Lachen, kein höfliches Schmunzeln – es war ein volles, lautes Dröhnen, das aus dem Bauch kam und den ganzen Körper schüttelte.

»Informationen!« Der Mann wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. »Du hast dich durch den halben Wald geschleppt, dem Diebesgesindel meinen Beutel abgerungen, und bringst mir diesen nun zurück für ein paar Informationen?!« Er schüttelte den Kopf, noch immer grinsend. »Dann bist du ein noch viel größerer Narr als ich, Fremder. Und ich habe beschlossen ein zerstörtes Dorf wiederaufzubauen, also ist das schon eine große Leistung.« Er streckte die Hand aus. »Beromund. Und das dort ist mein Sohn Halvar.«

Tares sah zu Halvar. Der junge Mann nickte knapp.

»Tares«, sagte er, und schüttelte Beromundes Hand.

»Gut.« Der Bauer steckte den Beutel ein, als wäre die Sache damit geregelt. »Dann komm erst mal ins Haus. Dort kannst du mir genauer erklären, was du von mir erwartest. Miraja hat gekocht, und du siehst aus, als hättest du seit längerem nichts Vernünftiges gegessen.« Er musterte Tares von oben bis unten. »Außerdem riechst du, als hättest du im Sumpf übernachtet.«

»Nicht direkt«, erwiderte Tares. »Ich habe nur kurz darin gebadet. Unfreiwillig … mehrfach.«

Der Bauer schüttelte amüsiert den Kopf und schritt voran. Das Haus stand am südlichen Rand des Dorfes, abseits der schlimmsten Zerstörung. Es war kein großes Gebäude, aber es stand noch. Die Risse in der Außenwand waren geflickt, das Dach an zwei Stellen ausgebessert, die Tür neu eingehängt. Im Vergleich zu dem, was Tares im Rest des Dorfes gesehen hatte, war es fast behaglich.

Beromund öffnete die Tür, ohne anzuklopfen. »Miraja! Wir haben Besuch.«

Der Geruch traf Tares, bevor er die Schwelle übertreten hatte. Etwas Warmes, Herzhaftes – Fleisch, Kräuter, Brot. Sein Magen meldete sich.

Die junge Frau, die sich vom Herd umdrehte, war recht hübsch. Dunkle Haare, die sie zurückgebunden hatte, ein offenes Gesicht, das rot anlief, als sie Tares sah. Sie war vielleicht siebzehn oder achtzehn.

»Oh«, sagte sie. »Ich bin nicht sicher, ob ich genug für alle…«

»Es reicht für vier«, sagte Beromund und hängte seinen Mantel an den Haken neben der Tür. »Du kochst immer für eine ganze Armee.« Er setzte sich an den Tisch, als wäre die Diskussion damit beendet. »Das ist Tares. Er hat unser Silber zurückgebracht.«

Mirajas Augen weiteten sich vor Überraschung. Sie schaute auf den Beutel, den ihr Vater auf den Tisch stellte, dann wanderte ihr Blick verblüfft zu Tares . »Wie hat er das geschafft? Die Kerle waren zu dritt und…«

Beromund klopfte auf den Tisch. »Jetzt essen wir erst einmal.«

Halvar war hinter Tares eingetreten und schloss nun die Tür. Er wirkte in dem kleinen Raum noch größer als draußen auf dem Feld. Halvar musste den Kopf leicht neigen, um den Türrahmen zu passieren. Er setzte sich auf die Bank neben seinen Vater, legte die Hände auf den Tisch, und schwieg. Als Tares ihm gegenüber Platz nahm, nickte er erneut und sah dann auf die Tischplatte.

Das Essen war so gut wie es gerochen hatte. Miraja hatte einen Eintopf mit Fleisch und Kräutern gekocht, die Tares nicht benennen konnte. Dazu gab es Brot, dessen Kruste noch warm war. Miraja stellte alles auf den Tisch. Als ihre Augen Tares für einen Moment trafen, sah sie schnell wieder beiseite.

Beromund wartete, bis alle Schüsseln voll waren und alle zu essen begonnen hatten. Dann blickte er Tares an.

»Du hast unser Dorf ja mit all seinen Schäden gesehen. Es war ein Nephim«, erklärte er, ohne dass Tares gefragt hatte. »Morgens, als der Nebel noch nicht abgezogen war. Wir haben ihn erst gehört, dann gesehen.« Er brach ein Stück Brot ab. »Er war jung, würde ich sagen. Er hat nicht lange gebraucht – ist einfach durchs Dorf, hat eingeschlagen und getötet, was ihm im Weg war, und ist dann wieder verschwunden. Als würde ihn das alles irgendwann nur langweilen.«

»Wie viele sind gestorben?«, fragte Tares.

»Siebenundzwanzig. Sie zu begraben hat drei Tage gedauert.« Er blickte auf seinen Eintopf. »Wir waren zweiundvierzig, vorher.«

Miraja rührte mit dem Löffel in ihrer Schüssel herum. Halvar aß schweigend.

»Die meisten sind danach gegangen«, fuhr Beromund fort. »Ich verstehe es. Wir sind schon öfters Opfer von Banditen und solchem Gesindel geworden. Auch Asheiys hatten sich schon in unsere Wälder verirrt. Aber noch nie ein Nephim. Es war der Tropfen, der das Fass für viele zum Überlaufen gebracht hat. Sie wollten nur noch weg. Es ist keine Schwäche, sondern eher Vernunft. Aber das hier ist der Hof meiner Familie. Dieser Boden ist gut. Zwischen den Bergen liegt das Tal geschützt, das Wasser kommt das ganze Jahr. Früher kamen Reisende, übernachteten hier oder deckten sich mit Proviant ein. Der ein oder andere blieb sogar und siedelte hier an. Es kann so wieder werden, davon bin ich jedenfalls überzeugt.« Erneut blickte er Tares an und da war etwas in seinem Blick, das sich nicht genau deuten ließ. Es war ein unstetes Flackern, ein aufgeregtes Glimmen. »Ich bin ein alter Mann, und kann das Dorf nicht allein aufbauen. Aber ich kann anfangen, und dann sehen wir weiter.«

Tares musterte den Bauern und erklärte dann: »Im Sumpf östlich von hier habe ich einen Karren gefunden. Er ist im Schlamm bis zu den Achsen stecken geblieben. Alles darin war fort. Der Karren gehörte einem Händler aus Palesia.«

Mirajas Kopf hob sich. Ihre Augen leuchteten auf. »Ja, Theorix hat…«, begann sie.

»Theorix hat sich tatsächlich oft in diesem Sumpf herumgetrieben«, sagte Beromund, und seine Stimme war freundlich, aber bestimmt. Er sah seine Tochter einen Moment an, dann Tares. »Er hat Frösche gesammelt. Der Narr hat sie so gerne gegessen. Ich habe es nie verstanden. Aber warum interessiert dich dieser Wagen?«

»Weil sich darin etwas befindet, nachdem ich suche. Es ist der Splitter eines Amuletts.«

»Leider kann ich dir über den Karren im Sumpf kann ich nichts sagen«, sagte Beromund. »Nichts, was dir nützen würde.«

Tares sah deutlich, wie Miraja den Mund öffnen wollte, um noch etwas zu sagen, aber ihr Vater kam ihr zuvor. »Ich bin dir dankbar, mehr als ich sagen kann. Du hast uns etwas zurückgebracht, von dem wir niemals gedacht hätten, es je auch nur wiederzusehen. Ich würde dir gerne etwas zurückgeben, aber ich habe keine nützlichen Informationen für dich.«

Tares musterte ihn kurz. »Ich verstehe«, sagte er.

»Ich glaube es zwar nicht, aber vielleicht fällt mir oder einem meiner Kinder doch noch etwas ein, das dir helfen kann. Erst mal kannst du hier bleiben und dich ausruhen. Wir haben ein frisches Bett für dich und Miraja kocht wirklich ausgezeichnet, wie du ja bereits feststellen konntest.« Beromunds Blick wanderte an Tares entlang. »Und diese Kleider…« Er wandte sich an seine Tochter. »Wärst du so nett, die Sachen bitte zu waschen?«

Miraja nickte sofort.

Tares wollte ablehnen. Es war sein erster Impuls, wie immer – kein Dank, keine Schulden, keine Nächte unter fremden Dächern mit fremden Menschen, die Fragen stellen und Erwartungen haben. Er öffnete den Mund.

Dann sah er auf seinen Mantel. Er roch nach Sumpf, nach altem Blut und nach Rauch. Seine Seite schmerzte noch immer und er hatte seit Tagen nicht richtig geschlafen. Außerdem spürte er deutlich, dass hier vielleicht doch noch was für ihn zu erreichen war.

»Ich nehme das Angebot gerne an. Danke.«

Beromund lächelte und nickte. »Dann bis morgen früh.«

Miraja nahm eine Kerze vom Tisch und bedeutete Tares ihr zu folgen. Die Treppe zur oberen Etage war schmal, das Holz knarzte unter jedem Schritt.

Das Zimmer war klein. Ein Bett, ein Stuhl, ein Fenster, das auf der Seite zum Feld hin lag. Alles war sauber und ordentlich. Tares stellte den Seesack in die Ecke und sah sich kurz um.

»Es ist nicht viel«, sagte Miraja. Sie stand in der Tür und hielt die Kerze vor sich. »Aber das Bett habe ich erst frisch bezogen.«

»Danke, es ist alles da, was ich brauche«, sagte Tares.

Sie nickte und wich kurz seinem Blick aus. »Ich sollte die Kleider zum Waschen mitnehmen. Wenn du sie…« Miraja machte eine unbestimmte Handbe-wegung in seine Richtung.

Tares zog den Mantel aus und reichte ihn ihr. »Ich warne dich lieber der Mantel hat verdammt viel Sumpf gesehen.«

Sie nahm ihn mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Belustigung und echtem Bedauern für das Kleidungsstück pendelte. Er zog die Stiefel aus.

»Ich wasche auch gerne den Rest für dich.«

Tares zögerte kurz. Er hatte keine Probleme damit sich auszuziehen und war froh, wenn er endlich wieder saubere Sachen hatte. Dennoch würde er zumindest sein Oberteil anbehalten müssen. Da gab es keine andere Option, auch wenn er dann auf ein sauberes Hemd verzichten musste. Aber das Risiko konnte er nicht eingehen.

Miraja sah auf den Stapel in ihren Armen, dann auf das Hemd, das er noch trug.

»Das Hemd sollte ich wohl auch nehmen. Gibst du es mir?« Sie grinste, als sie sein Zögern bemerkte. Ihre Schüchternheit verfolg für einen Moment. »Da ist nichts, was ich nicht schon gesehen hätte.«

»Das bezweifle ich«, erwiderte er, ohne jede Schärfe in seiner Stimme. »Und ich erspare uns beiden die Erfahrung.«

Sie würde ihn mit anderen Augen sehen – so viel stand fest. Sie glaubte, sie würde es nicht, doch Tares wusste es besser. Dass er sein Hemd anbehielt, war für sie beide unabdingbar.

Miraja musterte ihn noch einen Moment, nickte dann aber. »Sind es Narben, die du nicht zeigen willst?«, hakte sie in sanftem Tonfall nach.

»Nicht ganz.«

Sie wartete darauf, dass er mehr erzählte, aber das würde nicht passieren.

»Ich frage nur weil du ein Krieger bist. Hast du auch mal gegen einen Nephim kämpfen müssen? Kommen daher die Narben?«

Er hörte ihre Frage und ihre Worte wirbelten in seinem Kopf umher und holten dort Bilder hervor, die er niemals wieder sehen wollte. Ob er schon mal gegen einen Nephim hatte kämpfen müssen – sie wäre überrascht über seine Antwort…

»Es sind keine Narben«, wiederholte Tares seine Worte. »Zumindest nicht die Art, die du meinst. Und es ist nichts, worüber ich rede.«

In ihrem Gesicht arbeitete etwas. Sie war offensichtlich noch immer neugierig und wollte mehr erfahren. Letztendlich entschied sie sich aber dagegen. Was Tares´ innerlich erleichtert aufatmen ließ.

Miraja trat einen Schritt zurück in Richtung Tür. »Ich wasche alles und lasse dir noch Sachen von Halvar bringen. Sie sind sicher zu groß, aber es ist bestimmt besser als nichts.«

»Danke«, erwiderte Tares.

Sie lächelte und trat einen Schritt zurück. Einen Moment stand sie noch in der Tür. Die Kerze flackerte, und in ihrem Licht sah Tares, wie ihr Blick kurz zu seinen Augen wanderte.

»Eine Frage noch«, rief er ihr nach. Sie hob den Kopf und schaute ihn an.

»Hat Theorix in dem Wagen um Sumpf gefunden?«, hakte er nach und ließ Miraja dabei nicht aus den Augen.

Sie zögerte einen Moment, dann sagte sie: »Ich weiß es leider wirklich nicht. Aber vielleicht fällt Vater noch etwas ein.«

»Du meinst, er hätte so einfach vergessen, wenn Theorix doch etwas gefunden hätte?« Tares schenkte ihr einen herausfordernden Blick. Sie senkte sogleich die Lider und meinte: »Ich bin sicher, Vater wird sich noch erinnern.« Sie schenkte ihm ein vorsichtiges Lächeln und fügte hinzu: »Es war nicht einfach für ihn. Er schläft schlecht, seitdem es passiert ist. Er sagt, es gehe ihm gut. Er lacht auch und macht Witze, aber nachts, da höre ich ihn manchmal. Er glaubt, wir schlafen alle. Der Seelenlose kam morgens. Ich habe ihn zuerst gehört. Dieses Geräusch – als ob Holz zerbricht. Aber es war viel zu laut. Ich habe Halvar und Vater geweckt. Vater meinte, wir sollten zur Höhle laufen oben am Nordhang. Wir kennen sie seit unserer Kindheit. Der Eingang ist schmal und gut versteckt. Dort sind wir hin und haben gewartet, bis es aufgehört hat. Wir und noch vier andere, die es rechtzeitig geschafft haben. Der Rest ...«, sie brach ab und sagte stattdessen: »Der Seelenlose war absolut erbarmungslos.«

Seelenlose. Tares hatte das Wort unzählige Male, von unzähligen Menschen gehört. Seelenlos war das, was die Menschen sagten, wenn sie Angst hatten und einen Namen brauchten, der die Angst fasste. Nephim war die andere Bezeichnung für diese Wesen.

Was wusste er schon über Seelen? Ob der Nephim eine hatte oder nicht – er konnte es nicht sagen und im Grunde spielte es auch keine Rolle. Diese Wesen waren grausam, so viel stand wohl fest und hatten ganz sicher kein Gewissen.

»Es war schwer für Vater«, fuhr Miraja fort. »Er hat Angst, dass dieses Dorf doch sterben wird und wir mit ihm. Wir brauchen dringend neue Leute, die hier mit uns leben uns alles aufbauen wollen. Nur dann haben wir eine Chance und können uns auch verteidigen, falls wir wieder angegriffen werden.«

»Die Diebe werden wiederkommen«, erklärte Tares. »Ich habe sie gehört.«

Miraja wirkte nicht überrascht. »Wir sind hier ein leichtes Ziel, das wissen wir. Dennoch ist es unser Zuhause und wir werden bis zum Schluss kämpfen und nicht aufgeben.«

Tares hatte mit keiner anderen Antwort gerechnet. »Ihr solltet euch gut vorbereiten und Fluchtwege bereithalten, denn ihr habt keine Chance gegen diese Kerle.« Er musste es so klar und deutlich aussprechen. Vielleicht drang er so zu ihr durch. Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln und nickte. »Ich werde dich nun besser schlafen lassen«, sagte Miraja in warmen Tonfall. Sie trat einen letzten Schritt zurück. »Ich bringe dir morgen das Frühstück rauf, wenn es dir lieber ist.«

»Ich komme runter.«

Sie lächelte warm. »Gut, dann wünsche ich dir eine erholsame Nacht.«

»Gute Nacht«, erwiderte er.

Sie verschwand die Treppe hinunter, und er hörte ihre gleichmäßigen Schritte auf dem Holz. Er setzte sich auf das Bett, legte das abgebrochene Schwert neben sich, und lehnte den Kopf gegen die Wand. Das Bett war bequem.

Er schloss die Augen, doch die Ruhe währte nicht lange.

Die Schritte, die nun auf der Treppe erklangen waren deutlich schwerer.

Tares öffnete die Augen, bevor die Hand an die Tür klopfte,

»Herein.«

Halvar kam in den Raum. Der riesige Kerl füllte das Zimmer regelrecht aus und wieder hielt er den Kopf leicht gesenkt, als hätte er die Angewohnheit erworben, sich kleiner zu machen als er war. In der Hand hielt er ein Kleiderbündel. »Miraja hat gesagt, ich soll dir ein paar Sachen zum Anziehen bringen.« Er sprach sehr leise und hielt eine Hose, sowie ein sauberes Hemd in den Händen.

»Danke dir, leg die Sachen gerne auf den Stuhl.«

Halvar tat wie geheißen und blieb dann stehen. Er sah auf das Schwert neben Tares – auf die abgebrochene Klinge und den sauberen Schliff. Er musterte es fachmännisch. »Ich verstehe ein wenig vom Schmiedehandwerk«, erklärte er. »Ovrill hat es mir gezeigt, bevor… nun ja du weißt, was passiert ist. Ich habe die Schmiede so gut ich konnte wieder hergerichtet. Das meiste fehlt noch, aber der Ofen geht wieder.« Er sah auf die Waffe. »Ich könnte mir dein Schwert ansehen. Vielleicht lässt es sich reparieren.«

»Ich weiß, dass du es gut meinst und helfen willst. Aber das ist nicht nötig. Mein Schwert ist perfekt so wie es ist.«

Halvars Stirn runzelte sich nachdenklich. Schließlich nickte er, auch wenn er offensichtlich nicht ganz verstand, warum Tares das Angebot einfach so ablehnte.

»Gut, dann wünsche ich eine gute Nacht. Bis morgen.«

Er zog die Tür hinter sich zu, und seine Schritte verklangen kurze Zeit später auf der Treppe.

Tares sah auf das Schwert und die abgebrochene Klinge.  Er hatte die Waffe seit Jahren. Länger als alles andere, dass er bei sich trug. Seit dem Tag, der alles verändert hatte. Er erinnerte sich nur äußerst ungern daran zurück. Zu viele Erinnerungen strömten dann über ihn und keine davon war gut. Er wollte all das endlich vergessen und hinter sich lassen. Er musste – es ging nicht anders. Aber dafür brauchte er das Amulett.

Tares löschte die Kerze und legte sich hin. Wenn er nur endlich das Glutamulett vervollständigen könnte. Dann würde sich alles ändern.

***

Der Morgen war klar und die Luft kühl und trocken. Tares hatte vor dem Aufstehen gehört, wie das Haus um ihn herum erwacht war – Mirajas Schritte in der Küche, das Klappern von Töpfen, das Quietschen der Hintertür. Seine Kleidung lag bereits sauber zusammengelegt vor seinem Zimmer. Er ging hinaus, ohne auf das Frühstück zu warten.

Beromund war bereits auf dem Feld.

Er pflügte noch nicht – er stand am Rand, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und sah mit nachdenklichem, aber auch zufriedenem Blick auf die Erde vor sich.

»Guter Boden hier«, sagte er, als Tares neben ihm trat. Er deutete auf die dunkle Erde zu seinen Füßen. »Siehst du die Farbe? Fast schwarz. Das ist alter, tiefer Boden. Was man hier sät, wächst auch.« Er kniete sich nieder, nahm eine Handvoll Erde auf, ließ sie zwischen den Fingern hindurchrieseln. »Mein Vater hat das gewusst. Sein Vater auch. Man muss nur zuhören, was die Erde einem sagt.«

»Ich weiß, worauf du hinaus willst«, sagte Tares.

Beromund richtete sich auf, klopfte die Hände ab.

»War ich so leicht zu durchschauen?«, wollte er wissen. Er holte tief Luft und atmete durch. »Gut, dann spar ich mir den Umweg.« Er drehte sich um und blickte Tares an. »Ich hatte gehofft, du schläfst, isst bei uns gut und erkennst dabei, was wir hier alles haben. Du könntest hier ein gutes Leben führen und eine Zukunft haben. Wir wären froh, dich bei uns zu wissen. Vielleicht willst du noch ein paar Tage bleiben und darüber nachdenken?«

Er wartete auf eine Reaktion von Tares, aber der schwieg. Also fuhr er fort: »Ich sage dir das alles nicht, um dir zu schmeicheln und meine Worte kommen gewiss nicht leichtfertig. Halvar und ich bestellen das Feld. Mein Sohn kann außerdem schmieden, nicht perfekt, aber er lernt. Miraja kocht und führt den Haushalt, und sie tut es gut – das hast du gestern Abend selbst gesehen. Doch die Banditen machen mir Sorgen. Mein Sohn ist stark, das stimmt. Aber er taugt nicht für den Kampf. Das ist keine Schwäche, so ist er nun mal. Aber jemand wie du würde diesen Männern nicht zweimal die Gelegenheit geben.«

Er wartete auf eine Reaktion von Tares und versuchte es dann weiter: »Miraja hat auch Interesse an dir, das konnte ich gestern Abend sehen. Sie mag dich auf jeden Fall. Ich dachte, es ist es wert, dir diesen Vorschlag zu unterbreiten.«

Tares schaute auf das Feld. Die Furchen lagen ordentlich. Es war die Arbeit von Männern, die wissen, was sie tun.

»Der Händler im Sumpf.«, griff Tares den Gesprächsfaden vom gestrigen Abend wieder auf. »Ich brauche das Fragment, dass er bei sich trug. Nichts anderes interessiert mich.«

Beromund seufzte schwer. »Ich habe befürchtet, dass du so etwas sagen würdest.« Er hing einen langen Moment seinen Gedanken nach, dann gab er schließlich nach: »Du hast mir meinen Besitz zurückgebracht, obwohl du den Beutel auch hättest behalten können. Ich bin es dir wohl schuldig. Miraja hat gestern ja bereits davon angefangen. Theorix war viel im Sumpf unterwegs, das stimmt. Er hat die Frösche wirklich wahnsinnig gerne gegessen, der Narr – hat sie gebraten, hat sie in Eintöpfe getan… Keiner von uns wollte es essen.« Er räusperte sich. »Jedenfalls hat er hat den Karren gefunden. Theorix hat die Sachen ins Dorf gebracht. Es ist aber längst alles weg, aufgebraucht oder verkauft, schon bevor der Nephim kam. Aber eines hat er behalten. Ein kleines Ding, hat er gesagt, sieht aus wie ein Stück Metall, mit einer Gravur, die er jedoch nicht verstand. Ich nehme an, es ist das, wonach du suchst?«

Tares nickte.

»Er wusste nicht, was es ist. Ich auch nicht. Aber er hat es aufgehoben, weil es sich nicht richtig anfühlte es wegzugeben. Als der Nephim kam, war Theorix bei uns und hat es zur Höhle geschafft. Er hat das Fragment dort gelassen. Zur Sicherheit, wie er meinte.« Er deutete mit dem Kinn in die Richtung des Hangs. »Der Eingang ist schmal und befindet sich zwischen zwei Felsen. Man sieht ihn kaum, wenn man nicht weiß, wo man suchen muss. Theorix ist nie zurückgegangen, um es zu holen. Nach dem Angriff hat er seine Frau und seine beiden Kinder begraben.« Beromundes Stimme blieb ruhig, aber sie wurde flacher, als würde ihm die Kraft ausgehen. »Einen Monat später ist er ihnen gefolgt. Freiwillig.« Er schluckte schwer. »Ich habe auch ihn begraben.«

Er sah auf den Hang. »Aller Wahrscheinlichkeit nach liegt dieser Amulett-Splitter also noch dort oben in der Höhle.« Er drehte sich um, doch Tares war bereits gegangen.

Tares hatte sich nicht verabschiedet. Er hatte nicht gewartet, bis Beromund den Satz beendet hatte.

Der Hang lag vor ihm und mit ihm hoffentlich das sechste Fragment. Nichts anderes zählte.

Er stieg den Hang hinauf, und ließ das Feld, sowie den Bauer und seine Familie zurück, ohne sich umzudrehen.

Er wusste, dass die Banditen vermutlich in ein paar Tagen wiederkommen würden und die Familie sich dann erneut in der Höhle würde verstecken müssen.

Sie werden es auf lange Sicht wohl nicht schaffen. Nicht zu dritt, nicht in diesem Dorf, nicht mit dem, was kommen würde. Das Leben dort unten würde erlöschen, langsam oder schnell, und er würde nicht dabei sein, wenn es passierte, denn seine Mission war eine andere.

Der Regen begann, kurz nachdem er den Hang halb erklommen hatte. Er kam ohne Vorwarnung. Tares zog den Mantel enger und ging weiter.

Der Nordhang war steiler als er von unten ausgesehen hatte. Das Unterholz wurde mit jedem Schritt dichter. Beromund hatte keine genaue Beschreibung gegeben, was bedeutete, dass er systematisch suchen musste.

Er arbeitete sich von West nach Ost, ließ seinen Blick über die Oberflächen wandern, suchte nach Spalten, nach Öffnungen, nach irgendetwas, das wie ein Eingang aussah.

Er fand nichts.

Der Regen wurde stärker. Das Wasser lief ihm in den Nacken und sammelte sich in den Falten des Mantels. Er ignorierte es und arbeitete sich weiter vor.

Dann sah er sie.

Sie kam aus dem Wald unterhalb von ihm – eine junge Frau, die sich ihren Weg durch das Unterholz bahnte mit der Unbeholfenheit von jemandem, der nicht weiß, wohin er geht. Ihre Kleidung war seltsam. Nicht fremd wie die Kleidung anderer Regionen, sondern fremd auf eine Art, die er nicht sofort benennen konnte. Zu glatt, zu gleichmäßig, als wäre sie nicht genäht, sondern irgendwie anders entstanden. Sie trug eine kurze Hose, die ihr bis über die Knie reichte, dazu ein enges Oberteil. Alles war vom Regen bereits durchnässt.

Er blieb still und beobachtete sie.

Sie suchte nach etwas. Das war offensichtlich. Sie hob den Kopf, schaute sich um, änderte die Richtung. Aber das Merkwürdige war: Sie suchte nicht blind. Sie suchte zielgerichtet, als würde etwas sie führen. Er erkannte es daran, wie sie stehen blieb, den Kopf leicht neigte, sich dann wieder in Bewegung setzte – die kleinen Korrekturen von jemandem, der einem Signal folgt.

Sie fand die Felsen. Die richtigen Felsen, zwischen denen der Eingang lag. Sie stand genau davor und schob einige Zweige beiseite. Die Höhle war dort.

Tares stand still im Regen und sah zu, wie sie hineinging.

Dann wartete er einen Moment, und folgte ihr schließlich.

Im Inneren war es dunkel, das Geräusch des Regens gedämpft. Er blieb kurz im Eingang stehen. Die junge Frau stand weiter hinten, dem Felsen zugewandt, und in der Dunkelheit sah er es: Ein metallisches Blitzen, das zwischen ihren Fingern hindurchdrang.

Sie hatte das Fragment bereits gefunden!

Er hätte hier stundenlang gesucht. Das war ihm sofort klar, und die Erkenntnis traf ihn mit der Präzision einer Klinge zwischen den Rippen. Diese Frau in ihrer seltsamen Kleidung hatte das Bruchstück innerhalb von Sekunden gefunden! Wie war das möglich?!

Er sah auf den Anhänger an seiner Brust. Die weißen Steine leuchteten nicht. Sie war weder Ascheiy, noch Nephim. Keine Bedrohung demnach – jedenfalls keine vor der ihn seine Kette warmen konnte.

Die Frau drehte sich um und verbarg sofort erschrocken das Fragment hinter ihrem Rücken. Ihr Gesicht war jung. Tares schätzte sie vielleicht auf achtzehn Jahre. Sie war nass vom Regen, die Haare klebten an ihrer Haut. Sie sah ihn erschrocken an, versuchte aber ihre Angst zu verbergen.

»Wer sind Sie?«

Er betrachtete sie. Die seltsamen Kleider, ihre Haltung – nichts davon passte. Sie war keine Händlerin, keine Bäuerin, keine Reisende aus einer der umliegenden Städte. Sie gehörte definitiv nicht hier her. Aber wer war sie? Und wie hatte sie den Splitter so schnell finden können? All seine Sinne sagten ihm, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte.

»Du hast da etwas, das mir gehört«, sagte er.

Sie hob die Brauen und schien nicht vorzuhaben ihm den Splitter so einfach zu überlassen. Wusste sie, was sie da gefunden hatte? Wenn ja woher?

»Es hat in der Felswand gesteckt. Demnach können Sie wohl kaum irgendwelche Besitzansprüche anmelden.« Sie klang entschlossen und ihre Augen funkelten ihn selbstsicher an.

»Mach es dir nicht schwerer als nötig. Ich kann recht ungemütlich werden«, erwiderte er und seine Stimme nahm einen drohenden Unterton an.

Sie hielt seinem warnendem Blick stand, öffnete aber die Faust. »Es ist wirklich schön.« Sie musterte das Amulett-Bruchstück. »Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Diese Wärme, die es aussendet, das gleißende Licht…« Ihre Augen verengten sich und sie reckte das Kinn. »Aber ich bin es, die es gefunden hat, darum steht es auch mir zu.«

Tares war sich einen Moment nicht sicher, ob er richtig gehört hatte. Konnte das sein?

Das gleißende Licht.

»Was soll das heißen, du würdest ein gleißendes Licht sehen?«, hakte er nach und seine Stimme klang rauer, als beabsichtigt.

Sie runzelte verwundert die Stirn. »Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.«

Er verdrängte die Ungeduld. »Was meinst du damit, dass sich der Splitter warm anfühlt und ein Licht ausstrahlt?«

»Na ja, es schimmert doch in einem warmen roten Schein. Vorhin, als ich im Wald war, habe ich das Strahlen bis dorthin gesehen. Nur so war es mir möglich die Höhle zu finden.« Sie warf ihm einen irritierten Blick zu. »Kannst du das etwa nicht sehen?« Sie war zum „Du“ gewechselt. Offenbar war sie der Meinung, dass sie nun lange genug höflich gewesen war.

Nein, er konnte es nicht sehen. Niemand den er kannte konnte solch ein Schimmern sehen. Die Fragmente strahlten keine Wärme aus, kein Licht, kein Signal – sie waren Stücke aus Metall mit eingravierten Linien. Die einzige Möglichkeit sie zu finden, bestand darin Hinweise zu sammeln, Informanten zu bezahlen und Gerüchten zu folgen. Eine aufwendige und extrem nervenaufreibende Suche voller Rückschläge.

Und diese Frau hatte das sechste Fragment in einer fremden Höhle sofort gefunden, weil sie einem Licht gefolgt war, das nur sie sehen konnte.

Demnach kann sie die Bruchstücke spüren? Der Gedanke formte sich langsam, klar und unausweichlich in ihm.

»Du wirst mir helfen«, beschloss Tares. »Ich habe keine Ahnung, woher du diese Fähigkeit hast, aber ich denke, damit wirst du mir mehr als nützlich sein.« Ein Grinsen formte sich auf seinen Lippen. Er warf ihr einen dunklen Blick zu. Diese seltsame Frau in ihrer noch eigenartigeren Kleidung, die mühelos ein Fragment des Glutamuletts gefunden hatte. Sie würde fortan das Mittel sein, das ihn zu seinem Ziel brachte. Nach so langer Zeit.

Vier Jahre hatte er gebraucht für fünf Fragmente. Und jetzt das. Jetzt, dachte er, fängt es an wirklich interessant zu werden. Mit ihrer Hilfe wird es mir gelingen. Sie muss nur mitspielen. Und Tares würde alles dafür tun, dass sie genau das tat.

Tares hat Jahre damit verbracht, niemanden an sich heranzulassen.

Zu viel steht auf dem Spiel. Zu viel ist verborgen.

Doch Gwen bringt etwas in ihm ins Wanken, das er längst unter Kontrolle glaubte.

Und je näher sie ihm kommt, desto gefährlicher wird es.

Denn manche Mauern wurden aus gutem Grund errichtet.

Erlebe, wie Gwen beginnt, das zu sehen, was Tares vor allen verbirgt – und warum sie es besser nie erfahren hätte: