Es ist kalt geworden. Schnee bedeckt die Straße, und ich muss höllisch aufpassen, dass ich auf dem glatten Untergrund nicht ausrutsche. Käme auch genau richtig – immerhin wäre das die Gelegenheit, mich nicht nur vor den Grünhexen, sondern auch den Sturmhexen zu blamieren.
Ich sehe zu meiner besten Freundin Lexie hinüber, die ebenfalls mit Bedacht einen Fuß vor den anderen setzt. Das ist aber auch ein Wetter heute, dabei wäre das Problem so leicht zu beheben. Aber bei etwas so Offensichtlichem wie Schnee dürfen die Sturmhexen nicht eingreifen – es könnte sich ja doch ein Mensch nach Rosehall verirren, und Sommertemperaturen mitten im Dezember könnten zu gewissen Fragen führen.
Mit amüsiertem Blick schaue ich zu, wie Lexie mit grimmiger Miene ihren Fuß streckt und den Schnee herunterzuschütteln versucht. Wir sind beide keine Wintermenschen. Von daher ist meine Vorfreude auf die Felder wohl verständlich.
Als wir hinter der großen Lagerhalle hervortreten, erblicke ich sie endlich. Weitläufig, in unendlich langen Reihen erstrecken sich die Felder vor uns. Dort wächst alles, was das Herz einer Grünhexe, wie ich es bin, sich wünschen kann. Jede Menge Kräuter, um machtvolle Tränke, starke Sude oder wertvolle Tees zu brauen. Hinzu kommen all die Gemüse- und Obstsorten, die von den Grün- und Sturmhexen gehegt und gepflegt werden, damit unsere Stadt sich davon ernähren kann. Es ist eine wichtige Aufgabe – nur eben nicht meins.
Ich bin noch nicht mal auf dem Feld angekommen, da spüre ich bereits, wie meine Augen zu jucken und meine Nase zu laufen beginnen. Beste Voraussetzungen für diese Exkursion. »Einfach ruhig bleiben, Adeline«, ermahne ich mich selbst. »Auch diesen Tag wirst du irgendwie überstehen.«
Ich schaue zu Mr. Lambold, der unseren Trupp aus jungen Grün- und Sturmhexen anführt. Heute hat er auf seinen obligatorischen Trainingsanzug verzichtet, und auch das Stirnband, das ihm für gewöhnlich die Fransen seines Vokuhilas aus dem Gesicht hält, trägt er nicht. Dafür hat er über seine braune Cordhose quietschgelbe Gummistiefel gezogen, die ihm nicht ganz zu passen scheinen. Zumindest watschelt er gerade vor uns her, als wäre er eine Ente und wir die Küken, die ihrer Mutter folgen. Was für ein passendes Bild.
»Bitte denken Sie daran, welch große und wichtige Aufgabe Sie hier übernehmen dürfen. Sie halten das Leben der Pflanzen quasi in ihren Händen und damit auch die Ernte unserer Stadt. Sie sehen also, Sie alle sind ein wichtiges Rädchen in unserer Hexengemeinde.« Er strahlt uns an, als würde er uns eine Offenbarung übermitteln. Lexie und mir ringt er damit allerdings nur ein gequältes Lächeln ab. Weder sie noch ich wollen eines dieser Rädchen sein, nur leider haben wir keine Wahl. Wir gehören den Jadis an, der unteren Hexenklasse, und die Arbeit auf diesen Feldern wird nach unserem Schulabschluss unser Leben sein. Aber vielleicht gelingt uns doch irgendwann der Aufstieg zu den Vallax, der Klasse, der wohl alle Hexen und Hexer angehören wollen. Sie werden später oft zu einem Tribe ausgebildet und dürfen die Sünden bekämpfen, die draußen in der Menschenwelt ihr Unwesen treiben.
»Sie wissen noch, zu welchem Feldabschnitt Sie beim letzten Mal eingeteilt worden sind?«, will Mr. Lambold wissen, als wir an den langen Ackerreihen entlanggehen.
Ich öffne meine dicke Jacke, ziehe sie aus und lege sie mir über den Arm. Hier bei den Feldern herrschen die Sturmhexen, und sie machen ihre Arbeit verdammt gut. Sie sorgen mit ihren Kräften dafür, dass die Pflanzen das ganze Jahr über mit den besten Wetterverhältnissen versorgt werden. Das bedeutet auch, dass nur ein Teil der Felder tatsächlich in den Winterschlaf geht. Der Hauptteil wird weiter bewirtschaftet und mit frühlingshaftem Wetter gepflegt. Wir alle wissen das, weshalb wir uns nach dem Zwiebelprinzip angezogen haben. Die gesamte Klasse ist dabei, Jacken und Pullover abzustreifen, damit wir nicht gleich vollkommen verschwitzt sind.
Im Anschluss teilen wir uns auf unsere Abschnitte auf, wobei diese allesamt recht dicht beieinanderliegen. Ich wechsele einen vielsagenden Blick mit Lexie, die das Feld neben mir hat, und mache mich an die Arbeit. Auf meinem Abschnitt sind vor allem Erbsensträucher zu finden, aber auch Kürbisse, Zucchini, die in voller Blüte stehen, und Kohlgewächse. Ich lasse mich auf dem Boden nieder und fange erst einmal an, ein wenig Unkraut zu zupfen. Eigentlich kann ich den Unkräutern auch befehlen, nicht mehr zu wachsen, aber dafür müsste ich einen Zauberspruch anwenden, der ihnen die Kraft entzieht. Und beim letzten Mal habe ich dabei auch einige Kulturpflanzen erwischt. Die Grünhexen, die die Gärten betreiben, waren davon nicht allzu begeistert. Sie haben zwar nicht viel gesagt, aber ihre Blicke haben eine eindeutige Sprache gesprochen. Immerhin bin ich die Tochter des Clan-Anführers von Rosehall, und als solche werden natürlich gewisse Erwartungen an mich gerichtet. Doch leider habe ich die bereits sehr früh enttäuscht. Fast alle in meiner Familie, auch meine große Schwester Meg, gehören den Vallax an. Nur ich bin irgendwie aus der Art geschlagen. Wieder denke ich an meine Jultria-Zeremonie zurück, als ich mit 10 Jahren meiner Hexenklasse zugeordnet wurde, und mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen. Das Funkeln, dieses herrliche Strahlen, es war doch da, oder etwa nicht? Irgendetwas ist schiefgegangen, davon bin ich überzeugt. Nur leider will mir niemand Glauben schenken.
Ich gebe ein tiefes Seufzen von mir, lege meine Hände auf die feuchte, warme Erde und konzentriere mich auf meine Kräfte. Vorsichtig taste ich mich an den Magiekern in meinem Inneren heran, öffne ihn und lasse sachte meine Kräfte hinausströmen. Währenddessen nutze ich den Zauberspruch, der als Signa auf meiner Haut aufglüht. Das Licht wird immer stärker, während die Pflanzen um mich herum allmählich zu wachsen beginnen. Ich atme erleichtert auf – wenigstens ist mir das schon mal geglückt – und sehe zu Lexie hinüber, die mit konzentrierter Miene ihre Hände emporstreckt und Regen ruft. Wie ein Dirigent, der mit seinen formvollendeten Bewegungen einem Symphonieorchester den Takt vorgibt, schwingt sie die Arme durch die Luft. Leider etwas zu stark, wie sich gleich darauf herausstellt, als ein Platzregen auf ihren Feldabschnitt niedergeht. Selbst für mich ist ersichtlich, dass das etwas zu viel Wasser ist. Die kleinen Pflanzen werden regelrecht davongeschwemmt und mit der Erde sintflutartig vom Acker gewaschen. Um Lexies Füße bildet sich ein kleiner, brauner See.
Zwei Grünhexen kommen herbeigerannt, legen ihre Hände auf die Erde und versuchen, das Schlimmste zu verhindern.
»Tut mir sehr leid«, höre ich Lexie sagen, während sie auf das Desaster zu ihren Füßen schaut, die langsam im Matsch versinken.
Ich leide mit meiner besten Freundin, denn ich weiß nur zu gut, wie es ist, wenn Zauber schiefgehen. Mir passiert es bedauerlicherweise ebenfalls oft, auch wenn es wohl andere Gründe hat. Für Sturmhexen ist es schwer, ihre Gefühle im Zaum zu halten. Sie sind impulsiv, und mit unseren Emotionen verstärken wir Hexen unsere magischen Kräfte.
Ich hingegen, nun, ich kann mit alldem hier einfach nicht viel anfangen. Dank meiner Allergie bin ich nicht gerne in der Natur, und zu Pflanzen habe ich einfach keine Verbindung. Hinzu kommt, dass ich echt miserabel im Brauen von Tränken bin – es sei denn, man will sie als Abführmittel verwenden. Doch all mein innerliches Sträuben hilft nichts. Ich bin und werde für immer eine Grünhexe sein. So langsam sollte ich das akzeptieren und meinen Pflichten nachkommen.
Ich verstärke die Kraft meines Zaubers und spüre, wie die Magie durch meine Hände in die Erde fließt. Es ist wichtig, die richtigen Emotionen während des Zaubers zu kanalisieren und in die Kraft einfließen zu lassen. Allerdings ist das gar nicht so einfach, denn was sind schon die richtigen Gefühle? Ist es richtig, dass ich gerade eine gewisse Traurigkeit spüre? Eine Art von Resignation? Genau diese wandelt sich im Moment ziemlich schnell in Verwunderung, darauf folgt Furcht und schließlich Entsetzen. Denn die Pflanzen vor mir wachsen viel zu schnell. Um es auf den Punkt zu bringen: Sie werden riesig. Aschenputtel könnte diesen Kürbis als Kutsche benutzen und müsste nicht mal den Kopf einziehen.
»Mist«, zische ich und grabe meine Hände tiefer in die Erde. Ich muss meine Kraft aus dem Boden herausziehen und meine Magie aufhalten. Die Schlingen der Bohnenranken wandern zielstrebig auf mich zu, als hätten sie ein Eigenleben entwickelt. Ich runzele die Stirn, halte den Atem an und spüre das heiße Glühen im Boden. Ich schaffe es einfach nicht, die Energie zurückzuholen, und genau das scheinen die Pflanzen zu spüren. Sie rasen auf mich zu. Die Bohnenranken schlingen sich um meine Arme, zerren sie vom Boden fort und versuchen, meinen Körper zu umschlingen. Entsetzt springe ich auf die Füße, sehe aus den Augenwinkeln, wie ein riesiger Kürbis in Richtung eines anderen Beets rollt und dort alles platt walzt, was ihm in die Quere kommt. Schreie erklingen um mich herum, als sich Zucchiniblüten auf meine Mitschüler stürzen und versuchen, sie in ihren Kelchen zu fangen.
Ich kneife die Augen zusammen, als sich die Bohnenranken fester um meine Arme winden, und spüre den Puls in meinen Adern pochen. Das Blut kann nicht mehr fließen. Die Ranken wandern an meinen Beinen hinauf, tasten sich an meiner Hüfte entlang, schlingen sich um meinen Hals – und ziehen gnadenlos zu. Während ich mich mit Händen und Füßen zu wehren versuche, rast Panik durch meinen ganzen Körper. Warum? Weshalb passiert das ständig? Warum haben es die Pflanzen auf mich abgesehen und versuchen, mir das Leben zu nehmen? Was stimmt nur nicht mit mir?
Alles um mich herum verschwimmt. Mein Mund öffnet sich, versucht, einen gierigen Atemzug nach dem nächsten zu machen, aber es gelingt mir nicht. Lediglich ein paar röchelnde Geräusche kommen aus meiner Kehle, die seltsam dumpf und wie aus weiter Ferne an mein Ohr dringen. Die Ränder meines Sichtfelds färben sich dunkel. Dazu diese Hitze, diese unfassbare Hitze in meinem Körper, der verzweifelt zuckt. Gleich ist es vorbei, geht es mir durch den Kopf, und dieser Gedanke brennt sich in mir ein. Ich darf nicht aufgeben. So kann und darf es nicht zu Ende gehen. Noch einmal raffe ich all meine verbliebene Kraft zusammen und versuche, die Kontrolle über meine Hände zurückzuerlangen. Ich muss meinen Magiekern öffnen, einen Zauber sprechen …
In diesem Moment falle ich zu Boden, die Ranken lösen sich von meinem Hals und ich atme derart hastig ein, dass ich husten muss.
»Alles in Ordnung?«, fragt mich eine Hexe, die sich neben mich kniet. Mit meinen tränenden Augen kann ich sie gar nicht richtig erkennen. Ich nicke nur, während ich versuche, in einem gleichmäßigen Rhythmus Luft zu holen und zu husten.
»Wie kann man nur ein derartiges Chaos anrichten?«, erklingt die Stimme eines klein gewachsenen Mannes mit Schnurrbart. Er stemmt die muskulösen Arme in die Hüften und blitzt mich wütend an. »Schau dir das nur an! Alles zerstört. Das wird uns Wochen an Arbeit kosten«, beschwert er sich.
Ich kann ihn ehrlicherweise verstehen. Der Hexer untertreibt nicht. Etliche der riesigen Kürbisse sind über die Felder gerollt, haben Salat, Tomaten und Paprikasträucher zerstört und eine tiefe Schneise in ein Maisfeld geschnitten. Die Zucchiniblüten, die sich gerade noch auf meine Mitschüler gestürzt haben, sind zum Großteil zerstört. Und die Bohnen haben ein unfassbares Rankengebilde entworfen, das sich über mehrere Äcker zieht und alles darunter platt drückt. In der Tat war das nicht mein bester Einsatz. Ein Nahtoderlebnis und die Totalzerstörung eines ganzen Anbaugebiets. Da habe ich wirklich ganze Arbeit geleistet.
»Es tut mir sehr leid«, murmele ich und biete sogleich meine Hilfe an. »Ich kann in den nächsten Wochen nach der Schule kommen und Ihnen unter die Arme greifen.«
Doch der Hexer hebt sofort abwehrend die Hände. »Bitte verschone uns damit! Nein, danke. Darauf verzichten wir gerne.«
Mr. Lambold tritt heran und bemüht sich, die Wogen zu glätten, aber ich ahne, dass es kein leichtes Unterfangen wird. Noch einmal sehe ich auf die zerstörten Felder und all die Hexen und Hexer, die versuchen, mein Chaos zu beseitigen. Einmal mehr zeigt mir dieses Erlebnis, dass dies nicht der richtige Platz für mich ist.
Es hat etwas gedauert, bis mein Lehrer die aufgebrachten Hexen beruhigen konnte. Bei den Erinnerungen an das Desaster, das ich angerichtet habe, gleiten meine Hände an meinen Hals. Noch immer schmerzt er, und ich kann kaum schlucken. Aber das ist nebensächlich. Für mich zählt im Moment mehr die Frage, wie ich meinen Fehler wiedergutmachen und verhindern kann, dass so etwas noch einmal geschieht? Ich blicke auf die Selester Road, die Hauptstraße, die durch Rosehall führt, und atme tief durch. Da ich verletzt worden bin, hat man mich für den Rest des Tages nach Hause geschickt. Allerdings weiß ich nicht, ob ich wirklich dorthin möchte. Und so schlendere ich erst die Straße entlang, lasse mich treiben, während ich mit meinen Gedanken überall und nirgendwo bin. Ich blicke zu den Häusern, die so gewöhnlich wirken. Sie sind tausendfach in vielen Kleinstädten Amerikas zu finden. Kleine, gepflegte Gärten liegen um weiße Veranden. Hier und da steht eine Wippe oder Schaukel für Kinder. Die Häuser wirken gepflegt und heimelig. Ich komme an einem roten Auto und einer Straßenlaterne vorbei, doch diese Dinge dienen lediglich zur Tarnung für den Fall, dass sich ein Mensch in unsere Stadt verlaufen sollte. Allerdings geschieht das ohnehin nur äußerst selten.
Die Menschen - was für ein Mysterium sie sind. Natürlich weiß ich, wie sie leben, oder habe zumindest eine grobe Vorstellung davon. Denn wirklich und wahrhaftig einem gegenübergestanden, das habe ich noch nie.
Und so starre ich auf den Wald, der am Ende der Straße emporragt und die Baumkronen in den Himmel streckt. Unerreichbar. Im Grunde ist dieser Wald kaum einen Steinwurf entfernt, und dennoch werde ich ihn nie betreten.
Mittlerweile bin ich am Ortsrand von Rosehall angelangt. Hier liegt die Grenze, der Rand der Kuppel, die über unserer ganzen Stadt ruht und mit ihrer Macht die Sünden fernhält. Sie ist unser Schutzschild, unser Sicherheitsnetz, damit wir dieses ruhige Leben führen können. Ein Leben, das mich an manchen Tagen zu erdrücken droht. So wie heute.
Ohne darüber nachzudenken strecke ich die Hand aus. Ich kann die Kuppel weder spüren noch sehen, und dennoch weiß ich, dass sie da ist. Genau an dieser Stelle. Es ist das Erste und Wichtigste, das wir als kleine Kinder eingetrichtert bekommen: der genaue Grenzverlauf der Kuppel. Niemals, wirklich niemals dürfen wir sie durchqueren. Denn dann sind wir verloren.
Ich halte den Atem an, als ich meine Finger weitergleiten lasse. Kein Widerstand, nicht einmal der Hauch von Wärme. Und dennoch weiß ich, dass meine Hand nun nicht mehr länger unter dem Schutz der Kuppel steht. Sie ist draußen. Frei! Mein Herz schlägt aufgeregt in meiner Brust. Es ist so einfach. So verflucht einfach.
Ich weiß nicht, was mich antreibt. Ist es wirklich dieses unvorstellbare Gefühl von Freiheit, das gerade durch meine Adern strömt und mich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich atmen lässt? Ist es der Wunsch, all die Fesseln, die unsere starren Regeln mit sich bringen, abzustreifen? Ist es bloße Neugier? Oder verfalle ich vielleicht gerade dem leisen Ruf einer Sünde, die da draußen auf mich wartet?
Ich weiß es nicht, doch selbst dieser letzte Gedanke kann mich nicht aufhalten. Mein rechter Fuß macht den ersten Schritt und übertritt die Grenze. Mein linkes Bein zieht nach, und schließlich bin ich draußen. Einfach so. Und es geschieht erst einmal rein gar nichts. Keine Sünden, die wie gefallene Engel aus dem Himmel herabstürzen, um sich auf mich zu stürzen. Da ist nichts, nur die kalte Luft, die mir schneidend entgegenweht und den Geruch von Schnee mit sich bringt. Ich atme langsam aus, beobachte die Atemwolke, die sich bildet und sogleich wieder verschwindet. Ich starre auf den Wald vor mir. Dahinter liegt Greenville, eine Kleinstadt, in der Menschen leben. Ich straffe die Schultern und gehe mit entschlossenen Schritten los.
Die erste Hürde ist definitiv das Waldstück, das die beiden Städte voneinander trennt. Ich ziehe die Jacke fester zu und krempele den Kragen hoch, sodass ich vor dem kalten Wetter besser geschützt bin. Dabei streifen meine Augen unentwegt hin und her, lassen keinen Winkel außer Acht. Überall könnte Gefahr drohen und dabei denke ich nicht mal an die Sünden. Nein, die Pflanzen sind es, vor denen ich die meiste Angst habe. Was wirklich absurd ist, wenn man bedenkt, welcher Hexenklasse ich angehöre.
Es dauert nicht allzu lange, bis ich den Wald hinter mir gelassen habe und eine Straße erreiche. Ich folge ihr und entdecke schon bald die ersten Häuser. Mein Puls beschleunigt sich. Das ist also Greenville. Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich allein der Gedanke nicht unfassbar nervös macht.
Aus der Ferne erkenne ich helle, bunte Lichter und kann mir erst keinen Reim darauf machen. Als ich Greenville schließlich betrete, wird mir klar, woher sie rühren. Überall um mich herum hängen Lichterketten, die die Stadt erhellen. Tannenbäume sind aufgestellt und mit bunten Kugeln und kleinen Figuren dekoriert. Der Schnee auf den Straßen reflektiert das bunte Licht und funkelt verspielt. Es müsste bald Weihnachten sein, stelle ich fest. Wir Hexen feiern dieses Fest zwar nicht, aber dennoch kennen wir es. Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Ich hätte mir wohl keine bessere Zeit für diesen Ausflug aussuchen können.
Von Minute zu Minute steigert sich meine Begeisterung und meine Ängste treten in den Hintergrund. Menschen spazieren an mir vorbei, schenken mir nicht einen Funken Beachtung, während sie ihre Weihnachtseinkäufe nach Hause tragen. Es ist, als wäre ich einer von ihnen. Keiner ahnt etwas. Ich bekomme ein regelrechtes Hochgefühl. So viele Lichter, so viele Dinge, die ich noch nie benutzt habe. Ich schaue mir Handys an, Computer … in einem Schaufenster gibt es sogar eine kleine elektrische Eisenbahn. Lexie würde ausrasten vor Freude. Sie liebt alles, was mit Elektrizität zu tun hat, und diese Dinge hier würden bei ihr für absolute Begeisterungsstürme sorgen – vermutlich im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich schlendere die Straßen entlang und kann von den vielen Eindrücken gar nicht genug bekommen. Irgendwann finde ich ein Café. Dort ergattere ich tatsächlich einen Sitzplatz und schmiege mich erst einmal erleichtert in die Kissen. Musik dringt an mein Ohr. Aus irgendeinem Lautsprecher höre ich einen Song von dem ich annehme, dass er Last Christmas heißt. Zumindest kommen diese beiden Wörter ständig darin vor. Ganz schön langer Song, und ich kann nur hoffen, dass der Kerl endlich jemanden findet, dem er sein Herz schenken kann. Ansonsten sollte er vielleicht einfach mit seinen Freunden Party feiern.
Ich wende meine Gedanken wieder dem Café zu, das wirklich einladend aussieht. Viel Holz und helle Töne. Passend zur Jahreszeit sind auch einige blinkende Lichterketten und recht viele Figuren von Santa Claus aufgestellt – ziemlich viele, wie ich beim Umhersehen feststelle.
An der Theke steht ein Mann, der sich um den Kaffee kümmert. Dafür macht er sich an einer imposanten Maschine zu schaffen. In einer Vitrine befinden sich unzählige Leckereien, und allein beim Anblick läuft mir das Wasser im Mund zusammen.
Die Nebentische sind gut gefüllt. Überall sind Menschen, die sich unterhalten und die heimelige Atmosphäre genießen. Sie trinken Kaffee oder Eggnog und scheinen bester Stimmung zu sein. Und ich bin mitten unter ihnen. Eine Hexe, die noch nie zuvor einen echten Menschen gesehen hat.
Eine Zeit lang konzentriere ich mich auf all die fremden Leute und lausche ihren Gesprächen. Doch irgendwann steht plötzlich ein junger Mann neben mir. Seine warmen, braunen Augen blicken mich aufmerksam an, als er fragt: »Was kann ich dir bringen?«
Ich zucke vor Schreck zusammen. Natürlich weiß ich, dass Menschen sprechen können, dieser Umstand sollte mich also nicht aus der Bahn werfen. Aber dass einer von ihnen ausgerechnet an mich das Wort richtet, macht mich dann doch nervös. Was, wenn er etwas merkt?
Kapitel 2
»Ähm …«, beginne ich und lasse den Blick etwas verzweifelt durch den Raum wandern. Ja, wunderbarer Satzanfang, sehr geistreich, denke ich, was aber auch nicht dazu beiträgt, dass mir mehr über die Lippen kommt.
»Willst du was essen?«, versucht mir der junge Mann zu helfen, der hier offensichtlich der Kellner ist. »Wie wäre es mit Kuchen?« Wieder dieses Lächeln, das seine braunen Augen zum Strahlen bringt. Ich muss schon sagen, der Typ sieht nicht schlecht aus. Durchtrainiert ist er auch, aber vor allem macht er einen freundlichen Eindruck. Gut, könnte natürlich auch daran liegen, dass das zu seinem Job gehört.
»Du kannst dir etwas an der Kuchentheke aussuchen. Ich bringe es dir dann gleich.«
Ich schaffe nur ein kurzes Nicken.
»Wie wäre es mit einer Tasse Kaffee dazu?«, schlägt er vor, während ich mich von meinem Stuhl erhebe.
»Ähm, klar«, antworte ich. Gut, schon mal zwei Worte. Wenn das so weitergeht, habe ich bis heute Abend einen ganzen Satz geschafft. Läuft also.
Der Kellner verschwindet, und ich gehe an den Tischen entlang zur Kuchentheke. Dort sieht alles dermaßen lecker aus, dass ich etwas Zeit brauche, bis ich mich entschieden habe.
»Kürbiskuchen, bitte«, stammele ich, als sich eine Angestellte an mich wendet. Sie nickt und ich kehre erleichtert an meinen Platz zurück.
All die Menschen machen einen so normalen Eindruck – nicht, dass ich eine Ahnung hätte, wie sie üblicherweise sind. Aber ich habe zumindest nicht das Gefühl, als wäre gerade eine Sünde oder ein Befallener unter ihnen. Dennoch achte ich genau auf meine Emotionen. Ich spüre tief in mir nach und versuche, jede kleine Änderung zu registrieren. Ist doch eine Sünde anwesend, die Einfluss auf meine Gefühle ausübt? Werde ich neidisch, wenn ich an das freie Leben all dieser Menschen denke, die ihren Werdegang selbst bestimmen können? Vermutlich schon, aber ist das nicht irgendwie verständlich? Immerhin wird ihre Welt nicht in eine Ober- und eine Unterklasse eingeteilt. Zumindest nicht so offensichtlich wie bei uns.
Der schnuckelige Kellner kommt mit einem Tablett zu mir, auf dem er einen Kaffee sowie mein Stück Kürbiskuchen balanciert. Mit einem freundlichen Lächeln stellt er alles vor mir ab.
»Du bist das erste Mal hier bei uns im Laden, habe ich recht?«
Es wundert mich nicht, dass ich ihm auffalle. Greenville ist nicht sonderlich groß.
»Machst du Urlaub in der Gegend oder bist du hergezogen?«, will er wissen.
Oh je, jetzt muss ich auch noch eine echte Unterhaltung mit ihm führen. Darauf war ich wirklich nicht vorbereitet. »Ähm …« Erstaunlich, dass ich meine Sätze nun ständig mit diesem Laut beginne. »Ich wohne seit Kurzem hier in der Gegend«, erkläre ich und schenke mir für diesen ganzen Satz ein imaginäres Schulterklopfen.
»Hm«, macht er und mustert mich interessiert. »In der Gegend also. Dort wollte ich auch schon immer wohnen, aber die Mietpreise, du weißt.« Er zuckt amüsiert mit den Schultern. Gut, der Scherz war nicht der Beste, aber hey: Ich spreche mit einem echten Menschen und er versucht auch noch, mich zum Lachen zu bringen. Er könnte gerade einen Vortrag über Fotosynthese halten, und ich würde ihm vermutlich begeistert an den Lippen hängen.
»Lebst du dort mit deiner Familie?«, will er wissen.
Ich nicke, steche ein Stück vom Kuchen ab und führe die Gabel zum Mund. Hoffentlich stellt er nicht noch mehr Fragen.
»Dann gehst du noch zur Schule«, stellt er fest, doch ich höre ihm nur mit halbem Ohr zu. Denn was sich da gerade auf meiner Zunge abspielt, ist nicht in Worte zu fassen. Ich reiße die Augen auf und kann nicht verhindern, dass sie sich genießerisch verdrehen. Dieser Kuchen: Er ist der absolute Wahnsinn. So viele Aromen, diese Zimtnote, die wundervolle Süße. Es ist ein herrliches Spiel aus Geschmacksrichtungen, aus Würze und einer milden Schärfe. Auch wir Hexen kochen und backen – gut, ich nicht. Offenbar besitze ich an Kesseln einfach kein Talent, ganz gleich, was ich hineingebe. Aber natürlich nutzen wir für diese Tätigkeit unsere Magie. Und bisher war ich auch der Überzeugung, dass unsere Mahlzeiten wundervoll schmecken. Aber das hier … es ist kein Vergleich. Ich steche noch eine Gabel ab und schlinge das Stückchen hinunter. Nur mit Mühe kann ich ein wohliges Seufzen unterdrücken. Vielleicht ist das der Unterschied. Unser Essen ist zu einheitlich. Immer perfekt und dabei unglaublich langweilig. Dieses hier ist eine Überraschung an Geschmacksvielfalt.
»Der Kuchen scheint dir zu schmecken«, stellt der Kellner fest. »Oder hast du gerade eine Hungerkur hinter dir und bist deswegen so hin und weg?«
Ich schlucke den Bissen hinunter und schüttele den Kopf. »Nein, der Kuchen ist wirklich sagenhaft. Ich habe noch nie etwas so Gutes gegessen.«
Der junge Mann hebt erstaunt die Brauen, lacht dann aber amüsiert. »Ich werde es so weitergeben. Evan wird sich über das Kompliment sicher freuen. Ich kann dir auch noch einen Schlag Sahne bringen. Da bald Weihnachten ist, geben wir immer eine Prise Zimt dazu.«
Ich nicke, er geht schnell los und ist kaum eine halbe Minute später wieder zurück.
»Du hast nicht zu viel versprochen«, verkünde ich nach dem ersten sahnigen Bissen. »Es ist der Wahnsinn!«
»Freut mich. Verrätst du mir deinen Namen?«, fragt er. »Jemand, der sich derart begeistert von unserem Essen zeigt, dessen Namen muss ich mir merken.«
In der Tat befürchte ich, dass ich ihm wohl länger im Gedächtnis bleiben werde. Sich so auf einen Kuchen zu stürzen, ist wohl nicht sehr menschlich – nun gut, für uns Hexen ist es auch eher unschicklich.
»Ich bin jedenfalls Marc.« Er reicht mir die Hand. Ein warmes Prickeln breitet sich auf meiner Haut aus, als ich sie entgegennehme. Ein echter Mensch – wenn Lexie das wüsste. Sie würde ausrasten. Wobei sie die riesige Kaffeemaschine sicher noch interessanter fände.
»Adeline«, erwidere ich und blicke in seine dunklen Augen. Er ist echt sympathisch. Zu schade, dass er ein Mensch ist.
»Ich hoffe, du kommst öfter mal hier vorbei, jetzt da du hier in der Gegend wohnst.«Er hält an dem schlechten Scherz fest, und dennoch freue ich mich darüber. Immerhin haben wir nun so etwas wie einen Insiderwitz. Und ich kann wohl von Glück sagen, dass der nichts mit meinen Essmanieren zu tun hat. Hätte also schlimmer kommen können.
»Ganz bestimmt werde ich das«, verspreche ich und spüre, wie meine Lippen ein breites Lächeln formen. Vielleicht werde ich das wirklich. Die Versuchung ist jedenfalls groß.
Ich war vier Stunden in dem Café! Vier geschlagene Stunden. Irgendwie habe ich die Vermutung, dass ich damit einen Rekord aufgestellt habe, zumal ich die ganze Zeit alleine an meinem Tisch saß. Aber es gab so viel zu sehen. Vor allem Marc. Er ist immer wieder zu mir gekommen und hat mir neuen Kaffee gebracht. Bei dem Gedanken daran spüre ich deutlich, wie das Koffein durch meine Adern rauscht. Ich fühle mich jedenfalls, als bräuchte ich eine Woche lang keinen Schlaf mehr.
Diesen zusätzlichen Energieboost kann ich gerade ganz gut gebrauchen, denn ich bin auf dem Rückweg nach Rosehall. Leider liegt der Wald noch vor mir, der jetzt einen noch bedrohlicheren Eindruck auf mich macht. Andere sehen vermutlich nur die vielen verschiedenen Grüntöne, die Tannen, deren Wipfel im Wind sanft hin- und herschwingen. Die Birken, deren Äste gerade kahl und mit etwas Schnee bedeckt sind. All die Farne und dichten Dornenbüsche, die am Wegesrand stehen. Sie könnten einen idyllischen Eindruck vermitteln.
Ich hingegen sehe die Gefahr, die von ihnen ausgeht. Die Farne könnten mir wie Paddel entgegenschlagen, Wurzeln könnten mich zu Fall bringen und umschlingen, Tannen könnten ihre Zapfen wie Kanonenkugeln auf mich niedersausen lassen. Kein Wunder also, dass ich nervös meinen Blick umhergleiten lassen und erleichtert aufatme, als ich den Wald hinter mich gebracht habe.
Doch meine Erleichterung kam wohl zu früh. Definitiv viel zu früh. Meine Schwester tritt mir in den Weg, hält die Arme vor der Brust verschränkt und blitzt mich derart wütend an, dass es mir kalt den Rücken hinabrinnt.
»Ich habe Letizia getroffen«, erklärt sie, als müsste mir nun alles klar sein. »Sie hat dich gesehen und war wohl verwundert, dass du gar nicht auf dem Weg nach Hause, sondern in Richtung Stadtausgang warst.«
So ein Mist!, bringt mein Hirn gerade noch zustande, während es verzweifelt nach einer Ausrede sucht, die das alles irgendwie erklären könnte. Doch die gibt es natürlich nicht. Meg hat mich ertappt. Konnte ja auch keiner ahnen, dass sie ausgerechnet der überbesorgten Mutter einer meiner Mitschülerinnen in die Arme laufen würde.
»Bei den Göttern, Adeline«, schimpft sie und winkt mir nun hektisch zu. »Beweg dich endlich hierher. Du stehst noch immer außerhalb der Kuppel.«
Ich gebe ein tiefes Schnauben von mir und folge ihrem Befehl. Es ist klar, dass mich jetzt ein riesiges Donnerwetter erwartet. Meg mit ihrer schneeweißen Haut und der grazilen Figur wirkt jedenfalls gerade alles andere als erhaben und vornehm, wie sie es sonst tut. Ihre roten Haare trägt sie heute offen und sie glänzen im Licht der Sonne wie blankes Feuer. Passend zu dem Eindruck einer aufgebrachten Göttin, die gerade auf die Erde herabgestiegen ist, um Rache zu üben. Ich kann mich wohl warm anziehen.
»Wirst du es Mom und Dad verraten?«, frage ich kleinlaut, doch sogleich kommt mir ein noch schrecklicherer Gedanke. »Oder gar Tante Lourdes?«
Megs Blick ist unerbittlich. Noch immer hält sie die Arme verschränkt und zischt mich wütend an: »Ich begreife einfach nicht, wie du etwas derart Dummes machen konntest. Adeline, wirklich! Weißt du, was dir alles hätte passieren können?!« Sie mustert mich von oben bis unten. »Bist du einer Sünde begegnet? Hat eine von ihnen versucht, Macht über dich zu erlangen?« Wieder dieser Blick, als könnte man mir meine Besessenheit an der Nasenspitze ansehen.
»Alles gut«, erwidere ich. »Ich war nur in einem Café und habe etwas Kuchen gegessen.« Und zwar den beste meines Lebens! Aber das Detail verschweige ich lieber. Ich ahne, dass Meg dafür gerade kein Verständnis hätte.
»In einem Café? Adeline, wie konntest du nur? Du kennst die Gesetze. Nur die Tribe dürfen die Stadt verlassen, das weißt du. Wenn es dich also so sehr nach draußen zieht, dann streng dich mehr an, werde ein Vallax, dann kannst du später auch zu den Tribe.«
Nun beginnt die Leier wieder. »Als würde ich das nicht jedes Jahr versuchen!«
Meg legt den Arm um meine Schultern und zieht mich mit sich. »Ich werde niemandem etwas von diesem Ausflug erzählen. Aber ich verlange von dir, dass dies das erste und letzte Mal war, klar?« Mit einem fragenden Seitenblick hakt sie nach: »Es war doch das erste Mal, oder?«
»Ja«, knurre ich.
»Gut. Fortan hältst du die Füße still und machst nie wieder solch eine Dummheit. Es ist viel zu gefährlich.«
»Ich weiß, all die Sünden, all die Verführungen. Sie lauern an jeder Ecke.« Ich verdrehe genervt die Augen. Schwerer Fehler, wie ich sogleich feststelle.
Meg lässt mich los und schaut mich voller Zorn an. »Ganz genau, und das solltest du auch niemals aus dem Blick verlieren. Es gab schon einmal eine Hexe, die wegen der Sünden alles verloren hat. Erinnerst du dich?« Und mit leiser Stimme beginnt meine Schwester, mir die Geschichte der ersten Hexe zu erzählen. Es ist fast wie früher, als sie abends an meinem Bett saß und mir diese Geschichte zum Einschlafen vorgelesen hat:
Es war zu einer Zeit, als die Götter gerade erst verschwunden waren. Sünden bevölkerten die Welt, breiteten sich aus und fanden immer mehr Opfer. Viele Menschen verbarrikadierten sich in ihren Häusern, wagten sich nachts nicht mehr auf die Straße. Doch die Sünden lauerten überall.
Andere wiederum zogen sich in die Wälder zurück, suchten die Einsamkeit und die Verbindung zur Natur. Darin fanden sie Halt und Schutz. Genauso machte es auch eine junge Frau namens Vellia mit ihrer Familie. Sie hatte einen guten Mann und mit ihm drei Kinder. Sie lebten inmitten des Waldes, ein einfaches, aber glückliches Dasein im Einklang mit ihrer Umgebung. Vellia liebte ihre Kinder und ihren Mann, und umgekehrt war es ebenso. Sie war eine sehr fromme Frau, die stets zu den Göttern betete, sie mit Gaben bedachte und auch Teile ihrer Kraft an sie sandte.
Die Familie hätte mit diesem bescheidenen Leben glücklich sein können, doch an einem Tag veränderte sich alles. Vellia kam gerade mit ihrem Mann von der Feldarbeit zurück. Ihre Kinder hatten das Essen vorbereiten sollen, doch als die Eltern am Haus ankamen, stellten sie fest, dass ihre älteste Tochter verschwunden war. Diese war recht ungestüm, impulsiv und besaß einen großen Freiheitsdrang. Sie wollte nicht abgeschieden im Wald leben, sondern sehnte sich nach anderen Menschen, einer Stadt und einem freien Dasein.
Voller Angst lief Vellia los, ihre Tochter zu suchen. Und allzu bald fand sie sie auch. Ihr toter Körper lag am Waldrand, nicht weit vom Wegesrand entfernt, der in die nächste Stadt führte. Sie konnte sehen, dass ihrem Kind der Auris aus der Brust gerissen worden war.
Die Mutter weinte und schrie. Die Verzweiflung bohrte sich wie ein Dolch durch ihr Herz. Doch noch etwas anderes machte sich in ihr breit: Angst. Denn der Mörder ihrer Tochter war nicht mehr hier. Die Angst wurde zu blanker Panik, und Vellia lief los. Es dauerte, bis sie bei ihrem Haus ankam. Die Stille, die über dem Ort lag, war gespenstisch, und ihr schlimmster Albtraum wurde Wahrheit. Die Sünde hatte sie alle gefunden.
Vellia entdeckte einen nach dem anderen: ihre beiden Kinder und schließlich ihren Mann. Die Augen ihrer Lieben waren ausdruckslos, die Auris waren ihnen entrissen worden. Zurück blieben nur ihre leblosen Hüllen. Vellia hatte an diesem Tag alles verloren, und das nur, weil die Sehnsucht ihrer ältesten Tochter die Sünden zu ihnen gelockt hatte. Sie hatte das Verderben und den Tod gebracht. Die Frau sank zu Boden, schluchzte, weinte, schrie in ihrer Verzweiflung und betete zu den Göttern. Sie wollte nur ihre Liebsten zurück. Dafür war sie bereit, alles zu geben. Doch ihr Flehen wurde nicht erhört. Tagelang weinte sie, stand draußen vor dem Haus, das einst ihre Heimat gewesen war, und schrie all ihre Qual dem Himmel entgegen. Schließlich sah sie ein, dass ihre Familie nie mehr wiederkehren würde, und schwor Rache. Zu allem entschlossen brach Vellia auf.
Die Götter hatten den Schmerz der Frau mitbekommen, sie wussten um ihren Verlust, und da sie stets zu ihnen gebetet, ihnen Gaben und Kraft geschenkt hatte, so wollten auch sie etwas für Vellia tun. Also schenkten sie ihr Magie. Sie wurde die erste Hexe und war fortan in der Lage, die Kraft ihres Auris zu nutzen und sie in Magie zu verwandeln.
Vellia zog los, um gegen die Sünden zu kämpfen. Sie erschuf die ersten Zauber – die Signa – und tötete damit eine Vielzahl an Sünden. Doch es waren einfach zu viele.
Auf ihrer Reise traf Vellia immer wieder Menschen wie sie. Menschen, die alles verloren hatten. Sie stand ihnen zur Seite und nahm sie auf. So war sie schließlich nicht mehr allein. Doch je größer ihre Gemeinschaft wurde, desto größer wurde auch die Gefahr, von einer Sünde entdeckt zu werden. Darum erschuf sie ein neues Signa. Mit diesem rief sie eine schützende Kuppel, die sie über die Siedlung legte. Keine Sünde würde diese je durchdringen können, und die Hexen konnten dort in Frieden miteinander leben.
Meg schaut mich an, als sie geendet hat, und sagt mit kühler Stimme: »Auch die älteste Tochter konnte ihre Neugier, ihren Freiheitsdrang nicht zügeln. Sei nicht so dumm und begehe den gleichen Fehler wie sie. Du weißt, zu was es geführt hat.«
Ich schlucke schwer und senke langsam den Blick.
»Ich hoffe, du hast verstanden und wirst nie wieder derart unvorsichtig sein. Am Ende könnte es dich zerstören und uns alle gleich mit.«
Meg geht weiter. Ich folge ihr und werfe einen letzten Blick über die Schulter. Ein Teil von mir weiß, dass meine Schwester recht hat. Die Sünden sind gefährlich und können unser Verderben bringen. Doch nach heute weiß ich auch, dass die Welt der Menschen nicht nur gefährlich ist. Sie bietet so viel mehr, so viele Wunder, so viel Freiheit. Und ich höre deutlich, wie sie eindringlich nach mir ruft. Im Geiste schwingt der Refrain von Last Christmasin mir nach – und ich weiß, dass auch ich gerade mein Herz verloren habe. An eine Welt, die so anders und so viel aufregender ist als meine.
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