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Juliane Maibach

Leseprobe

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22. Oktober 2015

Leseprobe

Am 01. November ist es endlich soweit und der letzte Teil von Midnight Eyes erscheint. Um euch die letzten zehn Tage Wartezeit noch ein wenig zu versüßen, gibt es heute die versprochene Leseprobe. In diesem Teil drohen gleich von mehreren Seiten Gefahr, nicht nur Rays Schwester versucht Emily zu töten, es kommen auch ganz neue Schrecken zum Vorschein, die am Ende alles vernichten könnten.

Ich bin schon sehr gespannt, wie euch das Buch gefallen wird und wünsche euch viel Spaß mit dem kleinen Einblick in den weiteren Verlauf der Geschichte:

 

Prolog

Das kleine weiße Reihenhaus sah aus wie jedes andere in der langen, ruhigen Straße, in der Autos parkten, Kinder in den Vorgärten spielten und die Bewohner ihre Einkäufe nach Hause trugen. Das Grundstück war von einem Eisenzaun umsäumt, und im Vorgarten stand ein großer Quittenbaum. Darunter war ein kleiner Teich mit Goldfischen angelegt, daneben standen mehrere duftende Fliederbüsche.

Die Vorhänge im Erdgeschoss waren wie so oft zugezogen und verbargen den Blick in das Innere des Gebäudes, doch hätte ohnehin niemand hinein­gespäht. Zu gewöhnlich und zu bieder war das äußere Er­scheinungsbild, als dass irgendjemand neugierig gewesen wäre zu erfahren, was sich im Inneren abspielte. So gingen die Menschen an dem Haus vorbei, ohne zu ahnen, dass in den Kellerräumen gerade ein Mann dabei war, Dinge in die Wege zu leiten, die womöglich ihrer aller Schicksal für immer verändern könnte.

Eine milchige Glühbirne, kahl und leicht verschmutzt, hing von der niedrigen Decke und tauchte den Raum in ein schummriges Licht. Doch Herr Rieger ließ sich davon nicht beirren. Er saß bereits seit Stunden an dem alten, wuchtigen Sekretär aus dunklem Eichenholz über zwei zerfledderte Bücher gebeugt. Während seine Augen über die Zeilen flogen, arbeitete sein Verstand unaufhörlich und sein Herz hämmerte vor Aufregung in seiner Brust. Nie hätte er gedacht, dass er diese Schriften noch einmal lesen würde und dass er sich über all diese Dinge erneut Gedanken machen müsste. Doch als der Junge vor vier Wochen auf dem Schulflur in ihn hineingerannt war, ihn vollkommen außer sich vor Angst angestarrt und ihm die alles entscheidenden Worte mitgeteilt hatte, war etwas in ihm zum Vorschein gekommen, das er längst verloren geglaubt hatte. Noch immer hörte er den einen Satz in seinem Schädel vibrieren: Er ist ein Dämon!

Voller Wut und Hass ballte er die Fäuste. Er verabscheute diese grauenhaften Wesen zutiefst und hatte daher gehofft, keinem von ihnen jemals wieder über den Weg zu laufen. Die letzte Begegnung mit ihnen war alles andere als gut für ihn verlaufen. Selbst heute noch dachte er mit Schrecken daran, was sie ihm damals angetan hatten. Ganz automatisch spannten sich seine Kiefermuskeln an, sodass seine Zähne knirschten, aber auch das nahm er nur am Rande wahr.

Zu lange hatte er sich in dieses ruhige, belanglose Leben zurückgezogen. In all der Zeit hatte er nicht mehr viel empfunden, hatte jegliche Ziele aus den Augen verloren und nur noch Angst verspürt. Grauenhafte Angst vor dem schleichenden körperlichen Zerfall, der ihm früher oder später den Tod bescheren würde. Er wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Genau aus diesem Grund war die Begegnung mit dem Jungen geradezu schicksalhaft gewesen. Als habe ihn eine höhere Instanz wachrufen und an seine eigentliche Aufgabe erinnern wollen. Und dieser würde er nun endlich wieder nach­kommen.

Seine Hände ballten sich erneut zur Faust, diesmal vor Entschlossenheit, während sein Blick noch immer an den Zeilen des alten Buches hing: Er würde die Dämonen vernichten und all das Böse, das sie über die Welt brachten, vertreiben. Er würde sie alle töten!

Der schrille Ton der Türklingel ließ ihn aus seinen Gedanken hochschrecken. Hastig schaute er zu der alten Wanduhr. Es war halb drei, er war also pünktlich, stellte Herr Rieger erfreut fest.

Er erhob sich, ging die knarrenden Treppenstufen hinauf und öffnete die Haustür. Der rothaarige Junge blickte ihn ein wenig verunsichert an, doch erkannte er auch eine gespannte Erwartung in dessen hellen Augen. Ja, dieser Junge würde ihm noch von großem Nutzen sein. Wahrscheinlich war er sogar der Schlüssel zum Erfolg.

„Schön, dass du gekommen bist“, sagte er erfreut. „Komm rein, wir haben einiges zu besprechen.“

Der Junge nickte und kam der Aufforderung nach.

Bevor Herr Rieger ihn in den Keller führte, wandte er sich noch einmal an ihn: „Bist du sicher, dass du das tun willst? Du setzt dich damit einer großen Gefahr aus, und unser Vorhaben wird sich nicht allzu leicht umsetzen lassen.“

Der Junge zögerte keine Sekunde mit der Antwort. „Ich habe lange darüber nachgedacht“, sagte er. „Nach all dem, was ich an besagtem Tag gesehen und gehört habe, kann ich unmöglich einfach weiterleben wie bisher und so tun, als wäre nichts gewesen. Dieser Moment hat alles verändert. All das, was früher einmal wichtig war, ist nun vollkommen belanglos geworden. Ich bin froh, dass ich mit all meinen Fragen zu Ihnen kommen konnte und dass Sie mich an Ihrem Wissen über diese Kreaturen teilhaben lassen.“

Als er den Blick hob, erkannte Herr Rieger darin ein Feuer aus glühendem Hass und purer Entschlossenheit. Damit konnte er arbeiten, genau diese Einstellung brauchte er.

„Ich habe mich längst entschieden: Ich muss Emily aus den Fängen dieses grauenhaften Dämons befreien. Ich muss ihre Seele retten, denn sonst ist sie verloren. Ich werde dafür sorgen, dass diese schreckliche Kreatur in die Hölle zurückkehrt, aus der sie gekommen ist.“

Ein schmales Lächeln legte sich auf die Lippen des Lehrers und er nickte zufrieden. „Gemeinsam werden wir diese ganze Brut, die sich unter uns Menschen herumtreibt, uns verführt und ins Unglück stürzt, zur Rechenschaft ziehen. Es wird nicht leicht, aber ich bin mir sicher, dass es uns am Ende gelingen wird.“

Auch Sven lächelte nun und folgte ihm die Treppe hinab in die schummrigen Kellerräume.

 

Veränderungen

 

„Und, wie wars in München?“, fragte ich, kaum dass Nell sich neben mich auf ihren Platz gesetzt hatte.

„Klar, du kannst nach der Schule gleich mit zu mir kommen.“

„Gott sei Dank, du rettest mir das Leben.“ Sie umarmte mich überschwänglich.

„Ich wusste ja gar nicht, dass man an Möbelpolitur sterben kann“, erwiderte ich grinsend. „Oder hattest du etwa vor, sie zu trinken?“

„Haha. Ich wäre wohl eher an Langeweile und körperlicher Schwerstarbeit gestorben. Meine Eltern können echte Sklaven­treiber sein.“ Sie runzelte die Brauen und schaute dabei so ernst, dass ich ein Lachen nicht verhindern konnte.

„Du kannst echt so was von übertreiben.“

Es klingelte zur ersten Stunde, und Nell drehte sich in ihrem Stuhl nachdenklich Richtung Tür. „Wo steckt Sven eigentlich schon wieder? Früher ist er nie zu spät gekommen.“

Es sah ihm tatsächlich überhaupt nicht ähnlich. Normaler­weise war er die Pünktlichkeit in Person.

In diesem Moment stürmte er ins Klassenzimmer und schaffte es gerade noch rechtzeitig auf seinen Platz, bevor auch Herr Thomann eintrat und hinter sich die Tür schloss.

„Na endlich“, sagte Nell.

Sven versuchte, wieder zu Atem zu kommen, und holte währenddessen seine Federmappe, einen Schreibblock und Caesars De bello Gallico aus seinem Rucksack.

„Was hat dich denn so lange aufgehalten?“, wollte sie wissen. „Mal wieder Aurelia? Fängt sie dich nun auch schon morgens zu Hause ab oder was?“

„Red keinen Unsinn. Ich hab einfach nur verschlafen“, antwortete er kurz angebunden.

„Du und verschlafen?“, platzte Nell heraus. „Seit wann denn das? In all den Jahren, in denen wir uns kennen, ist dir das noch nie passiert.“

„Stimmt nicht“, antwortete er. „Einmal bin ich zu spät zu einer Verabredung mit euch gekommen.“

Sie hob erstaunt die Brauen. „Das war doch was ganz anderes. Du hattest eine ziemlich starke Grippe, bist vor Erschöpfung im Bus kurz eingenickt und hast deshalb die Haltestelle verpasst. Anschließend hast du dich tausendmal bei uns entschuldigt, als wäre das ein Kapitalverbrechen gewesen. Ich weiß noch, wie wir ewig auf dich eingeredet haben, damit du endlich einsiehst, dass das alles nicht so schlimm ist. Und vor allem, damit du wieder nach Hause gehst, um dich ins Bett zu legen.“

„Könnten Sie Ihre Privatgespräche dann bitte einstellen?“ Herr Thomann hatte mittlerweile seine Tasche auf dem Pult abgelegt und warf Nell einen finsteren Blick zu. „Sofern Sie nichts dagegen haben, würde ich gern mit dem Unterricht beginnen.“

Sie verdrehte die Augen, widmete sich aber der Lektüre.

Kurz blickte ich zu Sven hinüber, der das Buch ebenfalls aufschlug, einige Seiten vorblätterte, dabei allerdings gedan­kenversunken und fahrig wirkte. Beinahe so, als wäre er nicht ganz bei der Sache. Mir war nicht entgangen, dass er sich in den letzten Wochen ein Stück von uns zurückgezogen hatte und irgendwie verschlossener geworden war. Als Grund für sein Verhalten hatten Nell und ich Aurelia im Verdacht. Vermutlich hatte sie ihm irgendeinen Floh ins Ohr gesetzt oder damit gedroht, ihn aus ihrer LARP-Gruppe zu werfen.

„In den folgenden Textabschnitten geht es um Caesars Pläne, die Helvetier davon abzubringen, den leichteren Weg durch die römischen Provinzen zu nehmen. Letztendlich werden sie dazu gezwungen, ihre Route zu verlegen. Während sie also weiter durchs Land ziehen, morden und plündern sie, sodass die betroffenen Sequaner und Haeduer sich gezwungen sehen, sich an Caesar zu wenden. Wie Sie sehen, haben wir einige sehr spannende Passagen vor uns“, sagte Herr Thomann voller Überzeugung. „Liliane, wären Sie bitte so freundlich, den ersten Absatz zu übersetzen?“

Liliane nickte, tat sich aber mit der Übersetzung schwer und kam nur äußerst langsam voran.

„Gott, ist das langweilig“, murrte Nell leise.

Ich nickte nur und unterdrückte ein Gähnen. „Ich bin froh, wenn die Stunde um ist.“

„Wenigstens einer ist wie immer voll konzentriert bei der Sache“, meinte sie grinsend und nickte in Svens Richtung. Der saß wie versteinert da und starrte ununterbrochen in das Buch in seinen Händen, als handle es sich dabei um das Spannendste, was er je gelesen hatte.

Ich schmunzelte ebenfalls. „Aufmerksam mitzuarbeiten sieht ihm zumindest ähnlicher, als zu spät zu kommen und sich von uns zurückzuziehen.“

„Ja“, seufzte Nell. „Aber wer weiß, vielleicht machen wir uns ja auch unnötig Sorgen und vermuten völlig zu Unrecht in allem eine Verschwörung unserer lieben Pseudoqueen.“

„Danke, das reicht“, unterbrach der Lehrer Liliane. „Sven, machen Sie doch bitte mit dem nächsten Abschnitt weiter.“ Er richtete seinen Blick wieder auf sein Buch vor sich auf dem Lehrerpult. Als Sven jedoch nicht reagierte, schaute Herr Thomann überrascht wieder auf. „Wo liegt das Problem? Kommen Sie mit den neuen Vokabeln nicht zurecht?“

Sven starrte weiterhin regungslos ins Buch und schwieg noch immer.

Nell rutschte ein Stück näher zu ihm und stieß ihm mit dem Ellbogen in die Seite, woraufhin er kurz zusammensackte und sie beinahe wütend anblickte. Dann schien er zu registrieren, dass ihn sowohl alle Mitschüler als auch der Lehrer anschauten. „Entschuldigen Sie bitte, ich war in Gedanken.“

Das verschlug dem Lehrer kurz die Sprache, doch allzu schnell machte sich ein zorniger Ausdruck auf seinem Gesicht breit: „Na wenn das so ist, verzeihen Sie bitte die Störung. Ich wollte Sie natürlich nicht von wichtigen Dingen abhalten. Die Frage, was es zum Mittag gibt oder welchen Kinofilm man sich als Nächstes anschauen könnte, ist sicher bedeutender als diese Lateinstunde. Sie enttäuschen mich ein wenig, Sven. Bislang waren Ihnen Noten und eine gute Schulausbildung immer wichtig. Aber anscheinend färbt der schlechte Einfluss gewisser Leute allmählich auch auf Sie ab.“ Mit finsterer Miene sah er kurz in Nells Richtung, dann ließ er seinen Blick über die anderen Schüler wandern. „Sascha, bitte machen Sie weiter.“

An Svens Miene konnte ich nicht genau ablesen, ob Herrn Thomanns Worte ihn getroffen hatten, doch da er sonst nie solche Standpauken erhielt und ihm die Meinung der Lehrer immer wichtig war, ging ich davon aus, dass er davon durchaus verletzt war.

„Mach dir nichts draus“, meinte Nell tröstend. „Er wird dir wegen dem einen Mal sicher keine schlechtere Note geben.“

„Und selbst wenn“, sagte er leise. „Das spielt sowieso keine Rolle.“

„Siehst du, das ist die richtige Einstellung“, erklärte sie und legte ihm freundschaftlich den Arm um die Schulter. „Deine anderen Zensuren sind so gut, dass dir eine etwas schlechtere nicht gleich den Schnitt verhauen wird. Es wundert mich zwar, dass du das endlich einsiehst, aber vielleicht bringen meine ständigen Predigten ja doch etwas.“

Ich war mir da nicht so sicher … Er hatte einen so seltsam verschlossenen Gesichtsausdruck und wirkte tatsächlich so, als seien ihm die Worte des Lehrers vollkommen egal. Nur woher kam dieser plötzliche Sinneswandel? Dabei wäre er noch vor wenigen Wochen den kompletten Tag über panisch durch die Gegend gerannt vor Angst, seine Lateinnote könnte sich durch diesen Vorfall verschlechtern.

„Apropos, wo Herr Thomann gerade von Kino sprach. Wie sieht’s denn heute bei euch aus, habt ihr Lust? Im Moment laufen ein paar gute Filme.“

Ich wusste, dass sie nur nach einem Weg suchte, um möglichst lange von zu Hause wegbleiben zu können, damit sie ihren Eltern am Ende nicht doch noch beim Einräumen und Säubern der Ware helfen musste. Da wir allerdings schon seit Längerem nichts mehr mit Sven unternommen hatten, stimmte ich zu.

„Ich weiß nicht so recht“, wandte der ein. „Ich hab eigentlich noch genug zu tun. Da sind Hausaufgaben, die ich noch erledigen muss, und …“

„Nix da“, unterbrach Nell ihn und verpasste ihm einen leichten Stoß in die Seite. „Du drückst dich in letzter Zeit ständig davor, dich mit uns zu treffen, und schiebst irgendwelche Ausreden vor. Aber diesmal kommst du damit nicht durch. Und wenn ich dich persönlich von zu Hause abholen muss.“

Er seufzte leicht. „Also gut, aber sucht bitte keine allzu späte Vorstellung raus.“

Ein paar Stunden später saßen wir schließlich im Kino und schauten uns einen Film an, von dem Nell versprochen hatte, er würde uns „von den Socken hauen“, immerhin sei der Trailer „total spannend und blutrünstig“ gewesen.

„Ich fass es einfach nicht, wie du es immer wieder schaffst, uns in solche Filme zu bekommen“, murrte ich.

Die Hauptfigur betrachtete gerade eine Vielzahl an Schwarz-Weiß-Fotografien, die ohne jegliche Ordnung an eine Wand gepinnt waren und auf denen seine verschwundene Ehefrau abgelichtet war.

„Ich meine, es steht doch wohl außer Frage, dass sie eine Affäre hat und nun gemeinsam mit ihrem Liebhaber versucht, den Ehemann aus dem Weg zu räumen. Aber der ist natürlich der Einzige, der das nicht kapiert.“

Nell griff erneut in die Tüte vor sich und steckte sich eine Handvoll Popcorn in den Mund, während ihr Blick weiterhin auf die Leinwand geheftet war. „Bis jetzt mag das ja so aussehen, aber sicher kommt gleich die überraschende Wendung.“

„So schlecht, wie die Kritiken waren, brauchst du darauf nicht zu warten“, meinte Sven. Vor lauter Langeweile hatte er damit begonnen, auf seinem Smartphone herumzutippen.

„Mann, bist du bescheuert?!“, rief sie nicht gerade leise in Richtung Hauptdarsteller, den ein lautes Geräusch hatte aufschrecken lassen, sodass er die Fotowand hinter sich ließ und sich stattdessen auf die Suche nach der Ursache des Lärms begab. Er trat leise in den finsteren Korridor, blickte sich nervös um und rannte natürlich genau in die Arme seiner Mörder. „Meine Güte, dir ist echt nicht mehr zu helfen. Was bist du denn für eine Hohlbirne?“, schimpfte Nell weiter. „Hast du noch immer nicht kapiert, dass dich deine Alte und ihr Macker hierhergelockt haben, um dich abzumurksen?“

„Ich glaube kaum, dass er dich hören kann“, gab Sven zu bedenken.

„Der Film ist echt so was von bescheuert“, stellte sie fest, als sowohl Liebhaber als auch Ehefrau hinter einer Ecke hervorgesprungen kamen und sich auf den armen Kerl stürzten.

„Gehen wir“, sagte Nell entschlossen. Sie raffte die letzten Popcornkrümel zusammen, warf sie sich in den Mund und stand auf. „Der Film ist absoluter Mist.“

„Hab ich doch gleich gesagt.“ Sven war in der Tat von Anfang an dagegen gewesen, sich diesen Thriller anzusehen.

„Wenn es immer danach gehen würde, was du alles blöd findest, würden wir kaum mehr aus dem Haus kommen.“

„Manchmal wäre das vielleicht auch besser“, fügte er hinzu, während wir das Kino verließen.

„Na ja“, meinte sie weiter, „jetzt wissen wir wenigstens schon mal, dass wir uns den zweiten Teil schenken können.“

„Ist mir nur recht. Das alles ist ohnehin nur vergeudete Zeit, die man weiß Gott besser nutzen kann“, sagte Sven.

„Als ob Lernen alles im Leben wäre“, prustete sie verächtlich. „Und überhaupt, seit wann ist es denn Zeitver­schwendung, mit uns was zu unternehmen?“

Ich verstand sehr gut, dass sie aufgebracht war. Es stimmte zwar, dass Sven abends noch nie sonderlich gern weggegangen war und Vorschläge in dieser Richtung immer von Nell und mir gekommen waren, aber letztendlich hatten wir drei immer viel Spaß gehabt.

„Ich meine ja nur, dass es im Leben nicht nur darum geht, sich zu amüsieren. Natürlich sind Freunde wichtig, aber man sollte darüber nicht seine Ziele vergessen.“ Während er den letzten Satz sprach, legte sich sein Blick auf mich.

„Wieso schaust du mich dabei so an?“, hakte ich nach.

Nell grinste breit. „Na, wenn das mal nicht wieder ein Seitenhieb in Richtung unserer Sahneschnitte war. Du kannst ihn wohl noch immer nicht leiden, was?“

„Um ganz ehrlich zu sein: nein“, gab er unumwunden zu. „Aber ich versuche, mich mit der Situation zu arrangieren.“

„Ich weiß wirklich nicht, was du gegen ihn hast“, meinte ich. „Wenn du Ray etwas besser kennenlernen würdest, würdest du einsehen, dass deine Vorurteile absoluter Blödsinn sind.“

Darauf ging Sven gar nicht erst ein, sondern fragte stattdessen: „Wenn ich das richtig mitbekommen habe, war er schon eine ganze Weile nicht mehr hier. Wann kommt er dich denn wieder besuchen?“

Ich war von seinem plötzlichen Interesse überrascht, denn normalerweise wollte er so wenig wie möglich über meine Beziehung wissen.

„Ich bin nicht sicher“, antwortete ich. „Es kann gut sein, dass er dieses Wochenende wieder hier ist.“

Auch wenn die Dämonen ihm mittlerweile wieder etwas mehr Freiraum ließen, konnte Ray seine Besuche weiterhin nur kurzfristig planen. Er wollte erst einmal vorsichtig bleiben, um das Augenmerk der anderen nicht erneut auf sich zu lenken.

„Wieso ist es immer so schwer zu sagen, wann er dich be­suchen kommt?“, hakte Sven weiter nach. „Wo wohnt er jetzt eigentlich? Das hast du mir nie erzählt. Muss ja ein ganzes Stück von hier entfernt sein.“

Bildete ich mir das nur ein oder lag in seinem Blick tatsächlich etwas Abwägendes, beinahe Misstrauisches?

Ich zögerte mit einer Antwort, da ich dieses plötzliche Interesse nicht ganz einzuordnen wusste und mir auch erst einmal ein passender Ort einfallen musste, den ich nennen konnte.

„Rays Familie wohnt in München“, sprang Nell erklärend ein.

Sven hob erstaunt die Brauen. „München also?“

Sie nickte bestimmt.

„Seltsam, man hört bei ihm überhaupt keinen Dialekt heraus.“

„Na ja, er ist dort ja auch nicht geboren, sondern lebt erst seit ein paar Jahren in der Stadt“, fuhr Nell fort.

„Ach so? Und wo ist er dann aufgewachsen?“

„Was sollen diese ganzen Fragen plötzlich?“ Ich bemühte mich erst gar nicht darum, meine Wut aus der Stimme zu halten. „Bis eben wolltest du nie etwas über ihn wissen und jetzt hättest du wohl am liebsten seinen Lebenslauf samt Ahnentafel oder was?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ihr sagt mir doch ständig, ich soll ihn endlich akzeptieren. Aber wie soll ich das machen, wenn ich so gut wie nichts über ihn weiß? Also versuche ich, ihn besser kennenzulernen und meine Vorurteile – wie du schon sagtest – aus dem Weg zu räumen. Ich verstehe nicht, wieso du plötzlich so verschlossen bist. Was ist denn dabei, wenn ich diese Dinge wissen möchte?“

„Es geht nicht darum, was für Fragen du stellst, sondern wie“, erklärte ich. „Aber wenn es dir wirklich nur darum geht, dein Misstrauen ihm gegenüber abzulegen, dann freut mich das natürlich. Ich fände es schön, wenn ihr euch besser verstehen würdet.“

Er nickte bestätigend. „Ich möchte Ray schon deshalb besser kennenlernen, damit er endlich nicht mehr zwischen uns steht. Wir könnten ja vielleicht auch mal was zusammen unter­nehmen, wenn er wieder hier ist. Was meinst du?“

Ich nickte zögerlich, war mir noch nicht sicher, ob das tatsächlich eine gute Idee war.

„Gut“, sagte er und war offensichtlich zufrieden. „Ich hoffe, es klappt bald.“

Irgendetwas an seinem Lächeln machte mich stutzig, ohne dass ich sagen konnte, was es war. Eigentlich wünschte ich mir schon lange, dass Sven und Ray Frieden schlossen. Doch sein Gesichtsausdruck löste in mir die vage Ahnung aus, dass es dazu nie kommen würde …

Nayels Augen huschten über die geschwungene Schrift auf dem alten, vergilbten Pergament. Sie hielt es vorsichtig in den Händen. Es handelte sich um eine der Abschriften, die sie in dem Gewölbe gefunden hatte, in dem Refeniel gegen einen Morphet gekämpft und ihn dabei getötet haben musste.

Sie griff zu einem der Flakons, die sie auf dem Tisch aufgereiht hatte. Sie standen neben unzähligen Phiolen, Fläschchen und Gefäßen, die wiederum die unterschied­lichsten Tränke und Substanzen enthielten. Dazu hatte sie mehrere verschiedene Kräuterbündel und mit Pulvern gefüllte Säckchen gelegt. Einiges davon würde sie mit Sicherheit brauchen.

Ihr Verstand arbeitete messerscharf, während sie den Spruch erneut durchging und dabei überlegte, wie sie ihn ihrem Vorhaben entsprechend anpassen konnte. Schon als kleines Mädchen hatte sie ein ausgeprägtes Interesse an Zaubersprüchen gehabt. Sie hatte jeden ausprobiert, der ihr in die Finger gekommen war. Doch ihr eigentliches Talent lag darin, mit diesen Sprüchen zu experimentieren und sie umzuwandeln. Mittlerweile war sie diesbezüglich zu einer echten Spezialistin geworden, sodass es ihr gelang, aus jedem Zauber das Maximum herauszuholen.

Langsam legte sie das Schriftstück beiseite und runzelte kurz nachdenklich die Stirn. Sie erhob sich und griff zu einem Bündel Javakraut und einem Zweig Distelpalme. Damit würde sie beginnen, und anschließend brauchte sie noch ein Amulett, an das sie die Magie binden konnte. Allmählich nahm ihre Vorstellung Formen an. Sie ging im Kopf Schritt für Schritt durch und war sich sicher, dass es ihr gelingen würde, den Spruch so zu verändern, dass er am Ende den gewünschten Effekt bringen würde.

Refeniel war in der Bibliothek und brütete, wie so oft in letzter Zeit, über irgendwelchen Büchern. Das sah ihm gar nicht ähnlich. Er schien sich jedenfalls wieder sicherer und un­beobachtet zu fühlen. Sie selbst hatte dafür gesorgt, dass sich die anderen zurückzogen.

Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie hinter sein Geheimnis käme, und dann würde sie endlich einschreiten können.

Sie würde schon dafür sorgen, dass er endlich wieder Vernunft annahm und Neffarell zukünftig nicht mehr verließ. Dafür wäre ihr jedes Mittel recht …

„Gerade in der heutigen Zeit sind wir überall vom Bösen umgeben. Es zeigt sich in Verlockungen, in losen Moralvor­stellungen und führt jeden von uns tagtäglich in Versuchung. Es ist wichtig, das zu erkennen und sich standhaft zur Wehr zu setzen. Und dies ist nur mit einem festen Glauben möglich. Wenn wir an diesem festhalten, uns unsere Vorsätze immer wieder ins Gedächtnis rufen und aus der Bibel Kraft schöpfen, dann nehmen wir dem Bösen den Nährboden.“

„Meine Güte, ist das wieder ätzend“, jammerte Nell neben mir. „Wer hätte noch vor einem Jahr gedacht, dass unser Religionsunterricht mal überwiegend aus Predigten bestehen würde, wie sie allenfalls im Mittelalter von der Kanzel gehalten wurden.“

„Es ist echt anstrengend, dem Kerl zuzuhören“, stimmte ich ihr zu. Ich unterdrückte ein Gähnen und griff gleichzeitig zu meiner Thermoskanne, um meine Tasse aufzufüllen. Ich würde sicher noch eine Menge Kaffee brauchen, um diese Stunde durchzustehen.

„Gehen wir nach der Schule noch zu dir?“, fragte Nell.

Ich schmunzelte. „Sind deine Eltern etwa immer noch nicht mit Einräumen fertig?“

„Ach, du hast ja keine Ahnung“, stöhnte sie. „So viel Zeug, wie die gekauft haben, dauert das noch Jahre, bis alles in die Inventarlisten aufgenommen und im Laden aufgestellt ist. An der Fuhre haben noch ganze Generationen ihren Teil abzu­arbeiten.“

„Wenn das mal kein schönes Erbe ist“, foppte ich sie.

Sie winkte ab. „Was ist nun? Hast du nachher Zeit?“ Sie sah mich bittend an.

„Ja, hab ich. Wir können also gerne was zusammen machen.“

„Klasse, du bist wie immer meine Rettung“, erklärte sie erleichtert.

„Was ist mit Sven, meinst du, er hätte auch Lust?“

„Wir können ihn ja fragen. Dann kann er uns auch gleich noch bei dem Aufsatz für Geschichte helfen. Alleine sitze ich sicher Stunden daran.“

„So ein Aufsatz schreibt sich nun mal nicht von selbst, egal wie lange du das leere Papier auch anstarrst“, erklärte ich.

„Sehr witzig. Ich weiß halt oft nicht, wie ich anfangen soll, Mit Svens Hilfe geht es wesentlich schneller.“

Was vor allem daran lag, dass er den Aufsatz letztendlich mehr oder weniger allein schrieb.

Er schaute gerade gebannt nach vorne Richtung Tafel, wo Herr Rieger vor der Klasse auf und ab schritt und seine üblichen Moralpredigten hielt. Sven lauschte den Worten, als handelte es sich dabei um echte Weisheiten, die man sich keinesfalls entgehen lassen durfte.

„Heute hört er wohl ganz genau hin“, stellte Nell fest. Dann stieß sie ihn mit dem Ellbogen an, woraufhin er erschrocken hochfuhr.

„Was?“, zischte er.

„Tschuldige“, brummte sie leicht verärgert über seine ruppige Art. „Ich wollte nur wissen, ob du nachher auch mit zu Emily kommst.“

Er reagierte nicht.

„Wir wollen Hausaufgaben machen“, fügte sie hinzu, als sei das ein wahnsinnig verlockendes Angebot, das er unmöglich ausschlagen konnte.

„Müssen wir das jetzt besprechen?“, fragte er kurz angebunden und blickte weiterhin nach vorn.

„Wieso sollten wir nicht? Herr Rieger erzählt doch sowieso immer denselben Mist.“

„Wenn du mal etwas genauer zuhören würdest, würde dir sicher auffallen, dass er mit vielem, was er sagt, recht hat.“

Nell schaute kurz ungläubig zu mir und wandte sich dann wieder an Sven. „Hast du jetzt den Verstand verloren, oder was? Der Kerl ist doch total irre! Es ist ein Wunder, dass man so jemand überhaupt auf Schüler loslässt. Wo, bitte schön, ergibt denn irgendetwas von seinem Geschwafel Sinn?“

„Ihr müsstet nur mal die Augen aufmachen: Seht ihr denn nicht, dass die Gesellschaft immer mehr zerfällt? Sie verliert jeglichen Sinn für Moralvorstellungen und das Gefühl dafür, was im Leben tatsächlich von Bedeutung ist. Heute ist nur noch wichtig, etwas darzustellen, möglichst gut auszusehen und erfolgreich zu sein. Wir suchen uns Vorbilder aus Sport, Film und Fernsehen, überhäufen sie mit Geld und stellen sie auf ein Podest, als seien sie Götter. Das alles ist so sinnlos, seht ihr das denn nicht? Das sind Dinge, die uns vom rechten Weg abbringen und uns für die Verführungen des Bösen empfänglich machen.“

„Oh Mann, was hat dich denn gebissen? Bist du vielleicht krank?“, fragte Nell verwundert.

„Das kann doch unmöglich dein Ernst sein“, wandte auch ich ein. „Seit wann gibst du denn was auf dieses Geschwätz?“

„Das ist kein Geschwätz, und es macht mich zutiefst traurig, dass ihr das nicht erkennen wollt. Das zeigt nur, wie tief ihr bereits in all dem drinsteckt.“

„Was soll das denn jetzt heißen?“, hakte Nell empört nach.

„Wie dem auch sei“, fuhr er fort und überging ihren Einwand. „Ich wollte ja eigentlich auch nur sagen, dass ich Herrn Rieger gern weiter zuhören möchte. Und was deine Frage von eben betrifft: Nein, ich komme nicht mit zu Emily, sondern geh gleich nach Hause.“

Er wandte sich wieder dem Lehrer zu und ignorierte uns für den Rest der Stunde.

Nell sah mich vollkommen verwirrt an, und auch ich konnte Svens Reaktion nicht nachvollziehen. Was war nur in letzter Zeit mit ihm los?

„Bist du ganz sicher, dass du nicht doch mitkommen willst?“, versuchte es Nell nach Schulschluss noch einmal. „Es tut uns ehrlich leid, dass wir dich in Reli gestört haben. Allerdings konnte ja auch keiner ahnen, dass du dich neuerdings für so einen Kram interessierst.“

„Danke, aber ich muss wirklich gleich los. Ich will noch ein bisschen für die Matheklausur lernen und anschließend früh ins Bett. Ich bin ziemlich müde.“

„Lernen könntest du auch mit uns“, schlug sie halbherzig vor. Vermutlich hatte sie genau wie ich erkannt, dass sie sich weitere Überredungsversuche sparen konnte.

Wir wollten uns gerade von ihm verabschieden, als ich eine mir allzu vertraute Gestalt am Eingang zum Schulhof entdeckte.

Ray.

„Was macht der denn hier? Hat er keine Schule?“, fragte Sven wenig erfreut.

„Er nimmt Unterricht eben nicht ganz so wichtig wie gewisse andere Leute, sondern setzt die richtigen Prioritäten“, sprang Nell erklärend ein.

Mit schnellen Schritten eilte ich Ray entgegen.

Kaum stand ich vor ihm, legte er seine Arme um mich und zog mich zu sich heran, woraufhin mein Herz ein paar schnelle Sprünge tat. Alles in mir drängte mich, ihn zu küssen, aber hier, mitten auf dem Schulhof, war das keine gute Idee. Wieder einmal bereute ich es, ihn damals als meinen Cousin ausgegeben zu haben.

un musste ich mich fürs Erste mit einem tiefen Blick aus seinen wundervollen Mitternachtsaugen begnügen, in denen die Sprenkel wie flüssiges Gold tanzten. Ein Umstand, der mein Verlangen nicht gerade weniger werden ließ.

„Ich konnte mich für ein paar Stunden aus Neffarell fortstehlen. Hast du jetzt Zeit?“

Selbst wenn ich keine Zeit gehabt hätte, hätte ich sie mir auf der Stelle genommen. Die seltenen Momente, in denen wir uns sehen konnten, waren immer etwas ganz Besonderes.

„Eigentlich wollte Nell noch mit zu mir, aber sie hat bestimmt nichts dagegen, wenn wir das auf ein anderes Mal verschieben. Ich sag ihr nur schnell Bescheid, und dann können wir los.“

Ich nahm seine Hand, drückte sie fest und zog ihn zurück zu den anderen.

„Schon okay, du musst gar nichts weiter erklären“, sagte sie grinsend, kaum dass wir bei ihr angekommen waren. „Ich kann gut verstehen, dass ihr lieber zu zweit was machen wollt. Hauptsache, du erzählst mir später alles.“ Sie zwinkerte mir zu.

„Danke, du bist echt die Beste“, erwiderte ich. „Wir holen das auf jeden Fall nach.“

„So einfach willst du es ihr machen?“, schaltete Sven sich ein. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, und sein Blick wanderte zwischen mir und Nell hin und her. Ray hingegen beachtete er nicht einen Moment lang.

„Wie meinst du das?“, fragte ich nach.

„Na ja, ich dachte, ihr hattet eine Verabredung. Die kannst du doch nicht einfach absagen, nur weil dein Freund plötzlich auftaucht. Zumal Ray ja auch vorher hätte anrufen können, um Bescheid zu sagen, dass er dich besuchen kommt. Ich finde es eigenartig, dass er immer unangekündigt hier auftaucht und du ständig nach seiner Pfeife tanzen musst.“

„Jetzt hör mal zu, Kleiner.“ Ray hatte einen leicht drohenden Unterton in der Stimme. „Misch dich nicht in Dinge ein, die dich nichts angehen.“

„Du willst mir erzählen, dass meine Freundinnen mich nichts angehen? Ich werd den Teufel tun und dabei zuschauen, wie Emily von einem dahergelaufenen Machoschönling wie dir rum­kommandiert wird.“

„Jetzt beruhig dich mal wieder“, mischte sich Nell ein. „Wie war das gestern? Ich dachte, du wolltest versuchen, dich besser mit ihm zu verstehen, und nicht erneut einen Kleinkrieg anzetteln.“

„Ja, ich würd ihn gern näher kennenlernen, um dann zu entscheiden, ob er mein Vertrauen verdient oder nicht. Mit solchen Aktionen wird ihm das allerdings nicht gelingen.“

Ray zischte verächtlich. „Als ob mich interessieren würde, ob du mich leiden kannst oder nicht. Glaub mir, das ist das Letzte, um was ich mir Gedanken mache.“

Sven schwieg einen Moment und betrachtete ihn herab­lassend. „Das solltest du aber vielleicht.“

„Jetzt reiß dich mal zusammen“, fuhr ich ihn an. „Du bist nicht mein Aufpasser, den ich um Erlaubnis fragen muss.“

„Nein, bin ich nicht“, gab er zu. „Ich appelliere ja auch nur an dein Gewissen. Ich finde eben, du solltest deine beste Freundin nicht wegen eines Kerls einfach stehen lassen.“

„Das tut sie ja auch nicht“, beharrte Nell. „So, und jetzt geht endlich. Wir haben mehr als genug diskutiert, das ist doch einfach lächerlich.“

Im Stillen gab ich ihr recht und sagte darum: „Okay, wir sehen uns morgen.“ An Sven gewandt fügte ich hinzu: „Bis dahin hast du dich hoffentlich wieder eingekriegt.“

Er sah nun bei Weitem nicht mehr so selbstsicher und kaltherzig aus wie eben, sondern wirkte eher angespannt, als ringe er mit sich. „Emily, willst du ihn wirklich mit zu dir nach Hause nehmen?“

Er klang besorgt.

„Das ist ja wohl keine Antwort wert“, antwortete ich, wandte mich ab und ging mit Ray los.

Nach ein paar Metern blickten wir uns beide noch einmal um. Sven stand wie versteinert da, starrte uns noch immer hinterher und hatte dabei die Fäuste geballt.

„Irgendwie ist er heute ganz besonders seltsam“, sagte ich leise. Dieser Blick, mit dem er uns nachschaute, wirkte so kalt und zugleich voller Entschlossenheit …

Ray betrachtete Sven weiterhin aufmerksam und sagte: „Du hast recht. Er war ja schon immer ein bisschen eigenartig, aber irgendwie hat er sich verändert.“

Selbst ihm war es also aufgefallen, und das, obwohl er Sven nicht allzu oft zu Gesicht bekam. Allmählich bereitete mir diese Verwandlung ernsthaft Sorgen.

 

Der Fall einer Königin

In dem schummrigen Raum, in dem sich mehrere alte Bücher­regale befanden, war es relativ kühl. Nicht nur die Regale waren mit unzähligen Schriften und Folianten vollgestellt, auch auf dem Sekretär türmten sich mehrere Bücher, alte Pergamente und zahlreiche Zettel, auf denen sich Herr Rieger Notizen gemacht hatte.

Die ersten Male, als er hier gewesen war, hatte sich Sven fehl am Platz gefühlt und war verunsichert gewesen. Mittlerweile mochte er den Kellerraum jedoch, weil er sich hier fast wie in einer anderen Welt fühlte. Hier wurden Dinge in die Wege geleitet, die tatsächlich von Bedeutung waren. Dinge, die die Zukunft verändern konnten. Während die Menschen draußen tagtäglich den immer gleichen belanglosen Tätigkeiten nach­gingen, bewegten Herr Rieger und er hier unten etwas. Außer ihnen beiden ahnte niemand etwas von der Gefahr, die sie allgegenwärtig umgab. Er selbst hatte ja bis vor Kurzem auch nichts von all dem gewusst, hatte sich in Sicherheit gewähnt und sich an ein festes Weltbild geklammert.

Davon war mittlerweile jedoch nichts mehr übrig. Jetzt wusste er, dass überall Dämonen lauerten, die hinter den Menschen her waren. Entweder um sie zu töten oder um an deren Seelen zu gelangen, die für diese Kreaturen von unglaublichem Wert waren, zumal sie selbst keine besaßen. Seelen steckten voller Kraft und konnten die Dämonen somit stärken. Je reiner eine Seele war, desto größer war auch die Macht, die in ihr ruhte. Mit solchen Erkenntnissen hatte ihm Herr Rieger nach und nach die Augen geöffnet.

Es war zunächst ein großer Schock gewesen; immerhin war er bis zu diesem Zeitpunkt ein rational denkender Mensch gewesen, der an die Wissenschaft glaubte und sicher war, dass es auf jede Frage eine Antwort gab. Zu erkennen, dass er einem Irrglauben aufgesessen und sein ganzes bisheriges Weltbild falsch war, hatte seinem Leben und Denken eine neue Richtung gegeben.

Sven warf seinem Lehrer, der gerade hochkonzentriert in einem alten Buch las, einen anerkennenden Blick zu. Er bewunderte ihn für seinen Einsatz und war ihm für seine Hilfe unendlich dankbar, zumal Sven längst wusste, dass Herr Rieger krank war. Wobei sein Lehrer nicht darüber sprechen wollte und er deshalb nicht wusste, um welches Leiden es sich genau handelte.

Herr Rieger schaute endlich wieder auf. „Ich bin mir nicht sicher, wie der Dämon es geschafft hat, sich der Seele deiner Freundin zu bemächtigen. Vielleicht ist sie von selbst auf den falschen Weg geraten, hat sich für seine Verführungen geöffnet und sich verleiten lassen. Es kann aber auch sein, dass der Kerl einen Zauber angewandt hat.“

Sven nickte. „Das wäre gut möglich. Anfangs konnte sie Ray nicht ausstehen, sie hat ihn regelrecht gehasst. Dann waren sie plötzlich zusammen, konnten kaum mehr die Finger von­einander lassen. So kenne ich Emily gar nicht. Sie hat sich in kurzer Zeit total verändert, und ich bin mir sicher, nein, ich weiß ganz einfach, dass dieser Kerl dahintersteckt.“

Er hatte vor Wut die Fäuste geballt. Hitze stieg ihm ins Gesicht, sodass sich darauf sicher wieder die für ihn so typischen roten Stressflecken ausbreiteten, während vor seinem inneren Auge immer wieder Bilder der beiden abliefen, wie Ray Emily in den Armen hielt, sie küsste und berührte … Dieser Typ, der nicht mal ein Mensch war, sondern eine bösartige, von Grund auf verdorbene Kreatur …

„Wir werden das Mädchen retten, doch dafür müssen wir zunächst ihre Seele reinwaschen, und das dürfte nicht allzu einfach werden. Sie ist diesem Dämon bereits in solchem Maße verfallen, dass sie sich bestimmt zur Wehr setzen und dir keinen Glauben schenken wird, wenn du versuchst, ihr zu erklären, was dieses Wesen ihr angetan hat.“

Herr Rieger hatte recht. Emily würde ihm nicht einmal zuhören, da war sich Sven absolut sicher. Aber irgendwie mussten sie sie aus den Fängen dieses Dämons befreien!

„Deshalb müssen wir ein ganz bestimmtes Ritual durchführen, um sie zu reinigen. Aber das ist leider mit einigen Risiken verbunden“, gab Herr Rieger seufzend zu. „Es könnte etwas schiefgehen, sodass einer von uns dabei verletzt wird. Es wird einige Zeit in Anspruch nehmen, das Ritual vorzubereiten. Somit besteht die Gefahr, dass uns der Dämon vorher auf die Schliche kommt.“

„Ich bin bereit, alles dafür zu tun, was nötig ist, damit es nicht so weit kommt.“

Ein seltsames Lächeln stahl sich auf die Lippen des Lehrers, als er nickend sagte: „Das wollte ich hören, mein Junge. Gemeinsam wird es uns gelingen. Aber damit wir unser Vorhaben erfolgreich umsetzen können, müssen wir auch den richtigen Zeitpunkt abpassen, und dafür ist es unabdingbar, so viel wie möglich über diesen Dämon in Erfahrung zu bringen. Bist du dir sicher, dass du mir alles erzählt hast, was du über diesen Ray weißt?“

Sven nickte. „Ich habe Ihnen nichts verschwiegen. Mittler­weile bin ich davon überzeugt, dass auch Nell über ihn Bescheid weiß, doch mir wollen sie die Wahrheit einfach nicht sagen.“ Noch etwas, das ihn nicht nur maßlos ärgerte, sondern ihn auch verletzte. Warum enthielten sie ihm diese Dinge vor? Vertrauten sie ihm etwa nicht? Stand er ihnen nicht so nah, wie er geglaubt hatte?

„Es ist unabdingbar, dass wir diese Kreatur noch besser kennenlernen. Nur wer seinen Feind genau analysiert hat, kann ihn am Ende auch besiegen.“

Sven nickte entschlossen. „Ich werde mein Bestes geben.“

Erneut erschien auf Herrn Riegers Lippen dieses eigenartige Grinsen. „Nichts anderes habe ich von dir erwartet, mein Junge.“

(2) Comments

  1. Sabine says:

    Hallo Juliane ,

    die Leseprobe gefällt mir jetzt schon richtig gut , verspricht wieder ein tolles Buch zu werden … Ich freu mich schon sehr darauf !!! 🙂 🙂

    liebe Grüße , Sabine

    1. Juliane says:

      Liebe Sabine,

      vielen lieben Dank! Es freut mich wirklich riesig, dass dir die Leseprobe gefällt und Lust auf den Rest macht. Ich hoffe, dieser wird dich mindestens genauso begeistern können. Ich wünsche dir auf jeden Fall ganz viel Spaß beim Lesen; allzu lange dauert es nun ja nicht mehr. 😉

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